Rezension über:

Gisela Notz: Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub. Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag 1957-1969. Mit 12 Biographien, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2007, 390 S., ISBN 978-3-8012-4175-9, EUR 29,90
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Rezension von:
Elisabeth Zellmer
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth Zellmer: Rezension von: Gisela Notz: Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub. Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag 1957-1969. Mit 12 Biographien, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 1 [15.01.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/01/13755.html


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Gisela Notz: Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub

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Die parlamentarische Arbeit der SPD im Bundestag während der 1950er- und 1960er-Jahre ist vor allem mit den Namen der Fraktionsvorsitzenden Erich Ollenhauer, Fritz Erler und Helmut Schmidt verbunden. Während sich die Historiker ihres Lebens und ihres Werks bereits angenommen haben, sind die Abgeordneten, die keine herausragenden Positionen bekleideten, weitgehend unbekannt geblieben; dies gilt insbesondere für die Frauen unter ihnen. Einem Projekt des Historischen Forschungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung geht es nicht zuletzt deshalb um eine "Gesamtschau auf alle SPD-Parlamentarierinnen, gleichgültig ob sie später berühmt wurden oder in Vergessenheit gerieten" (7). Nach dem Buch "Frauen in der Mannschaft" [1], das sich mit den 26 Sozialdemokratinnen befasst, die im Parlamentarischen Rat und in den ersten beiden Wahlperioden im Bundestag aktiv waren, legt Gisela Notz, wissenschaftliche Referentin der Friedrich-Ebert-Stiftung, nun die Lebensbilder der zwölf Frauen vor, die von 1957 bis 1969 erstmals für die SPD in den Bundestag gewählt wurden.

Gisela Notz baut ihre biografischen Skizzen vor allem auf Interviews auf, wertete aber auch Archivalien, Lebenserinnerungen und Zeitungen aus. Die Quellensuche beschreibt die Autorin als "außerordentlich kompliziert und langwierig", das Material als "äußerst heterogen" (14). Dass sich zum Teil nur wenige Spuren finden ließen, führt Gisela Notz unter anderem auf die "immer wieder festzustellende Bescheidenheit der Politikerinnen selbst [...], verbunden mit der niedrigen Einschätzung ihres eigenen Wirkens" (15), zurück. An Stellen wie dieser klingt bereits die große Sympathie an, die die Autorin den Abgeordneten entgegenbringt - eine Sympathie, die bisweilen (und vor allem dann, wenn Gisela Notz selbst mit ihren Protagonistinnen gesprochen hat) zu einer enthusiastischen Würdigung gerät. Trotz dieser Einschränkung liefert das vorliegende Buch einen interessanten Beitrag zum politischen Engagement von und für Frauen in der SPD.

Frauenpolitik wird dabei in einem doppelten Sinne verstanden, wobei die Verfasserin nach "Bedingungen, Voraussetzungen und Behinderungen" (10) fragt. In einer einleitenden Bestandsaufnahme über die gesellschaftliche und politische Situation in der Bundesrepublik in den 1950er- und 1960er-Jahren stellt Gisela Notz die Dominanz traditioneller Geschlechtermodelle und den exotischen Status der Parlamentarierinnen heraus. So habe die SPD die weibliche Bevölkerung beispielsweise im Godesberger Programm fast ausschließlich im Zusammenhang mit der Hausfrauen- und Mutterrolle gesehen. Zudem wollte die Partei auf ihrem Weg zur Macht zwar Frauen als Wählerinnen und Mitstreiterinnen gewinnen, doch ihr tatsächlicher Einfluss ließ zu wünschen übrig: Der Anteil der Frauen an der SPD-Bundestagsfraktion war im Untersuchungszeitraum von etwas über auf knapp unter zehn Prozent gesunken.

Die folgenden zwölf Porträts in der Länge von jeweils etwa 25 Seiten gliedert Gisela Notz in die Abschnitte Kindheit, Jugend und Ausbildung, erste politische Arbeit/Leben im Nationalsozialismus, Wiederaufbau und Parteiarbeit nach 1945, Arbeit im Bundestag und Tätigkeit nach dem Ausscheiden aus dem Parlament. Da an dieser Stelle nicht näher auf die einzelnen Biografien eingegangen werden kann, seien zwei Charakteristika des Buches hervorgehoben. Zum ersten zeigt die Autorin, dass die weiblichen Abgeordneten tatsächlich mehr waren als "bunte Tupfen im Bonner Männerclub", wenn sie etwa das Engagement von Brigitte Freyh für Entwicklungshilfe, Bildungs- und Beschäftigungspolitik, den Einsatz von Hedwig Meermann für Verbesserungen im Wohnungs- und Städtebau oder die Arbeit von Elfriede Seppi im Petitionsausschuss schildert. Zum zweiten versammelt die Historikerin in ihrem Buch ganz unterschiedliche Frauen: Die älteste von ihnen - die 1957 zur SPD übergetretene Helene Wessel - kam 1898 zur Welt, die jüngste - Ursula Krips - 1933. Diese Akademikerin wurde in den 1960er-Jahren als Vertreterin einer neuen Generation in der SPD angesehen und stand neben "geborenen Sozialdemokratinnen" wie Dorothea Lösche, Edith Krappe oder Hildegard Schimschock, für die die politische Sozialisation in der Weimarer Zeit und die bittere Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur prägend waren. Zudem differierte die Mandatsdauer erheblich: von knapp zwei Jahren bei Ingeborg Kleinert bis zu mehr als zwei Jahrzehnten bei Elfriede Eilers. Auch die Arbeitsschwerpunkte unterschieden sich stark, die etwa bei Ilse Elsner in der Europapolitik, bei Else Zimmermann aber in der Kommunalpolitik lagen.

Das Schlusskapitel besteht aus einem sehr knappen Resümee und einem Ausblick auf die Frauenpolitik der SPD seit den 1970er-Jahren, wobei Ähnlichkeiten mit dem entsprechenden Kapitel des Bandes über die Jahre zwischen 1948 und 1957 unverkennbar sind. Dabei kommt Gisela Notz zu dem Schluss, dass sich Sozialstruktur und Lebenserfahrung der porträtierten Gruppe wesentlich heterogener gestalteten, als dies bei den SPD-Parlamentarierinnen der ersten Nachkriegsjahre der Fall war. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Stellung der Politikerinnen und ihre frauenpolitischen Ansichten in der Zusammenfassung mehr Raum erhalten hätten. So ist in den einzelnen Biografien immer wieder vom Umgang der Presse mit weiblichen Abgeordneten sowie von den Handlungsstrategien und den Frauenbildern der Politikerinnen die Rede. Eine analytische Verdichtung hätte vermutlich den Befund erhärtet, dass sich die Parlamentarierinnen gegen viele Vorurteile zur Wehr setzen mussten und eine Frauenpolitik betrieben, die die Realität der Diskriminierung zwar erkannte, die "Grenzen der patriarchalen Gesellschaftsnormen" jedoch nicht "grundsätzlich" in Frage stellte (346). Trotzdem erweist sich die vorliegende Studie als äußerst informativ, wenn es um die Frage geht, wie Sozialdemokratinnen am politischen Wiederaufbau nach 1945 und an der Gestaltung der Bundesrepublik mitgewirkt haben. Darüber hinaus spiegeln die Lebensgeschichten der einzelnen Frauen in lesenswerter und spannender Weise die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.


Anmerkung:

[1] Gisela Notz: Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948-1957, Bonn 2003.

Elisabeth Zellmer