sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8

Peter Rauscher: Langenlois

Bis zur Aufnahme des Kooperationsprojekts Germania Judaica IV/ Austria Judaica (1520-1670) im Jahre 1998 hatte sich der Eindruck erhärtet, dass im Verlauf der Frühen Neuzeit Juden in den habsburgischen Erblanden lediglich in Wien und dort auch nur unter erschwerten Bedingungen siedeln konnten. Von der erneuten Existenz jüdischer Ansiedlungen in den übrigen Teilen der Erbländer nach den Ausweisungen des Spätmittelalters war daher nicht auszugehen. Vollkommen abwegig war diese Annahme nicht, denn es hatten sich neben Wien lediglich in Niederösterreich, auch Österreich unter der Enns genannt, als einzigem der habsburgischen Erbländer jüdische Landgemeinden wieder etablieren können.

Umstände und Entwicklungsgeschichte dieser mehr als 50 kleinen Gemeinden zwischen den Vertreibungen aus zahlreichen Städten und Territorien im 14./15. Jahrhunderts bis zur endgültigen Vertreibung der Juden aus den Habsburger Erbländern 1670/71 blieben somit bisher unerforscht und auch in der allgemeinen Geschichtsschreibung Österreichs unerwähnt. Diesem Forschungsdesiderat begegnet Peter Rauscher in seiner vorliegenden Studie. Im Zentrum seiner Untersuchung steht die jüdische Gemeinde in der Waldvierteler Marktgemeinde Langenlois. Das an den östlichen Ausläufern des Gföhler Waldes am südlichen Ende des Kamptals gelegene und vom Loisbach durchflossene Langenlois war Anfang des 17. Jahrhunderts mit 499 Häusern nach Klosterneuburg und Krems der drittgrößte Ort Niederösterreichs. (63f) Die Marktgemeinde unterstand dem regierenden Landesfürsten, der von Mitte des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts auch meistens Kaiser des Heiligen Römischen Reichs war, und seinen Behörden. (58) Hier siedelte sich in der krisenhaften Zeit des Dreißigjährigen Krieges 1623 eine jüdische Gemeinde an. Diese sollte zwar auf Grund der Habsburger Judenpolitik nur sehr kurzlebig sein, entwickelte sich aber in den wenigen Jahren ihres Bestehens als "die bei weitem wohlhabendste Gemeinde im heutigen Niederösterreich". (9) Wenn auch die Langenloiser jüdische Gemeinde in der österreichischen Geschichtsschreibung keine Erwähnung fand, treten doch einzelne Langenloiser Juden relativ häufig in wissenschaftlichen Untersuchungen zur jüdischen Geschichte im 17. Jahrhundert hervor. (38)

Mit der Erforschung der jüdischen Gemeinde in Langenlois "wird erstmals der Versuch unternommen, die Lebensbedingungen einer jüdischen Landgemeinde in Niederösterreich möglichst umfassend zu rekonstruieren" (7). Die für dieses Unterfangen benutzten Quellen entstammen sämtlich obrigkeitlichen Archiven und sind teils unvollständig überliefert. (19) Auf innerjüdische Quellen konnte der Verfasser nicht zurückgreifen. Die Erforschung der Langenloiser jüdischen Gemeinde gelang trotz der fragmentarischen Überlieferung, da sie im Zusammenhang mit der Entwicklung der Landjudenschaft in Niederösterreich und der bedeutenderen jüdischen Gemeinde in der Residenzstadt Wien sowie im größeren Kontext der jüdischen Geschichte in Mitteleuropa entstand. Nicht nur die jüdische Gemeinde selbst wurde in den Blick genommen, sondern ihre Geschichte und Entwicklung auch im Kontext der allgemeinen frühneuzeitlichen Geschichte in Österreich unter der Enns begriffen. Auf diese Weise konnten fehlende Informationen ausgeglichen und von anderen Orten durch Analogie auf die Langenloiser Verhältnisse geschlossen werden. Peter Rauscher belebt seine Untersuchung durch den Einsatz aktueller Forschungsansätze und Methoden. Die so gewonnenen vielfältigen Erkenntnisse gehen weit über die Lokal- oder Regionalgeschichte hinaus und machen die Studie sowohl für das Fachpublikum als auch für eher allgemein interessierte Leserinnen und Leser lohnend.

1623 gestattete der Rat die Ansiedlung von acht jüdischen Paaren samt ihrer Haushaltungen. Darüber hinaus wurde ihnen die Einrichtung einer Synagoge, die Beschäftigung eines Vorbeters und auch eines Schächters sowie die Anmietung von Häusern und Wohnungen bei Christen gewährt. Diese Bedingungen hatten der Rat und zwei Wiener Juden, Abraham und Isak Ries, vereinbart. Die beiden verfügten über ein Privileg Kaiser Ferdinands II., das ihnen ein Niederlassungsrecht in allen kaiserlichen Städten und Marktflecken nach eigenem Belieben einräumte und ihnen allerorts Gewerbe und Handel zu treiben erlaubte. Die beiden Männer siedelten allem Anschein nach selbst nicht in "Los" oder "Lus", wie Langenlois von den Juden auch genannt wurde. Abraham Ries, als Hofjude des Kaisers privilegiert, hatte vermutlich seinen Lebensmittelpunkt in Wien. Seiner Abstammung nach zählte er "zu den vornehmsten jüdischen Familien im gesamten Heiligen Römischen Reich" und damit "zur jüdischen Elite". (55) Er führte Münzgeschäfte und handelte mit Luxuswaren, Wein und Tuchen. Er verfügte über großen persönlichen Reichtum und Einfluss, und seine Wirtschaftsbeziehungen waren weit verzweigt, sowohl innerhalb des Reiches als auch über dessen Grenzen hinaus wie etwa in das Königreich Polen. Isak Ries war ebenfalls ein etabliertes Mitglied der Wiener Judenschaft und auch im Handel aktiv, verfügte jedoch nicht über dieselben Beziehungen und Stellung wie Abraham. Warum aber setzten Abraham und Isak Ries sich für eine Gemeindegründung in Langenlois ein? Insgesamt bot die Region attraktive ökonomische Bedingungen. Nicht nur war sie Kerngebiet des Weinbaus und Getreidehandels mit überregionalen Absatzgebieten, sondern bot vermutlich insgesamt genügend Handels- und Handlungsspielraum, so dass sich eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen für die Wiener Juden hierher lohnte. (76) Für die Auswahl Langenlois' als möglichen Ansiedlungsort einer jüdischen Gemeinde sprachen drei Kriterien: die relative Größe, die verkehrsgünstige Lage und die Bereitschaft Juden aufzunehmen. Andere Kommunen, etwa der Markt Krems, wo die wirtschaftlich-logistischen Voraussetzungen vielleicht noch günstiger gewesen wären, hatten ein Ansiedlungsansuchen der beiden zuvor abgelehnt.

Relativ schnell prosperierte die Langenloiser jüdische Gemeinde, die bis zum Zeitpunkt ihres Abzugs 1671 auf 17 Familien angewachsen war (103). Die wirtschaftliche Tätigkeit der Langenloiser Juden beschränkte sich, wie in ihrer Ansiedlungsurkunde festgelegt, auf Warenhandel und Geldverleih. Hauptsächlich gehandelt wurden Tuche, Wolle oder Zinn. Einzelne handelten zusätzlich noch mit Spezereien, Weinstein, Tabak, Ölen, Federn und anderen Waren. Einige Langenloiser Juden waren auch im Kreditwesen aktiv. Allerdings machte der von Juden betriebene Geldverleih nur einen Bruchteil von den in der Region getätigten Kreditgeschäften aus. (92) Ihre Wirtschaftstätigkeit führte die Langenloiser Juden auf die überregionalen Märkte derjenigen Orte, die ihnen die Ansiedlung verwehrt hatten, wie Krems, Horn, Linz und Freistadt.

Der wirtschaftliche Erfolg der Langenloiser Juden, der vermutlich nur auf einzelne Gemeindemitglieder zurückzuführen war, spiegelt sich in außerordentlich hohen Steuerleistungen wider. Letztlich profitierten von ihm alle Marktteilnehmer. Auch der Rat der Stadt kam auf seine Kosten. Die Juden zahlten von Anfang an "Schutz-" oder "Toleranzgeld". Weitere Besteuerungen einzelner Personen, Familien oder der gesamten Gemeinde hatte der Rat im Verlauf der Jahre nach und nach eingeführt. (114)

Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen in Langenlois verlief ruhig. Vor Gericht verhandelte Konflikte und Streitsachen zwischen einzelnen Juden und Christen beschränkten sich auf allgemeine wirtschaftliche Angelegenheiten wie Schuldsachen, Konkurrenzverhältnisse und ähnliches. Auch die Streitigkeiten zwischen dem Rat und der jüdischen Gemeinde bewegten sich über alltägliche Vorfälle nicht hinaus. Dennoch blieb auch den Langenloiser Juden die Vertreibung nicht erspart. Im Rahmen der Ausweisung aller Juden aus Wien und dem Land unter der Enns 1670/71, die der Langenloiser Rat offenbar durchaus begrüßte, mussten auch sie gehen. Sie verkauften ihre Häuser und regelten ihre Geschäfte und Angelegenheiten. Spätestens Ostern 1671 hatte der letzte Jude Langenlois verlassen. Nur die Toten blieben zurück - für deren ungestörte Ruhe hatten die Lebenden noch per Zahlung einer jährlichen Gebühr zum Schutze des Friedhofs gesorgt.

Es ist Peter Rauscher gelungen, ein differenziertes und lebendiges Bild einer kleinen Landgemeinde im Geflecht mit ihrer Umgebung zu zeichnen. Die Arbeit ist in 14 Kapitel gegliedert, die jeweils einer Fragestellung oder einem Forschungsansatz gewidmet sind. Hinter dem unübersichtlich wirkenden Inhaltsverzeichnis eröffnet sich gleichwohl eine durch eingehende Darstellung und gute Lesbarkeit überzeugende Arbeit, die zeigt, dass Wissenschaft nicht langweilig sein muss. Herauszuheben sind das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis sowie das ebenfalls umfangreiche Orts- und Personenregister, das auch Forschern mit Spezialinteressen weiter hilft. Besonders anregend ist, das die Studie nicht mit der Vertreibung endet, sondern mit einem Ausblick: Die Langenloiser Juden zogen nach Mähren, Polen, Franken und Brandenburg. Dort gelang manchen von ihnen oder spätestens manchem Nachkommen eine bemerkenswerte Karriere und die Bildung übergreifender Netzwerke. Mancherorts bildeten sich unter der Führung der aus Langenlois stammenden Juden neue Gemeinden, deren Geschicke oft noch durch die Nachkommen der Langenloiser geprägt werden sollten.

Rezension über:

Peter Rauscher: Langenlois. Eine jüdische Landgemeinde in Niederösterreich im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges (= Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes; Bd. 44), Horn: Waldviertler Heimatbund 2004, 184 S., ISBN 978-3-900708-18-4

Rezension von:
Gabriela Schlick-Bamberger
Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Gabriela Schlick-Bamberger: Rezension von: Peter Rauscher: Langenlois. Eine jüdische Landgemeinde in Niederösterreich im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Horn: Waldviertler Heimatbund 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/07/6663.html


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