sehepunkte 7 (2007), Nr. 12

Wilhelm Füßl: Oskar von Miller 1855-1934

Seit der Grundsteinlegung für das Deutsche Museum in München im Jahre 1906 ist dessen Bestehen auch der Hauptgrund für die Bekanntheit seines Gründers Oskar von Miller, die allerdings schnell abnimmt, je weiter man sich aus dem Umfeld des Deutschen Museums - fachlich und geographisch - entfernt, zumal wenn die Grenzen Münchens, Bayerns, Deutschlands, Europas überschritten werden, dabei hatte sich Oskar von Miller in seinem im vorliegenden Buch beschriebenen Leben weltweit großes Ansehen erworben, das durchaus nicht nur dem Museumsleiter galt.

Mag sein, dass in bester Absicht die ersten biographischen Werke zu Miller schon bald nach seinem Lebensende erschienen (Eugen Kalkschmidts 20-Seiten-Portrait sogar schon 10 Jahre zuvor mit 19 Auflagen in diesem Jahr 1924): die Bücher von Millers Sohn Walter (1932), Jonathan Zeneck (1934), der mit Miller Vorstandsmitglied des Deutschen Museums war und ihm als Vorsitzender folgte, Ludwig Nockher (1965), Wilhelm L. Kristl (1967) und Rudolf Pörtner (1987) priesen den "Gründer", den "Schöpfer", den "Erfinder" des Deutschen Museums". Diese Werke blieben aber erwartungsgemäß unkritisch, und sie trugen zum überlieferten Oskar-von-Miller-Bild" bei, das nach Wilhelm Füßl nicht länger aufrecht zu erhalten ist: "Durch die Akzentuierung als Museumsgründer rückten andere Tätigkeiten in den Hintergrund." (11)

Füßls nun 150 Jahre nach Millers Geburt erschienene Biographie korrigiert dieses Bild nicht nur überzeugend, der Historiker Füßl montiert diesen Mythos vom "weißblauen Despoten", der auf einer schon zu Millers Lebzeiten eingeführten und trotz zahlreicher Veränderungen in Gesellschaft und Politik beibehaltenen Erzähltradition (Anekdoten, launige Geschichten) basiert, sogar in die Biographie Millers ein. Dieser "Miller-Mythos" unterbrechungslosen Fortschreitens von Erfolg zu Erfolg, konsequenter Einreihung aller Ereignisse in die Entwicklung eines Genies, entstand aus der unhistorischen Sicht "vom Ergebnis her". Dieser Mythologisierungsprozess wird in Füßls Buch selbst zum Teil der damit reflexiv modernen Biographie.

Wilhelm Füßl leitet das Archiv des Deutschen Museums, dessen Bestände - selbstverständlich - Millers Nachlass, Verwaltungs- und Personalakten umfasst. Neben den im Quellenverzeichnis aufgeführten 16 Archiven (und Privatbesitzen) in Deutschland hat Füßl sein hervorragendes "Hausarchiv" nutzen, und diesem auch 63 Abbildungen entnehmen können, die das Buch informativ und schön illustrieren. 37 Seiten Anmerkungen, 30 Seiten Literaturverzeichnis und 14 Seiten Register belegen die historische Sorgfalt und ermöglichen dem Leser ein bequemes Lesen und Nachschlagen. Dies wird ein jeder Interessierter auch mit sehr großem Gewinn tun, weshalb hier keine Inhaltsangabe folgt, sondern einige entmythifizierende Herausstellungen in dieser Biographie.

Die schwachen schulischen Leistungen des jungen Oskar Miller wurden als Anzeichen damaliger Unterforderung des später gern als "Genius" stilisierten Mannes propagiert, doch die hier vorliegende Darstellung ist differenzierter: Der zu Beginn der Schulzeit als "Sehr brauchbar" und mit "Viel Ehrgeiz" beurteilte Schüler Miller wurde gleichzeitig auch schon als "Unruhig" charakterisiert, ein Zusatz, den Füßl aus Sicht des gesamten Miller-Lebens nicht für singulär hält: diese "permanente Unruhe" ließ ihn "neue Projekte in Angriff nehmen", "obwohl alte noch nicht abgeschlossen waren" (29f). Für seine intellektuellen Leistungen gelobt, für seine Faulheit getadelt durchlief Miller die Schulzeit, absolvierte das Abitur (allerdings auf dem Realgymnasium, da er auf dem humanistischen Maximiliansgymnasium zu scheitern drohte) und ein Ingenieurstudium an der Polytechnischen Schule Münchens (1874/75- 1878) nach dessen Abschluss er in den Staatsbaudienst eintrat. Auch hier eckte Miller an: Als er 1880 über den Fortschritt der Bauarbeiten an einer Brücke von Kreuzwertheim nach Wertheim monatlich berichten sollte, unterließ er das mühsame Schreiben und sandte stattdessen Fotografien von den Brückenarbeiten an die vorgesetzte Behörde. Er erhielt dafür einen "scharfen Verweis", allerdings brachte ihm der später erfolgreiche Abschluss dieser Arbeiten auch eine erste Auszeichnung ein. Für die ersten Berufsjahre Millers resümiert Füßl in Kapitel 1 (Eine bürgerliche Jugend), dass dieser "immer dann besondere Leistungen vollbrachte, wenn hartes Arbeiten gefragt war. Der junge Ingenieur wuchs offensichtlich an den Aufgaben, die man ihn stellte." (39)

War die eher durch Zufall zustande gekommene Reise zur Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Paris 1881 - angelegentlich eines Frühschoppens in der Regensburger 'Wurstküche' hatte der Generaldirektor der Staatseisenbahnen ihm dies eher scherzhaft schmackhaft gemacht - ein Anzeichen für Millers konsequentes Aufsteigen zum international erfolgreichen Elektroingenieur und Museumsmann, wie der "Miller-Mythos" sagt? Nein sagt Füßl, der in diesem Ereignis "in der Biographie Oskar von Millers einen Wendepunkt" sieht (46): Der noch für Bayern tätige Elektroingenieur wollte sich neu orientieren, wie Füßl mit einem Brief Millers an seine Braut und spätere Ehefrau Marie belegen kann. Als "rastlos" und "hektisch" beschreibt Füßl seinen Protagonisten auf dieser Suche nach neuen Aufgaben. Miller wusste damals kaum etwas über Elektrotechnik, die auch nicht Bestandteil seines Studiums gewesen war - in ganz Deutschland hatte es noch keinen entsprechenden Lehrstuhl gegeben. Wie "der Bauer vor der Lokomotive" (43) kam er sich vor, doch ein Vortrag des französischen Ingenieurs Marcel Deprez über die Möglichkeiten der elektrischen Kraftübertragung weckte in Miller die Vision "'zur Uebertragung großer oft werthloser Naturkräfte (Wasserfälle, Ebbe, Fluth, Wind)', 'zum Betriebe vieler kleiner Motoren im Central Motor', für Eisenbahnen oder für elektrische Städtebahnen." (44f)

Mit dieser Wende beginnt Millers Laufbahn als Schlüsselfigur der Elektrizitätswirtschaft weit über die Grenzen Bayerns hinaus. Dieser Karriere widmet Füßl das mit 200 Seiten längste Kapitel 2 (Stromnetze und Popularisierung der Elektrizität), das damit doppelt so lang ist, wie die Miller und sein Museum betreffenden Kapitel 3 (Technik und Wissenschaft als Kulturfaktor) und 4 (Rücktritt) gemeinsam. Die von Miller geplante "Internationale Elektricitäts-Ausstellung" in München (1882), die von ihm geleitete "Elektrotechnische Ausstellung" in Frankfurt (1891), Miller als Direktor der "Deutschen Edison Gesellschaft", aus der 1887 die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) wurde, und seine Ausschlag gebende Rolle bei der Verwirklichung von Walchenseekraftwerk und Bayernwerk sind Stichworte für Millers maßgebliches Engagement bei der Elektrifizierung Deutschlands und Bayerns zwischen 1880 und 1930. Auch nach Eröffnung seines Ingenieurbüros (1890), das er bis zu seinem Tode betrieb, engagierte er sich weiter als "Manager in Sachen Elektrizitätsvernetzung" und dies auch in sozial(politischer) Dimension. Seine Idee vom "sozialen Strom" bedeutete zum einen "Strom für alle", zum anderen sollten "schwächer gestellte Berufsgruppen vom Einsatz des Stroms wirtschaftlich profitieren" (141), und als nach 1900 auch die Privathaushalte elektrifiziert wurden, dehnte Miller dieses sozialpolitische Denken dementsprechend aus.

Was nun das Deutsche Museum angeht, so kann auch diese Entwicklung kaum als eine "linear verlaufende Erfolgsgeschichte" gelesen werden. Füßl schildert sie im dritten und vierten Kapitel vielmehr als "Gefahrengeschichte" durch politische Streitigkeiten, Kriegswirren und Finanzierungsschwierigkeiten, es kam zu Verlangsamungen und Rückschlägen. Der "Miller-Mythos" greift auch hier nicht. Wieso verfolgte der Monarchist Miller eine ungeheuer fortschrittliche und integrative Museumsidee, für eine "breite Sammlung, Darstellung, Erforschung und Vermittlung der technischen Kultur", die viel mehr bot als andere damalige Museumskonzepte und als "System Deutsches Museum" zum Museumsvorbild wurde? (255) Wieso blieb er hartnäckig bei dem Namen "Deutsches Museum" obwohl die Idee doch eher "international" war, da die technischen Fortschritte ungeachtet nationaler Errungenschaften vollständig gezeigt werden sollten? Für die Nationalsozialisten wurde Miller, dem "von dieser Suppe grauste" (343), so zum Gegner, der sich zunächst auch weigerte, die Hakenkreuzfahne auf dem Museumsturm zu hissen. Später fügte sich Miller protestierend und am 30. März 1933 legte er sein " hohes Alter" und das "damit verbundene Augenleiden" vorschiebend seine Stelle als erster Vorstand des Deutschen Museums nieder.

Dass das letzte Kapitel (Der Privatmann) mit 15 Seiten das kürzeste ist, verwundert kaum: "Die Kenntnis von Millers Privatleben bleibt fragmentarisch." (357). Seine Sparsamkeit (manche sagen, er war geizig) und seine vielen, groß und gern ausgerichteten Feiern können ebenso widersprüchlich verstanden werden, wie seine sozialpolitischen Vorstellungen und seine Herrschsucht. Sein Sohn hatte geschrieben: "Miller ist ein Patriarch, im eigenen Haus wie im Büro." (355)

Füßls Biographie zeigt unmissverständlich, dass die Persönlichkeit Oskar von Millers nicht aus dem schon früh konstruierten Mythos erklärbar ist. Sie zeigt aber auch, dass sich diese so widersprüchlich zeigende Persönlichkeit einer rationalen Erklärung überhaupt entzieht.

Rezension über:

Wilhelm Füßl: Oskar von Miller 1855-1934. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2005, 452 S., 63 Abb., ISBN 978-3-406-52900-9, EUR 29,90

Rezension von:
Rudolf Seising
Wien
Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Seising: Rezension von: Wilhelm Füßl: Oskar von Miller 1855-1934. Eine Biographie, München: C.H.Beck 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/12/9082.html


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