sehepunkte 7 (2007), Nr. 10

Reinhold Miller / Peter Daschner / Ursula Drews u.a. (Hgg.): Basis-Bibliothek Referendariat

Der Verlag bewirbt das hier anzuzeigende Sammelwerk mit den Slogans "Grundwissen für den Berufseinstieg" und "Grundlagen für den perfekten Start in den Beruf". Damit wird auf eine Adressatengruppe fokussiert, die gegenüber der ursprünglich anvisierten Leserschaft eine zwar nicht gänzlich vernachlässigte, aber bisher nicht bevorzugt bediente Teilgruppe darstellt, denn die in einem Schuber zusammengefassten sechs Bände gehören seit Jahren zum Standardprogramm für die Lehrerklientel des renommierten pädagogischen Verlages. Die im Impressum deklarierte Kennzeichnung als "neu ausgestattete Sonderausgabe 2007" bedeutet nicht mehr, als dass die hier versammelten sechs Bände einen einheitlichen Einband verpasst bekommen haben. Inhaltlich hat sich gegenüber den früher veröffentlichten Auflagen nichts geändert. Anstatt sechs zum Teil recht umfangreiche Bände in einer Rezension angemessen vorzustellen und zu beurteilen, erscheint es ergiebiger, die Besprechung auf die Frage zu fokussieren, inwieweit diese Bände dem mit den Werbeslogans verbundenen Anspruch gerecht werden und Anfängern im Lehrberuf eine Orientierung für ihre ersten Schritte in dem für sie in einer veränderten Rolle neuen Berufsfeld von Unterricht und Schule geben.

Speziell auf die Adressatengruppe der Berufsanfänger zugeschnitten ist der von Daschner und Drews herausgegebene Band mit dem Titel "Kursbuch Referendariat". 1997 erstmals veröffentlicht, gibt er den institutionellen Entwicklungsstand von 2001 wieder. Seit dieser Zeit hat sich die zweite Phase der Lehrerausbildung zumindest in einigen Bundesländern (z. B. Schleswig-Holstein, Sachsen, Hamburg) jedoch erheblich verändert; in anderen Bundesländern stehen Änderungen an, etwa in Nordrhein-Westfalen. Die Autoren dieses Bandes kommen mehrheitlich aus der Lehrerbildung an der Universität und im Studienseminar; einige von ihnen haben allerdings ihre aktive Zeit schon lange hinter sich und gefallen sich in erinnernden Rückblicken (Schiller, Wolf, Harder), die vielleicht gewisse nostalgische Empfindungen wecken, dem Anfänger in seiner aktuellen Situation aber wenig helfen. Zu den Erfahrungsberichten der Lehrerausbilder gesellen sich solche ehemaliger Lehramtsanwärter (Durdel, Böhmann, Glaubitz): wie alle Erfahrungsberichte dieser Art sind sie personengebunden und bei allem Anspruch auf Repräsentativität kaum übertragbar auf die spezifische Situation derer, die als Lehramtsanwärter im Jahre 2007 diesen Band zur Hand nehmen.

Der Berufsanfänger sucht nach Rezepten, nach handfesten Hilfen. Er erhält sie am ehesten mit den Hinweisen zur Unterrichtsvorbereitung einschließlich der Gestaltung eines Stundenentwurfs aus der Feder des Hannoveraner Erziehungswissenschaftlers Mühlhausen und den Überlegungen von Wolf zur Frage, wie man aus dem, was im Unterricht "schief läuft", für die eigene Professionalisierung Nutzen ziehen kann. Vor allem für die Überlegungen zur Verschriftlichung von Ergebnissen der Unterrichtsplanung gilt jedoch, dass jedes Studienseminar eigenen Konzepten und Usancen folgt, wenn es um Fragen des Stundenentwurfs geht.

Zu den wichtigsten Stressoren während der Referendarzeit gehört unbestritten die Annahme, permanent beurteilt zu werden, und dies zum Teil nach Kriterien, die aus Sicht der Betroffenen wenig transparent erscheinen. Auf gesteigertes Interesse dürfen deswegen die Beiträge rechnen, die sich mit den Fragen der Bewertung der Leistungen im Referendariat befassen. Die Beiträge von Schaff, Kallweit und Bovet beleuchten den strukturellen Konflikt, in dem sich Lehrerausbilder in ihrer doppelten Funktion als Beurteiler und Berater befinden und zeigen verschiedene Ansätze einer eher individuellen Problembewältigung auf. Die Kenntnisnahme der aktuellen Nöte, mit denen sich Ausbilder bei der Beurteilung von Leistung und Eignung von Lehramtsanwärtern konfrontiert sehen, wird allerdings bei den Betroffenen kaum zu einer Minderung des situationsbedingten Leidensdrucks führen.

Drei Bände des Gesamtwerkes beschäftigen sich mit der Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht auf der Grundlage einer so genannten "Handlungsorientierten Didaktik", die der zuletzt an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd lehrende Grundschulpädagoge Georg Becker bereits Anfang der 1980er Jahre erstmals vorgelegt hat. Ungeachtet allen Bemühens um alltagspraktische Tauglichkeit ist der Anspruch dieser Bände eher ein theoretisch-systematischer. Es geht um eine möglichst umfassende Darstellung und Analyse der Faktoren, die für die fundamentalen Handlungsfelder des Unterrichtens maßgeblich sind. Dass ausgerechnet die didaktische Position Beckers gegenüber konkurrierenden und keineswegs weniger bedeutsamen Ansätzen den Vorzug erhalten hat, ist wohl dem Verlagsprogramm des Beltz-Verlages verdankt, der eben auf die Veröffentlichungen Beckers und nicht etwa auf die von Klafki, Schulz oder Meyer zurückgreifen kann. Die Bände eignen sich denn auch eher für die Vorbereitung von Prüfungen im Rahmen des Ersten wie des Zweiten Staatsexamens oder für grundlegende Reflexionen über die Bedingungen gelingenden Unterrichts als für die Alltagspraxis des Unterrichtens unter dem Druck begrenzter Ressourcen. So gesehen, gehören auch diese drei Bände zu einer Gattung, die der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Hilbert Meyer schon vor Jahren etwa süffisant als "Feiertagsdidaktik" bezeichnet hat.

Wenn im Blick auf das berufliche Handeln von Anfängern im Lehrberuf so stark auf das Unterrichten abgehoben wird, wie dies durch die Auswahl der Bände für dieses Sammelwerk geschieht, dann entspricht dies zwar dem jüngst wieder bestätigten "Leitbild" der Profession, deren Kernaufgabe das theoretisch gestützte und gezielte Planen, Organisieren, Reflektieren und Evaluieren von Lehr und Lernprozessen ist. Die Veränderungen in der Realität haben freilich zu erheblichen Akzentverschiebungen der Lehrertätigkeit geführt. Am deutlichsten wird dies an der Erziehungsfunktion. Auch Anfänger im Lehrberuf müssen sich heute um Erziehungsaufgaben und Verhaltensprobleme kümmern, deren Bewältigung überhaupt erst die Voraussetzungen für ein vernünftiges Unterrichten schafft. Doch nur ein Band des Sammelwerkes ist dieser Problematik gewidmet. Dies ist der von dem amerikanischen Psychologen Dreikurs und in zweiter Auflage vor allem von seinen Mitarbeitern Grunwald und Pepper verfasste Band "Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme", ein echter "Klassiker" unter den in die "Basis-Bibliothek" aufgenommenen Titeln. Damit wird ein Problemfeld angesprochen, das bei vielen Anfängern im Lehrberuf in der Skala angstbesetzter Situationen einen vorderen Rangplatz einnimmt.

Den Referenzrahmen für die konkreten Hinweise zur Erklärung und Prävention von Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblemen bei Schülern bildet die von dem Wiener Psychiater Adler entwickelte Individualpsychologie. Der Vorzug dieses Ansatzes liegt in der theoretischen Stimmigkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen, seine Grenzen ergeben sich daraus, dass der Ansatz der Individualpsychologie selbst umstritten ist und dass er zur systematischen Ausblendung von Erklärungshypothesen und präventiven Konzepten führt, die auf konkurrierende psychologische Ansätze zurückgehen (etwa verhaltenstheoretisch oder sozial-kognitiv orientierte Konzepte). "Störungen" sind dem individualpsychologischen Ansatz zufolge fehlgeleitete Vorstellungen des Kindes über die Art und Weise, wie es zu Ansehen und Bedeutung in der Schule und in der Welt gelangen kann. Und Lehrkräfte haben die Aufgabe, dem Kind zur Überwindung seiner falschen Selbsteinschätzung zu verhelfen. Den Schlüssel für den erfolgreichen Umgang mit Disziplinproblemen sieht Dreikurs in der Verbesserung der Beziehung zwischen Lehrer und Schülern und der Schüler untereinander. Erreichen lässt sich diese Verbesserung auf dem Wege einer demokratischen Entscheidung aller Fragen, die das Zusammenleben der Klasse tangieren.

Auf gesteigertes Interesse bei den an praxistauglichen Tipps interessierten Berufsanfängern darf ein Band mit dem verheißungsvollen Titel "99 Vertretungsstunden ohne Vorbereitung" rechnen. Wenn oben im Bezug auf die Bücher von Becker von "Feiertagsdidaktik" die Rede war, dann greifen die Werbestrategen des Beltz-Verlages die damit implizierte Dichotomie auf, indem sie den von Miller herausgegebenen Band mit der werbenden Kennzeichnung "Schwellendidaktik pur" versehen. [1] Für verschiedene Lernfelder, beispielsweise "Überfachliches Lernen", "Das Lernen des Lernens" oder "Fachliches Lernen" in den Fächern Deutsch, Mathematik, Biologie und Geschichte, werden für die verschiedenen Jahrgangsstufen der Sekundarstufe I jeweils auf einer oder zwei Seiten Unterrichtsvorschläge in Form von Hinweisen für die Hand des Lehrers und Anleitungen für die Hand der Schüler vorgestellt.

Fazit: Sechs seit langem auf dem Markt befindliche Bücher haben ein optisch ansprechendes gemeinsames Layout erhalten. Doch der alte, teilweise altbackene Inhalt bleibt der gleiche. Man merkt die verkaufsfördernde Absicht und ist (etwas) verstimmt, wenngleich die hier praktizierte Zweit- und Drittverwertung von nicht mehr ganz aktuellen Produkten gang und gäbe zu sein scheint.


Anmerkung:

[1] Mit "Schwellendidaktik" ist die Form der Unterrichtsvorbereitung gemeint, die von routinierten Lehrkräften auf dem Weg zwischen Lehrerzimmer und der Schwelle des Klassenraumes erledigt wird.

Rezension über:

Reinhold Miller / Peter Daschner / Ursula Drews u.a. (Hgg.): Basis-Bibliothek Referendariat, Weinheim: Verlagsgruppe Beltz 2007, 6 Bde., 1257 S., ISBN 978-3-407-25453-5, EUR 75,00

Rezension von:
H.G. Neugebauer
Studienseminar für Lehrämter an Schulen, Leverkusen
Empfohlene Zitierweise:
H.G. Neugebauer: Rezension von: Reinhold Miller / Peter Daschner / Ursula Drews u.a. (Hgg.): Basis-Bibliothek Referendariat, Weinheim: Verlagsgruppe Beltz 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/10/12916.html


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