sehepunkte 7 (2007), Nr. 10

Christoph Augustynowicz / Andreas Kappeler (Hgg.): Die galizische Grenze 1772-1867

Die historiografische Untersuchung von Grenzen und Grenzregionen ist nicht nur aufgrund aktueller politischer Entwicklungen, sondern auch gerade wegen des spatial turn und der Frage nach den mental maps am Ende des 20. Jahrhunderts ins Blickfeld der Geschichtswissenschaften gelangt, zumal ihre Ausprägungen in erheblichem Maße Identitätsbildungsprozesse beeinflussen. Da sich am Beispiel des habsburgischen Kronlandes Galizien und Lodomerien zahlreiche Forschungsperspektiven und -ansätze treffen können, ist es geradezu als Untersuchungsobjekt für aktuelle Forschungsinteressen wie die Fragen nach Grenzen prädestiniert. Galizien lag einerseits an der Peripherie der Habsburgermonarchie und an der Grenze zum Russischen Reich. Anderseits lebten dort nicht nur Polen, Ruthenen und Juden, sondern auch slawische Sprachgruppen wie Huzulen und Lemken sowie Armenier, wobei die Koexistenz der verschiedenen Ethnien und Konfessionen durch viele die einzelnen Gruppen trennenden inneren Grenzziehungen gekennzeichnet wurde. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die galizische Geschichte in den Geschichtswissenschaften zurzeit eine Konjunktur erfährt, denn sie bietet sich an, beispielsweise Fragen von (Multi-)Ethnizität im lokalen Raum, individuellen und kollektiven Identitäts- sowie Nationsbildungsprozessen sowohl auf dem Land als auch in den zumeist kleineren Städten zu untersuchen und das "Leben an der Grenze" zu hinterfragen. Von Interesse sind auch Fragen nach der Imagination von Raum, da Galizien ein typisches Beispiel für ein "erfundenes Territorium" ist und insbesondere durch den Habsburg-Mythos und durch deutsch-jüdische Schriftsteller zu einem Arkadien multiethnischer Toleranz stilisiert wurde.

Die insgesamt fünfzehn Beiträge des vorliegenden, aus einer Wiener Tagung im Jahre 2005 hervorgegangenen Bandes greifen daher verschiedene Forschungsansätze auf und reflektieren den Stand eines wesentlichen, wenn auch nicht vollständigen Teils der aktuellen Galizien-Forschung. Sie unterscheiden sich durchaus im methodischen Zugang, aber spiegeln dadurch auch die in den jeweiligen Wissenschaftskulturen favorisierten Ansätze und Methoden wider. Leitfrage der Beiträge war, wie die Grenzziehung, die Galizien infolge der Teilungen Polens aus Teilen der südöstlichen Grenzgebiete und Kleinpolens bildete und den während der Adelsrepublik durchweg wirtschaftlich, sozial und politischen homogenen Raum neu gliederte, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie die Kontakte und Verbindungen über die neue Grenze hinweg beeinflusste. Der Fokus aller Beiträge wird hierbei auf die Jahre zwischen der ersten Teilung Polens 1772 und der galizischen Autonomie 1867, also auf eine Phase gelegt, die in der Forschung bislang weniger beachtet wurde.

Die Reihe der Beiträge eröffnet Peter Haslinger mit einer Charakterisierung des aktuellen Forschungstandes zu Grenzen, indem er die Grenze als Strukturprinzip und Wahrnehmungsproblem und damit deren Funktion unter den verschiedenen Ansätzen bzw. Perspektiven der Geschichtswissenschaften thesenartig vorstellt. Die nächsten vier Beiträge legen einen ersten Schwerpunkt auf wirtschaftliche Fragen: Piotr Franaszek untersucht die wirtschaftlichen Effekte der Grenzlage für Krakau, während Tomasz Kargol die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Galizien und den übrigen Ländern der Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts skizziert. Der Handel an der polnisch-österreichischen Grenze bis 1815 wird dann von Szymon Kazusek thematisiert, während Krzysztof Ślusareks Beitrag über die Bevölkerung und Wirtschaft Galiziens im Jahr 1773 die direkten Folgen der ersten Teilung Polens diskutiert.

Die folgenden fünf Beiträge stellen Fallstudien zu einzelnen galizischen Grenzstädten, meist mit Blick auf die longue durée vor. Ein lebensweltlicher Zugang wird von Christoph Augustinowicz gewählt, der Topographien und Funktionen an der galizischen Grenze der Stadt Sandomierz zwischen 1772 und 1870 untersucht. Radosław Kubicki stellt die erste Phase der österreichischen Herrschaft in Opatów und dessen Umgebung vor, während Börries Kuzmany die Entstehung des Freihandelsprivileges der Grenzstadt Brody diskutiert. Laurie Cohen widmet sich dann der Geschichte zwischen 1770 und 1870 der an der galizisch-podolischen Grenze gelegenen Kleinstadt Husjatin/Gusjatin, während die Grenze der freien Stadt Krakau (1815-1846) zu Galizien und deren besonderen Folgen für das politische und kulturelle Leben von Isabel Röskau-Rydel erörtert werden.

Die drei folgenden Beiträge sind wiederum allgemeineren Themen gewidmet: Hugo Lane zeigt auf, wie der galizische Adel die Grenze zu Kongresspolen vor, während und nach dem Novemberaufstand 1830/31 in Kongresspolen genutzt hat. Svjatoslav Pacholkiv analysiert die Entstehung, Überwachung und Überschreitung der galizischen (Staats-)Grenze sowie die daraus entstehenden Probleme für den lokalen Grenzverkehr, der letztlich ehemals zusammengehörige Gebiete betraf. Oleg Turij erörtert daran anschließend interkonfessionelle Grenzen, indem er die besondere Rolle des "ruthenischen Glaubens" zwischen Katholizismus und Orthodoxie zwischen 1772 bis 1848 hervorhebt, zumal in Ostgalizien insgesamt betrachtet, die Ruthenen die größte Bevölkerungsgruppe stellten. Die folgenden beiden Beiträge sind schließlich dem mental mapping gewidmet. Andreas Kappeler diskutiert die Darstellung der galizischen Grenze in drei Reiseberichten der Jahre 1778, 1795/98 und 1838, die zugleich eine Außensicht widerspiegeln, während Gertrau Marinelli-König die galizische Grenze zwischen 1772 und 1867 als Gedächtnisort unter einer kulturwissenschaftlichen Perspektive vorstellt.

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Schwerpunkt des Bandes auf die westliche Grenze Galiziens gelegt wurde, das in seinem westlichen Teil mehrheitlich polnisch besiedelt war, während die ostgalizischen Verhältnisse in geringerem Maße berücksichtigt werden. Zugleich werden innere Grenzen, also Grenzen zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionen, aber auch zwischen den sozialen Gruppen, die im Wesentlichen den ethnischen entsprachen, kaum thematisiert. So fehlen beispielsweise Analysen über das Verhältnis von griechisch-unierter und orthodoxer Kirche, über die Funktion der Juden in den Grenzstädten sowie Beiträge mit einer transkulturellen Perspektive bzw. mit einem verflechtungshistorischen Ansatz.

Da die unterschiedlich zu bewertenden Beiträge des Bandes zumeist aktuelle Projekte zusammenfassen, spiegeln die hier genannten Desiderate auch den Forschungstand und das derzeitige Forschungsinteresse deutlich wider. Weil eine deutlichere Untergliederung der Beiträge in Sektionen unterblieben ist, sei angemerkt, dass eine über eine Zusammenfassung hinausgehende strukturierende Einordnung wünschenswert gewesen wäre, um diese grundsätzlich interessanten Beiträge nicht nur für einschlägig arbeitende Wissenschaftler, sondern auch für darüber hinaus Interessierte zugänglicher zu machen. Gerade für die erste Gruppe eröffnen jedoch die einzelnen Beiträge durch die Fokussierungen auf wirtschaftliche Fragen einerseits und auf Fallstudien andererseits eine wichtige und notwendige Vergleichsperspektive, so dass der vorliegende Band hoffentlich zu weiteren Fragestellungen und Studien anregen wird.

Rezension über:

Christoph Augustynowicz / Andreas Kappeler (Hgg.): Die galizische Grenze 1772-1867. Kommunikation oder Isolation? (= Europa Orientalis; Bd. 4), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2007, 245 S., ISBN 978-3-8258-0095-6, EUR 24,90

Rezension von:
Heidi Hein-Kircher
Herder-Institut, Marburg
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Hein-Kircher: Rezension von: Christoph Augustynowicz / Andreas Kappeler (Hgg.): Die galizische Grenze 1772-1867. Kommunikation oder Isolation?, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/10/12632.html


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