Rezension über:

Karsten Dahmen: The Legend of Alexander the Great on Greek and Roman Coins, London / New York: Routledge 2007, xiii + 179 S., ISBN 978-0-415-39451-2, GBP 60,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Reinhard Wolters
Numismatische Arbeitsstelle des Instituts für Klassische Archäologie, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Reinhard Wolters: Rezension von: Karsten Dahmen: The Legend of Alexander the Great on Greek and Roman Coins, London / New York: Routledge 2007, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/10130.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Karsten Dahmen: The Legend of Alexander the Great on Greek and Roman Coins

Textgröße: A A A

Der Titel des Buches führt in die Irre: Was inhaltlich geboten wird ist kein Zugang oder gar der Versuch einer Gesamtdarstellung zu den Taten und insbesondere sich wandelnden Vorstellungen über Alexander den Großen im Spiegel der Münzen, sondern allein die Behandlung seines Porträts auf ihnen. Den Vorlieben der Verlage, durch ein breit gespanntes, möglichst noch Emotionen bedienendes Thema einen größtmöglichen Leserkreis anzusprechen, können sich offensichtlich auch wissenschaftliche Bücher nicht entziehen. Und dass dieses ein wissenschaftliches Buch sein will, daran lässt das Verhältnis von 64 Textseiten zu 42 Seiten kleingedruckter Anmerkungen keinen Zweifel. Ergänzt wird dieses um weitere Anhänge: Ein "Plates" genannter Katalog (108-155), der viele der besprochenen Münzen abbildet und erläutert; eine davon abgetrennte Beschreibung der Münzen mit den technischen Daten (156-169); ausgewählte Literatur (170-175) und schließlich ein knapper Index, dessen Verweise zum überwiegenden Teil auf die 64 Textseiten zielen (177-179).

Der für numismatische Literatur nicht untypische Spagat zwischen Materialvorlage und Problemorientierung ist auch in Dahmens Studie unübersehbar: Denn für die strittige Frage der Alexanderbildnisse sind die Münzen nur ein Medium unter vielen. Zu Recht betont Dahmen in der Einleitung den besonderen Quellenwert der Münzen: Ihre massenhafte und - auf den Typ bezogen - fast vollständige Überlieferung, dazu die zumeist "offizielle" Perspektive. Hinzu kommt, dass Münzen aufgrund der Kombination von Bild und Schrift bei Identifizierungen von Porträts eine oftmals entscheidende Rolle zuwächst.

Der Vergleich mit außernumismatischen Quellen wird jedoch nur durch einige Verweise gesucht, die nicht mehr illustriert sind. Entsprechend wird als Hauptanliegen auch das Zusammentragen und Vorstellen des Münzmaterials in einer repräsentativen Auswahl genannt. Wenn es an anderer Stelle wieder heißt, Ziel sei es, die Münzen als Zeugnisse für historische Vorgänge auszuwerten, so verdeutlicht diese erneute Wendung der Fragestellung zum Material hin alle Schwierigkeiten des Spagats (1-5).

Der Textteil gliedert sich in vier Kapitel unterschiedlicher Ausführlichkeit:
1. Der "Survey of Alexander's image on ancient coins" (6-38) bietet einen chronologischen Durchgang der Porträts und auch einiger Darstellungen Alexanders d. Gr. auf griechisch-römischen Münzen und Medaillen von ca. 320 v. Chr. bis 400 n. Chr. Nicht nur dem Umfang nach ist dieses der Kern des Buches. Die Bildnisse weichen stark voneinander ab und eine verbindliche Physiognomie für Alexander d. Gr. ist nicht auszumachen. Als Charakteristika bleiben im Prinzip nur Jugendlichkeit - unterstützt teils durch Dynamik und Entschlossenheit in Form von Anastole und struppigem Haar -, Bartlosigkeit, dazu bei den Typen ohne Kopfbedeckung noch das Diadem. Möglich wird eine Ansprache erst über den Kontext einer Darstellung, über Attribute oder eben die erläuternde Beischrift. Rundplastische Porträts als (verbindliche) Vorlage für die Münzporträts hat es nach Dahmen weder in der Zeit der Diadochen, noch später gegeben; allein für die Münzen östlicher Städte in der Severerzeit erwägt er diese Möglichkeit.

Die frühesten Alexanderdarstellungen erkennt Dahmen in den so genannten "Poros"-Münzen, die Alexander als Handelnden bzw. noch zu Lebzeiten in der Pose des Zeus mit Speer und Blitz zeigen. Ein Herauswachsen des Alexanderporträts aus dem Herakleskopf der Tetradrachmen wird für den lebenden Alexander bestritten, doch scheint mir die zunehmende Individualisierung und "Belebung" des traditionellen Herakleskopfes - etwa in der Wölbung der Stirn oder Tiefe des Auges, die ja dann auch unter den Diadochen weitergeführt werden - trotz allem in diese Richtung zu deuten. Sicherlich war dieses kein offizieller Prägeauftrag. Das häufige Auftreten Alexanders mit den Attributen des Herakles dürfte jedoch den Stempelschneidern eine solche Anspielung erleichtert haben - auch mit Blick auf den Herrscher als Empfänger dieser "Nachricht".

2. "Alexander's changing portraits" (39-47) stellt in einem jetzt systematischen Durchgang noch einmal die Arten des Kopfschmucks und die Büstenformen vor. Abgesehen von den strittigen Herakles-Aversen entwerfen erst die Diadochen eigene Alexanderbilder: Attribute werden der Elefantenskalp (Ptolemaios) oder das Ammonshorn (Lysimachos), was im Prinzip dem Menschen nähere Darstellungen sind. Die Alexanderporträts sind vom Pathos geprägt, dem gegenüber sich die Diadochen in ihren eigenen Münzbildern später nur mit Realismus behaupten konnten.

3. "Making good use of a legend" (48-55) stellt den Alexander der hellenistischen Könige, jenen der Makedonen und Alexander als Städtegründer insbesondere in der provinzialen Münzprägung vor. Im Wettbewerb der Städte konstruierten diese ihr je eigenes Alexanderbild, und der wenig spezifische generelle Typ wird überdies in jeweils zeitspezifischer Formung wiedergegeben. Zu Recht betont Dahmen, dass Tatsache und Art der Rezeption des Alexanderbildes vor allem über die jeweilige Gegenwart Auskunft geben.

4. "Alexander in disguise" (56-57) stellt schließlich missverstandene Alexanderbildnisse vor: Insbesondere die Statere mit Athena unter korinthischem Helm wurden wegen ihrer Legende auf dem Revers für Darstellungen des Makedonen gehalten. Konrad Kraft hat den Beginn dieses Missverständnisses auf das 15. Jahrhundert datiert. Aber man kann wohl noch weiter zurückgehen: Die häufige Wiederholung dieses Münzbilds auf islamischen Münzen schon im 12. Jahrhundert, etwa auf Bronzemünzen des Herrschers von Mosul, Sayf ad-din Gahzi II. in al-Jazira/Cizre, dürfte gleichfalls aus dieser Fehldeutung resultieren. Im Gegenzug wurden die Münzen mit Alexanderbildnis und Legende des Lysimachos zu Beginn der neuzeitlichen Numismatik für Darstellungen des Diadochen gehalten: Das sonst so hilfreiche gleichzeitige Vorkommen von Bild und Schrift auf Münzen hat auch seine Tücken!

Hervorzuheben ist der kompakte Katalog mit eingehender Diskussion der Bilder. Der Aufbau provoziert allerdings abermals viele Wiederholungen. Die nochmals abgetrennte Beschreibung der Münzen wäre zum direkten Vergleich mit den Bildern an dieser Stelle nicht nur besser untergebracht gewesen, sondern hätte auch den Text entlasten können. Als Leser gewinnt man den Eindruck, dass dieselben Sachen in mehrfach verschiedener Anordnung präsentiert werden und das Ganze unnötig gestreckt wird. Ein besonderes Verdienst des Katalogs ist die Wiedergabe von Auszügen aus den literarischen Quellen. Dies erinnert in manchem an C.H.V. Sutherlands schöne Interpretation der iulisch-claudischen Prägung. [1]

Übersehen wurde im Literaturverzeichnis die kleine Abhandlung von D. Mannsperger. [2] Die Qualität der Abbildungen ist ordentlich, wenn auch bei den Bronzen nicht auf dem Stand des heute Möglichen. Nicht mehr Gegenstand von Dahmens Untersuchung ist die Alexander-Imitatio in der Porträtausführung, etwa die Anastole auf Münzen des Pompeius: Derartige Anspielungen könnten meines Erachtens durchaus dazu beitragen, jene Elemente zu präzisieren, die in der Antike - vermutlich in je wechselnder Konstellation - die Identifizierung eines Bildnisses als Alexander erlaubten. Am Ende sind noch ein den Leser irritierendes und bis in den Schreibstil durchscheinendes Pathos sowie Bedeutungszuschreibungen anzumerken: Aber sie sind vielleicht nur der Versuch, dann doch dem Titel zu entsprechen.


Anmerkungen:

[1] Sutherland, C.H.V.: Roman History and Coinage. Fifty Points of Relation form Julius Caesar to Vespasian, Oxford 1987

[2] Mannsperger, Dietrich: Alexander der Große im Bild der Münzen (= Ausstellungskatalog der Universität Tübingen, Nr. 15), Tübingen 1981

Reinhard Wolters