sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8

Leo Haupts: Die Universität Köln im Übergang vom Nationalsozialismus zur Bundesrepublik

Die Geschichte der deutschen Universitäten im 'Dritten Reich' ist in den letzten beiden Jahrzehnten mit beachtlichen Ergebnissen Gegenstand von Untersuchungen gewesen. Seit wenigen Jahren rückt nun auch die Nachkriegszeit verstärkt in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Eine Analyse der Rektorreden zur Wiedereröffnung der Universitäten 1945/46 hat der Rezensent in seiner Arbeit "Die Wahrnehmung des Dritten Reiches in der unmittelbaren Nachkriegszeit 1945/46" (Heidelberg 2001) vorgenommen; aus einer Tagung ist der von Eckhard Wirbelauer herausgegebene umfangreiche Sammelband "Die Freiburger Philosophische Fakultät 1920-1960. Mitglieder - Strukturen - Vernetzungen" (Freiburg / Münster 2006) hervorgegangen. Jetzt legt Leo Haupts einen entsprechenden Band für Köln vor. Er kann dabei an Frank Golczewski, "Kölner Universitätslehrer und der Nationalsozialismus" (Köln / Wien 1988), anknüpfen. Allerdings verspricht der von Haupts gewählte Titel mehr als im Buch eingelöst wird. Die ersten 125 Seiten beschäftigen sich zwar mit der Geschichte der Gesamtuniversität bis zu ihrer Übernahme durch das Land Nordrhein-Westfalen 1955, danach werden jedoch nur die geisteswissenschaftlichen Fächer der Philosophischen Fakultät in unterschiedlicher Ausführlichkeit behandelt. Die damals noch zu dieser Fakultät gehörenden Naturwissenschaften werden kurz abgetan, die anderen Fakultäten gar nicht ins Auge gefasst.

Haupts stellt in den Mittelpunkt seiner Darlegungen über "Die geistig-religiöse und wissenschaftliche Erneuerung als Problem und Aufgabe der Universität in der Zusammenbruchsgesellschaft" zu Recht die Gestalt des ersten Nachkriegsrektors Joseph Kroll. Dieser war schon 1930/31 Rektor gewesen, wurde Ende 1944 vom letzten NS-Rektor als Vertreter eingesetzt und amtierte nach mehrmaliger Wiederwahl bis 1949. Der Altphilologe, nicht habilitiert und 1922 von der Katholischen Akademie Braunsberg nach Köln berufen, sah sich - vielleicht gerade wegen des Fehlens der höheren akademischen Weihen - als Gralshüter einer elitären christlich-abendländischen Universitätskonzeption, wobei christlich mit römisch-katholisch identisch war. Bei der Umsetzung seiner Konzeption wirkte er eng mit der Kultusministerin Teusch und dem CDU-Vorsitzenden Adenauer zusammen.

Krolls Bemühen galt der Verwissenschaftlichung der Kölner Universität, die seit ihrer Gründung 1919 eher der Praxis und der Ausbildung zugewandt gewesen war. Kroll und seine Unterstützer wollten nun die Philosophische Fakultät zum Mittelpunkt der "wesenhaft deutschen christlichen Universität" (so ein CDU-Papier von 1946, 101) Köln machen - gerichtet in gleicher Weise gegen Liberalismus wie gegen Sozialismus. Diesem Ziel entsprach auch, dass der Rektor den Professoren die Mitgliedschaft in einer Partei untersagen wollte, womit er allerdings 1948 im Senat scheiterte (74f.). Kroll selbst fand aber - bezeichnend für sein Selbstverständnis des "Unpolitischen" - nichts dabei, durchaus in CDU-Gremien mitzuarbeiten. Insgesamt entrollt Haupts für die Wiedereröffnungsphase ein geradezu atemberaubend konservativ-elitär-undemokratisch bestimmtes geistiges Panorama, das selbst innerhalb der eher zurück als nach vorn orientierten westdeutschen Universitätslandschaft einmalig gewesen sein dürfte.

Namhafte Vertreter der Professorenschaft wie Peter Rassow unterstützten den Rektor, andere opponierten wie der Jurist Carl Nipperdey und der Romanist Fritz Schalk. Der Widerstand gegen seine ideologische Voreingenommenheit und den autoritären Führungsstil hatte zur Folge, dass Kroll 1948 nur noch mit einer Stimme Mehrheit im Amt bestätigt wurde. Er scheiterte, wie Haupts unterstreicht, nicht zuletzt an der Unvereinbarkeit seiner beiden Ziele: katholisch-abendländisch-konservative Ausrichtung der Kölner Universität und zugleich Rückkehr zur Universität des 19. Jahrhunderts, die eher liberal und evangelisch geprägt gewesen war.

Leider ist das Kapitel über die Gesamtuniversität nicht gerade gut strukturiert. Die ungeschickte und dabei nicht einmal stringent durchgehaltene Gliederung führt zu zahlreichen Wiederholungen (gelegentlich sogar auf derselben Seite), zusammengehörige Informationen werden an oft weit auseinander liegenden Stellen geliefert, vom Mittel des Verweises wird kein Gebrauch gemacht, stattdessen wird derselbe Sachverhalt jedes Mal erneut (bis zu dreimal) repetiert.

Der Teil über die Philosophische Fakultät ist nach Disziplinen und Instituten gegliedert. Der Verfasser stützt sich bei seiner Darstellung vor allem auf die Akten des Universitätsarchivs, die er offensichtlich sehr gut kennt. Allerdings wird nicht selten das Wichtige nicht scharf genug vom Unwichtigen geschieden; so werden etwa Berufungsvorgänge auch dort im Einzelnen nachvollzogen, wo sie wenig ergiebig sind. Die Anmerkungen enthalten zahlreiche nützliche Biographien, die aber häufig durch unübersichtliche Anordnung des Stoffes nicht gerade leicht zu lesen sind.

Umfassend und instruktiv wird über die Kriegs- und Nachkriegsentwicklung des Faches Geschichte (einschließlich der Sonderabteilungen und der Ur- und Frühgeschichte) berichtet (Leitfiguren Rassow und Schieder). Im Fach Germanistik ging es um das Schicksal Ernst Bertrams, pathetischer Dichter und Freund Thomas Manns, der nicht Parteigenosse gewesen war, aber nach dem zutreffenden Urteil der Säuberungskommission "zu den Ernährern des Nationalsozialismus gehört" (202) hatte. Behandelt werden ferner das Philosophische Seminar (Leitfiguren Heimsoeth und Koch), bei dem die Errichtung eines dritten Lehrstuhls für scholastische Philosophie, von der sich die Kölner Protagonisten für die geistige Neuorientierung Deutschlands offensichtlich das Heil erwarteten, ausführlich dokumentiert wird; außerdem die Altertumswissenschaften, das Romanische und das Englische Seminar sowie Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Völkerkunde, Orientalistik und Slawistik. Eher in der Art einer bloßen Aufzählung von Namen werden die naturwissenschaftlichen Fächer gestreift. Eine kurze Zusammenfassung erörtert "Die Philosophische Fakultät vor dem Anspruch geistig-religiöser und wissenschaftlicher Erneuerung im Zusammenhang universitärer und gesellschaftlicher Gesamtentwicklung".

Das Werk von Haupts liefert zahlreiche aufschlussreiche Informationen zum personellen und geistigen Wiederaufbau der Kölner Universität nach 1945. über Köln hinaus spiegelt es eine einflussreich gewordene Mentalität innerhalb der deutschen "Zusammenbruchsgesellschaft" wider, auch und gerade in der Ungeniertheit, mit der hier im Dienste einer Ideologie für wichtige Professuren gezielte Personalpolitik betrieben wurde.

Die äußere Präsentation wird dem gewichtigen Inhalt leider nur unvollkommen gerecht. Außer der Unübersichtlichkeit und Inkonsequenz bei der Gliederung des Stoffes und den zahlreichen Wiederholungen ist mehrfach die Interpunktion fehlerhaft, im zweiten Teil häufen sich Druckfehler und sind Angaben unvollständig (so fehlt bei den Naturwissenschaftlern vielfach das Todesdatum). Wenn dem Verfasser manche Kleinarbeit angesichts der Fülle des von ihm zu bewältigenden Stoffes vielleicht nicht mehr zugemutet werden konnte, wäre es Aufgabe des Verlagslektorats gewesen, hier helfend tätig zu werden. Dass dies nicht geschehen ist, bleibt zu bedauern.

Rezension über:

Leo Haupts: Die Universität Köln im Übergang vom Nationalsozialismus zur Bundesrepublik (= Studien zur Geschichte der Universität zu Köln; Bd. 18), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2007, 406 S., ISBN 978-3-412-17806-2, EUR 49,90

Rezension von:
Eike Wolgast
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Empfohlene Zitierweise:
Eike Wolgast: Rezension von: Leo Haupts: Die Universität Köln im Übergang vom Nationalsozialismus zur Bundesrepublik, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: https://www.sehepunkte.de/2007/07/12951.html


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