Rezension über:

Bastian Gillner: Unkatholischer Stiftsadel. Konfession und Politik des Adels im Fürstbistum Paderborn (1555-1618) (= Forum Regionalgeschichte; 13), Münster: Ardey-Verlag 2006, 141 S., ISBN 978-3-87023-107-1, EUR 12,90
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Rezension von:
Martin Bock
Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Martin Bock: Rezension von: Bastian Gillner: Unkatholischer Stiftsadel. Konfession und Politik des Adels im Fürstbistum Paderborn (1555-1618), Münster: Ardey-Verlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/12794.html


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Bastian Gillner: Unkatholischer Stiftsadel

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Dass geschichtswissenschaftliche Magisterarbeiten publiziert werden, ist selten genug. Umso beachtlicher ist die im Jahr 2003 am Frühneuzeit-Lehrstuhl des Münsteraner Historischen Seminars bei Barbara Stollberg-Rilinger entstandene Arbeit von Bastian Gillner, die im "Schnittpunkt der großen Themenbereiche Konfessionalisierung, Adel und (Paderborner) Regionalgeschichte" (4) nach den Bedingungen und Möglichkeiten adliger Existenz und Herrschaft im Fürstbistum Paderborn vor dem Hintergrund des konfessionellen Zeitalters von 1555 bis 1618 fragt. Damit reiht sich die Arbeit einerseits in die vielfältigen Untersuchungen zur Herausbildung moderner Staatlichkeit und der mit ihr verbundenen systemimmanenten Prozesse ein; die Fokussierung des Adels ist in diesem Zusammenhang ein lohnenswerter, weil bislang häufig vernachlässigter Ansatz. In regionalgeschichtlicher Perspektive liefert sie dagegen andererseits einen innovativen Beitrag zur Geschichte des Protestantismus im Paderborner Land.

In einem etwas zu ausführlich geratenen ersten Hauptteil (Kap. B-D) referiert Gillner handbuchartig die "Eckpunkte eines Zeitalters" (9-22) und setzt sie in den regionalen Kontext (23-43), wobei er mitunter deutlichere Bezüge zu seinem Thema hätte herstellen können. Angesichts der präzisen Beobachtungen zum reformierten Paderborner Landadel im zweiten Hauptteil (Kap. E-H) nimmt das Heidelberger Bekenntnis und seine religions- und reichspolitische Stellung z.B. zu wenig Raum ein. Erst spät und recht knapp kommt Gillner auf seine erste Frage nach den Auswirkungen der allgemeinen Entwicklung auf Paderborn zu sprechen. Hilfreich ist dabei allerdings der Überblick über "Adelige Familien im Hochstift Paderborn" (39-43).

Bei der anschließenden Darstellung des sich entwickelnden Konflikts zwischen der katholischen und protestantischen Partei stützt Gillner sich im Wesentlichen auf die von Ludwig Keller herausgegebene Edition "Die Gegenreformation in Westfalen und am Niederrhein". Seine Argumentation gewinnt hier an Tiefe und Schärfe, wenngleich ihr mancher zusätzliche Quellenbeleg gut getan hätte. Anhand des Dechantenstreits von 1569, der im Zusammenhang mit der Neubesetzung des einflussreichen Dechantenamtes die Bruchlinie innerhalb des Domkapitels offen zutage treten ließ, arbeitet Gillner quellennah und gut verständlich den konfessionellen Schwebezustand im Hochstift zur Zeit Bischofs Johann von Hoya heraus (51-66). Einzelne, durchaus nachvollziehbare Schlussfolgerungen hätten aber noch des Quellenbelegs oder zumindest eines Hinweises auf die Forschungsliteratur bedurft: Der vermeintlich schnelle Zusammentritt des Paderborner Domkapitels neun Tage nach dem Tod des Bischofs Rembert von Kerssenbrock zur Aushandlung der Wahlkapitulation beispielsweise ist für die Zeit nicht unüblich und lässt nicht unbedingt auf eine katholische Kapitelsmajorität schließen (54-55). Gleichwohl spricht die Tatsache, dass die Verhandlungen nur einen Tag dauerten, für eine schnelle Übereinkunft innerhalb des Kapitels und auch mit dem Kandidaten Johann von Hoya.

Mit ihm und seinen beiden Nachfolgern Salentin von Isenburg (1574-1577) und Heinrich von Sachsen-Lauenburg (1577-1585) wurden Bischöfe gewählt, die zwar selbst konfessionell jeweils eindeutig als alt- bzw. neugläubig verortet waren, ihre Entscheidungen aber nicht von Religionsfragen, sondern von Eigen- und Sachinteressen abhängig machten. In der Sache ganz richtig schließt Gillner daraus eine "adelige Interessenpolitik ohne konfessionelle Scheuklappen" (69) - wie anderenorts war Konfession für den Paderborner Adel im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts zumindest im Hinblick auf sein politisches Handeln wohl keine Glaubensfrage. Manches - heute als solches erscheinendes - Paradoxon wie die Beauftragung des Protestanten Johann von Büren, als bischöflicher Statthalter den Protestantismus im Hochstift zu bekämpfen und den Katholizismus zu erneuern (71), führt dabei die seit einiger Zeit in Form des kulturalistischen Ansatzes diskutierte "Fremdheit" des 16. Jahrhunderts vor Augen.

Die Phase der katholischen Konfessionalisierung unter Bischof Dietrich von Fürstenberg (1585-1618) und der am Ende erfolglosen Gegenmaßnahmen des protestantischen Adels (95-121) nimmt abschließend den breitesten Raum ein. Mit dem Kapitularstatut von 1580, das der Fürstenberger als "spiritus rector" der katholischen Domherren durchgesetzt hatte und das die katholische Exklusivität des Gremiums sichern sollte (84-88), begann die Zuspitzung des Konflikts. Diesen untersucht Gillner klar gegliedert, angefangen von der die kurzzeitig die drei Stände Domkapitel, Ritterschaft und Städte unierenden Landesvereinigung (99-104) und den Agendenstreit 1602/03 (104-111) bis zur "endgültigen Durchsetzung Dietrichs von Fürstenberg" (119-121). Auch hier, z.B. bei der Herausarbeitung der Motive der konfessionell heterogenen Stände zum Zusammenschluss in der Landesvereinigung (101), hätten passende Belege die insgesamt doch stimmige Argumentation des Verfassers bereichern können.

Dass das Gelingen der katholischen Konfessionalisierung wesentlich durch päpstliche Einflussnahme (115) und insbesondere durch ein kaiserliches "Machtwort" geradezu erzwungen wurde, nimmt Gillners folgenden Ausführungen zur Herrschaftsverdichtung in der Person des Bischofs ein wenig den Wind aus den Segeln. Erst das Mandat Rudolfs II. vom 10. November 1603, mit welchem er Dietrich die vollkommene Landeshoheit und Entscheidungsgewalt in allen, also auch in Religionsfragen, attestierte (109), erlaubte diesem die endgültige Überwindung der oppositionell-protestantischen Kräfte. Zwar ordnet Gillner diesen Prozess in den Gesamtzusammenhang des Staatsbildungsprozesses ein und bietet dadurch auch Perspektiven für die weitere Bearbeitung, allerdings wäre hier jenseits dieses Teilaspektes die Qualifikation des Fürstbistums Paderborn als "frühmoderner Staat" vor dem Hintergrund seiner weiteren Entwicklung bis zum Ende des Alten Reiches zu prüfen.

Insgesamt überzeugt Gillners Arbeit vor allem durch ihre quellennahe und schlüssige Aufarbeitung der Geschichte des Paderborner Adels im konfessionellen Zeitalter. Obwohl dabei mancher Begriff wie "Staat" oder "Frühabsolutismus" recht unreflektiert gebraucht wird, die Diktion gerade im ersten Teil eher feuilletonistisch ist, das Literaturverzeichnis einige wichtige Titel entbehrt, und vor allem die Arbeit insgesamt besser archivisch hätte fundiert werden können, bereichert sie die Paderborner Regionalgeschichte aus dem Blickwinkel der Adelsforschung und wirft mehr als einmal Licht auf die Vorgänge auf Reichsebene.

Martin Bock