sehepunkte 7 (2007), Nr. 10

Virpi Mäkinen (ed.): Lutheran Reformation and the Law

Derzeit erfreuen sich Forschungen zum Einfluss konfessionell divergierender theologischer Fragen auf die Entwicklung der frühneuzeitlichen Jurisprudenz einer besonderen Aufmerksamkeit und sie werden jüngst auch durch vergleichende Ansätze noch bereichert. Wegweisend im deutschsprachigen Raum sind etwa die Projekte, die von der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden initiiert wurden. Für die skandinavischen Länder und damit für das größte lutherisch geprägte Gebiet Europas stellt die finnische Theologin Virpi Mäkinen fest, dass Fragen zu konfessionellen und juristischen Innovationen, die zur Entstehung moderner Institutionen des öffentlichen und Privatrechts beigetragen haben, weiterhin Neuland darstellen. Das vorliegende Werk mit acht Beiträgen von Theologen, Kirchen- und Rechtshistorikern der Universität Helsinki zielt auf dieses Desiderat. Es will die Auswirkungen untersuchen, die juristische, soziale, theologische und philosophische Neuerungen der lutherischen Reformation auf die Umformung der Kirche und der Gesellschaft sowie insgesamt auf die Ideengeschichte in den nördlichen Ländern hatten.

Dieser Ansatz wird im einleitenden Beitrag von Heikki Pihlajamäki (Rechtswissenschaft) und Risto Saarinen (Ökumenische Theologie) "Lutheran reformation and the law in recent scholarship" wiederholt formuliert. Die Autoren betonen eine doppelte Fruchtbarkeit des interdisziplinären, nordeuropäischen Blicks auf die Beziehungen zwischen der lutherischen Reformation und dem Recht: Einerseits soll die Fokussierung auf Aspekte der Ideengeschichte, wie die Herausbildung der Menschenrechte und des Naturrechts, neue Erkenntnisse über die theologischen und philosophischen Hintergründe der lutherischen Reformation erbringen (I. Teil des Bands). Andererseits möchte der Band durch Fallstudien aus den nordeuropäischen Ländern erhellen, wie die Ideen der lutherischen Reformation in die religiöse Praxis eingeführt wurden und welchen Einfluss sie auf die Entwicklung des Rechts ausgeübt haben. Bei der Analyse dieser Übertragungsprozesse soll auch ihr Nutzen für die zeitgleiche Konzentration der Staatsgewalt in Schweden hinterfragt werden, etwa am Beispiel des Eherechts, der Armenfürsorge, der Sozialdisziplinierung und der Strafrechtsgeschichte (II. Teil des Bands).

Der interdisziplinäre Ansatz jener Beiträge, die sich im ersten Teil des Buchs ("Law, Theology and Philosophy") mit allgemeineren Fragen der Reformationsgeschichte beschäftigen, ermöglicht die Verortung diverser philosophischer und theologischer Aspekte der reformatorischen Lehre und deren juristischer Implikationen im Rahmen der europäischen Ideengeschichte. Aus diesem Anspruch ergibt sich ein facettenreicher Überblick über die Naturrechtslehre der Wittenberger Reformatoren, deren Einfluss auf die damalige Gesetzgebung und Rechtsprechung sowie auf den Rationalisierungs- und Zentralisierungsprozess der Staatsgewalt bei der Entstehung moderner Staaten.

Antti Raunio (Systematische Theologie) beschäftigt sich zunächst mit dem "Divine and Natural Law in Luther and Melanchthon". Sein Beitrag bietet einen gelungenen Überblick zu den Hauptmerkmalen der Naturrechtslehre beider Wittenberger Reformatoren. Gemeinsam mit Virpi Mäkinen analysiert Raunio dann ("Right and Dominion in Luther's Thought and its Medieval Background") den Beitrag Luthers am neuen Verständnis von Rechten (Eigentumsrecht und Recht auf ein Grundeinkommen). Im Zentrum stehen hier die unterschiedlichen Interpretationen seiner Zwei-Reiche-Lehre und deren Konsequenzen für Luthers Rechtsverständnis.

Unter dem Titel "Nominalist Psychology and the Limits of Canon Law in late medieval Erfurt" widmet sich Pekka Kärkkäinen (Systematische Theologie) dem Konflikt zwischen den theologischen und philosophisch-aristotelischen Auffassungen der Seele und deren unsterblicher, substantieller Form. Anschließend untersucht Reijo Työrinoja (Theologische Ethik und Religionsphilosophie) in seinem Beitrag zu "Communio sanctorum: Remarks on the irreal community" die christliche Rezeption der antiken Auffassung einer idealen Gemeinschaft, die jeweils von der Vorstellung der menschlichen Natur abhängig ist. Neben Luthers idealem Staat, der allein als Geschenk Gottes zu verstehen ist, steht die res publica, die auf distributiver Gerechtigkeit und Gesetzen beruht. Hier, so Työrinoja, könne die ausschließlich am eigenen (v.a. wirtschaftlichen) Interesse orientierte Natur des Menschen eine akzeptable und angemessene anthropologische Basis im protestantischen Raum bilden.

Unter dem weiten Titel "Law and Reform" versammelt der zweite Teil des Bandes drei Fallstudien über den lutherischen Einfluss auf die Entwicklung eines moderneren Rechtsverständnisses und neuerer Staatsformen in Schweden. In ihrem Beitrag zu "Lutheran Marriage norms in action: the example of post-reformation Sweden, 1520-1600" betrachtet Mia Korpiola (Rechtsgeschichte) in detaillierter Weise die Spannungen, die aus der Säkularisation der Ehe entstanden sind. Sie schildert, warum die eingeführten Änderungen des protestantischen Eherechts (u.a. Priesterehe, Scheidungsrecht, Verlust des sakramentalen Charakters der Ehe) wegen der konservativen Haltung des schwedischen Klerus und der Beharrlichkeit des biblischen Rechts in Schweden nur langsam Fuß fassen konnten. Die wenigen, aber grundsätzlichen Neuerungen, welche die schwedische Gerichtsbarkeit im Sinne einer liberalen Orientierung prägten, konnten nämlich erst am Ende des 16. Jahrhunderts durch die kirchliche Gesetzgebung von 1571, mit Lehre und Zwang in die Heiratsmentalität der Bevölkerung integriert werden.

Heikki Pihlajamäki arbeitet in seinem Aufsatz "Executor divinarum et suarum legum: criminal law and the lutheran reformation" den langwierigen Einfluss der Reformation auf das schwedische Strafrecht heraus. Er vergleicht die Entwicklung der Strafgesetzgebung in Schweden und Deutschland im Laufe des 16. Jahrhunderts und stellt fest, dass in Schweden das effiziente Zusammenwirken zwischen Krone und Kirche zur Entstehung des modernen Staats beitrug - und dies obwohl das kanonische Recht und die mittelalterlichen Rechtstraditionen fortbestanden.

Abschließend bietet Kaarlo Arffman (Kirchengeschichte) mit "The Lutheran Reform of poor Relief: A historical and legal Viewpoint" einen knappen Überblick über das bislang noch nicht umfassend untersuchte Thema der Armenfürsorge im Kontext der lutherischen Reformation. Er beschreibt, inwiefern die juristische Auffassung in diesem Bereich die Gründung spezifischer Institutionen und deren Regelung beeinflusst hat. Im Gegensatz zu seinem selbst formulierten Anspruch skizziert Arffman aber nur recht knapp die Situation der Armenfürsorge in Deutschland und widmet sich lediglich auf zwei Seiten dem vorgeblichen Kern seiner Untersuchung, also den skandinavischen Ländern.

Erstaunlicherweise ist in der relativ knappen und dennoch disparaten Bibliographie keines der einschlägigen Werke von Christoph Strohm, Günther Wartenberg, Heinz Scheible oder Guido Kisch zu finden. Einen wenig ansprechenden Eindruck vermitteln zudem vor allem am Anfang des Buchs zahlreiche Druckfehler. Dennoch bietet der Sammelband einen Einblick in den Beitrag des Luthertums zur Herausbildung des modernen Staates, wie sie sich in der Frühen Neuzeit auch in Schweden vollzogen hat.

Rezension über:

Virpi Mäkinen (ed.): Lutheran Reformation and the Law (= Studies in Medieval and Reformation Traditions. History, Culture, Religion, Ideas; Vol. CXII), Leiden / Boston: Brill 2006, XII + 270 S., ISBN 978-90-04-14904-5, EUR 89,00

Rezension von:
Isabelle Deflers
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Empfohlene Zitierweise:
Isabelle Deflers: Rezension von: Virpi Mäkinen (ed.): Lutheran Reformation and the Law, Leiden / Boston: Brill 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 10 [15.10.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/10/10667.html


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