Rezension über:

Markus Jager: Der Berliner Lustgarten. Gartenkunst und Stadtgestalt in Preußens Mitte (= Kunstwissenschaftliche Studien; Bd. 120), München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2005, 365 S., 299 Abb., ISBN 978-3-422-06486-7, EUR 88,00
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Rezension von:
Clemens A. Wimmer
Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Clemens A. Wimmer: Rezension von: Markus Jager: Der Berliner Lustgarten. Gartenkunst und Stadtgestalt in Preußens Mitte, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/12300.html


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Markus Jager: Der Berliner Lustgarten

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Der Berliner Lustgarten ist nicht nur die älteste noch vorhandene Grünanlage der Stadt mit einer entsprechend langen und verwickelten Gartengeschichte, sondern hat wegen seiner Lage auch eine zentrale Bedeutung in der allgemeinen Geschichte der Stadt. Die Fülle des Materials, das bei einer Darstellung seiner Geschichte berücksichtigt werden kann, ist kaum übersehbar. Die Schwierigkeit besteht in seiner Auswahl und Gewichtung.

Im Kapitel über die kurfürstliche Zeit (16. und 17. Jahrhundert) wird aus der Sekundärliteratur referiert. Obwohl der Autor in den Fußnoten seiner Zitate die Aktensignaturen angibt, schreibt er in Wirklichkeit Transkriptionen älterer Autoren ab, die viele, für das Verständnis wesentliche Fehler enthalten.

Im Kapitel über Friedrich I. wird ebenfalls Sekundärliteratur referiert. Ausführlicher als bisher wird die Wasserbautechnik behandelt, wobei einige Akten wohl erstmals transkribiert wurden. Die von Jager auf 1706 datierte Zeichnung von Paul Decker d.J. (Abb. 55) muss älter sein, da der Entwurf das von Schlüter vor 1706 ausgeführte Portal V noch nicht enthält. Auf Seite 87 bildet Jager einen bisher unbekannten Plan des Lustgartens von 1712 ab. Diesen immerhin sensationellen Fund analysiert und kommentiert er erstaunlicherweise nicht. Er nutzt die Möglichkeit, bisherige Vermutungen zu widerlegen und bisherige Rekonstruktionsversuche zu verbessern, nicht.

Unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. ist außer der Beseitigung des Lustgartens nichts kunsthistorisch Erwähnenswertes geschehen. Jager widmet dieser Zeit dennoch ein längeres Kapitel, indem er von Gebäuden in der Nähe spricht, so vom Dom. Im nächsten Kapitel geht es um die nicht realisierten Denkmalpläne von 1796/97, einen Festakt zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. 1798 (dieser wohl bisher noch nicht behandelt) und David Gillys Säulenpappel-Pflanzung von 1798. Jager kennt offenbar weder den Unterschied zwischen Pappel und Säulenpappel noch die einschlägige Literatur zur Säulenpappel in der Gartengeschichte.

Der Schinkelzeit ist breiter Raum gewidmet, ohne dass hier mit wesentlich Neuem aufgewartet wird. Angemessen wäre es gewesen, hier auf die zeitgenössische internationale Diskussion um die Berechtigung geometrischer Gartengestaltung auf öffentlichen Plätzen im Gegensatz zum sonst üblichen landschaftlichen Stil einzugehen.

Die Lustgartenentwürfe Lennés vom Februar 1828 und Schinkels von Juli und Oktober 1828 bieten sich zum Vergleich an. Vage spricht Jager von Behauptungen in der Literatur, Schinkels Entwurf habe Anregungen von Lenné aufgenommen, um dies dann widerlegen zu können. Dass diese Annahme der von Jager nicht namentlich genannten Forscher (es handelt sich um einen unbedachten Halbsatz bei Günther/Harksen 1993, 123) nicht zutrifft, wurde indes bereits früher dargestellt. Jager gelangt zu der kühnen Behauptung, Schinkel habe, indem er Baukörper der Stadtlandschaft wie Gehölzgruppen in einem Landschaftsgarten verteilte, in der Art eines Landschaftsarchitekten gearbeitet, während Lenné Bezüge außerhalb der Gartenanlage ignoriert habe. Eklatanter kann man zwei bedeutende Künstler kaum fehlinterpretieren. Hinsichtlich der Ausführung des Schinkelschen Entwurfs gelang es Jager, eine bislang nicht berücksichtigte Akte auszuwerten, die die Aufstellung von 15 Bänken im Jahre 1835 nachweist. Darüber hinaus hätte es sich angeboten, die bisher unveröffentlichten Detailpläne aus Schinkels Büro abzubilden, die Pflasterung, Wassertechnik, Ufermauer und Einfriedungen des Schinkelschen Lustgartens betreffen. Diese Chance nutzte Jager nicht.

Die Kapitel über die Zeit Friedrich Wilhelms IV., Wilhelms I. und Wilhelms II. haben abermals weitgehend referierenden Charakter. Die wesentliche Änderung unter Friedrich Wilhelm IV., dass nämlich die Ausrichtung des von Schinkel angelegten Weges auf Portal V des Schlosses aufgegeben wurde, wird angezweifelt, obwohl sie durch zwei Ansichten und mehrere Grundrisse belegt ist (175).

Aus der letzten Phase der Kaiserzeit entdeckte Jager eine Initiative der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft zur Umgestaltung des Lustgartens von 1913. Er rekonstruiert den zugehörigen, nicht erhaltenen Entwurf von Albert Brodersen (219). Umgesetzt wurde der Entwurf nicht. Dennoch stellt Jager die These auf, 1913 habe eine Neubepflanzung stattgefunden, die auf diesen Plan zurückzuführen sei (223). Nachvollziehbare Beweise liefert er nicht.

Aus den Zwanzigerjahren behandelt Jager die Kundgebungen im Lustgarten und auch die Umgestaltung des in der Nähe liegenden Opernplatzes. Er bespricht zwei bisher in der Geschichtsschreibung des Lustgartens vernachlässigte, allerdings ebenfalls nicht ausgeführte Entwürfe, einen von Erwin Barth 1927, und einen von Josef Tiedemann zur Umgestaltung des Lustgartens zum Reichsehrenmal 1930.

Die Entwicklung des Lustgartens im Nationalsozialismus wird ausführlicher erörtert als bisher. Dabei arbeitet der Autor durch Vergleiche heraus, dass der ausgeführte Entwurf von Conrad Dammeier von 1935 als Versuch gewertet werden sollte, angesichts der Vorgaben hinsichtlich des Kundgebungsplatzes möglichst viel von seiner alten Qualität als Lustgarten zu erhalten (269).

Die Planungsgeschichte während der DDR-Zeit wird erstmals genauer dargestellt. Im Hin und Her der widerstreitenden Lösungsansätze wird die Ratlosigkeit deutlich, die angesichts der komplexen Vergangenheit des Lustgartens herrschte. Jager fand auch die kuriose Denkmalerklärung von 1983, mit der die Gestaltung von Dammeier als ein Werk von Lenné und Schinkel unter Schutz gestellt wurde.

Besonders heikel ist die Darstellung der Jahre seit 1989. Die kontroversen Ereignisse und Planungen werden mit voller Nennung der Namen der Beteiligten mit peinlicher Genauigkeit ausgebreitet. Dass die Denkmalpflege 1998 nach der gegen ihren Willen durchgeführten Abräumung der Dammeierschen Anlage den Denkmalstatus des Lustgartens aufhob, ist Jager dagegen keiner Erwähnung wert. Überhaupt werden denkmalrechtliche Aspekte nicht behandelt.

Ebenso verwundert, wenn er die Aussage eines Gutachtens, es gäbe "keine Unterlagen von Schinkel" als Tatsache hinnimmt (329). Wenn er überdies "bestehende Unklarheiten über die Ausstattungsdetails des Schinkelschen Lustgartens" (ebd.) behauptet, nährt dies die Vermutung, dass er die ungewöhnlich detailreichen Bauakten Schinkels zum Lustgarten im Geheimen Staatsarchiv niemals in der Hand gehabt hat.

Jagers Stellung zu der 1999 auf Anordnung eines Politikers umgesetzten Planung erscheint nicht eindeutig. Während er sich einerseits wiederholt gegen das "gefällige Neuarrangement von Versatzstücken der Vergangenheit" (327) ausspricht, erkennt er andererseits in den innerhalb der politischen Vorgabe geschaffenen eigenständigen Aspekten des ausgeführten Entwurfes von Hans Loidl eine "Ebenbürtigkeit" mit Schinkel (333). Die im Buch zahlreich ausgebreiteten Farbfotos des Loidlschen Lustgartens erinnern an eine Werbebroschüre und suggerieren ein positives Finale, das keineswegs der auch von Jager gesehenen Problematik des Themas entspricht.

Das Buch kompiliert viel inhomogenen Stoff ohne wissenschaftliche Eigenleistung und in einer oft unkritischen Weise. Stellenweise wird auch neues Quellenmaterial berücksichtigt, jedoch ebenfalls vielfach ohne die erforderliche Kritik. Es wird deutlich, wie die Gestaltung dieses Stadtraums über 400 Jahre die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Verhältnisse spiegelte. Wer aber Gelegenheit hatte, sich intensiver mit dem eigentlichen Lustgarten zu befassen, gewinnt den Eindruck der Oberflächlichkeit.

Clemens A. Wimmer