Rezension über:

Verena Krieger (Hg.): Metamorphosen der Liebe. Kunstwissenschaftliche Studien zu Eros und Geschlecht im Surrealismus (= Ikonologie der Moderne; Bd. 1), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2006, 200 S., ISBN 978-3-8258-9936-3, EUR 19,90
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Rezension von:
Katharina Sykora
Institut für Kunstwissenschaft, Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Sykora: Rezension von: Verena Krieger (Hg.): Metamorphosen der Liebe. Kunstwissenschaftliche Studien zu Eros und Geschlecht im Surrealismus, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4 [15.04.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/04/12400.html


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Verena Krieger (Hg.): Metamorphosen der Liebe

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Der Übergang von der Lehre zur Wissenschaft, so kann er im besten Sinne aussehen. Metamorphosen der Liebe ist kein Tagungsband, sondern Resultat eines Hauptseminars, das die Herausgeberin Verena Krieger 2004 am Kunsthistorischen Institut in Stuttgart veranstaltet hat.

Das grundlegende Verdienst, alle Beiträge im Blick auf konstante Leitmotive des Erotischen im visuellen Kosmos des Surrealismus zusammenzuführen, gebührt hier der Herausgeberin. Durch diesen Fokus setzt der Band innerhalb der kunst- und kulturhistorischen Argumentationen über das Verhältnis von Surrealismus und Geschlecht, die in den letzten zehn Jahren in zahlreichen Monografien und Ausstellungskatalogen an Komplexität gewonnen haben, eine wichtige Markierung. Und mehr noch: Es kommt immer wieder zu erhellenden Überraschungen. So gehen die Aufsätze Bildmotiven des gefesselten Körpers, des Uterus, aber auch so nahe liegender Themen wie dem Phallus oder Figuren des Androgynen nach, die bislang noch keine systematische Analyse im Kontext surrealistischer Bildwelten erfahren haben. Hier bringen die genauen Einzelbilduntersuchungen sehr freie Neuformulierungen und zum Teil widersprüchliche Umformungen älterer ikonographischer Topoi ans Licht. Darüber hinaus werden unter erotischen Leitmotiven jedoch auch künstlerische Strategien der Surrealisten verstanden, zum Beispiel die unterschiedlichen Adaptionen alchemistischer oder reproduktiver Prozesse für Metaphern künstlerischer Kreativität, oder die verschiedenen Instrumentalisierungen der wichtigsten geistigen Vorbilder, namentlich Freuds und de Sades.

Grundtenor aller Beiträge ist dabei die Konstatierung einer fundamentalen Ambivalenz, die das surrealistische Denken und seine Visualisieren von Eros und Geschlecht prägt. So wird einerseits immer wieder eine basale Misogynie spürbar, welche die programmatische Emphase empfindlich stört, mit der im Surrealismus das Begehren als gesellschaftlich befreiendes wie kreatives Potenzial gefeiert wird. Andererseits scheinen in Bildern geschlechtlich kodierter Gewalt etwa der Fesselung, der hysterischen Katalepsie, der Penetration oder Autopsie sowie der offensiven Ablehnung weiblicher Gebärfähigkeit in Wort und Bild zugleich emanzipatorische Aspekte auf, die auch gegen gesellschaftliche Restriktionen der Frau rebellierten. Deshalb fanden einige dieser Positionen auch unter den Künstlerinnen, die erst spät zum Kreis der Surrealisten hinzu stießen und an deren Peripherie arbeiteten, Zuspruch.

Alle Aufsätze zeichnen sich durch die wechselseitigen Gegenlektüren von surrealistischer Programmatik und visueller Vielfalt in den Einzelwerken aus. So werden nicht nur die Widersprüchlichkeiten zwischen Künstlern wie Breton, der einer heterosexuellen Utopie von der geistig-leiblichen Vereinigung der Geschlechter anhing, und Libertins wie Man Ray, Bellmer oder Masson sichtbar, die pornografische Szenarien bevorzugten und eine Auflösung der Geschlechterpolarität im Zeichen sexueller Stimulanz betrieben. Vielmehr tun sich auch Differenzen zwischen Künstlerinnen auf, beispielsweise in den Androgynitätskonzepten von Claude Cahun und Louise Bourgeois. Oder wir erfahren Genaueres über Gemeinsamkeiten André Bretons und Meret Oppenheims im "Nein zum Kind" und zugleich über den Unterschied zwischen der aktiven weiblichen Figuration von Oppenheims kindstötendem Würgeengel und Massons oder Bellmers visuellen Exkavationen des weiblichen (Unter)Leibes.

Durch das Insistieren auf den Widersprüchen im Umgang mit dem Erotischen im bildkünstlerischen Surrealismus manifestiert sich so in Metamorphosen der Liebe eine sehr produktive kunsthistorische Forschungsrichtung, die auf Komplexität auch in Genderfragen setzt. Der Band erweitert somit Ansätze, die nur monografisch argumentieren oder den Surrealismus ausschließlich als Gruppenphänomen ins Visier nehmen. Vielmehr ergibt sich durch die Perspektive auf Leitmotive des Erotischen, auf künstlerische Strategien des Begehrens und auf Rezeptionsprozesse im Feld des Arkanen und der Pornografie ganz beiläufig der Effekt, dass wir unterschiedlichen künstlerischen Individuen im Kreis des Surrealismus bei der gemeinsamen "Arbeit am Eros" zusehen. Denn wir begegnen Max Ernst und Meret Oppenheim, Salvador Dalì und Leonora Carrington, Hans Bellmer und Louise Bourgeois, André Breton und René Magritte in den Aufsätzen in immer neuen Konstellationen und Perspektiven. Die Kategorie Geschlecht wird so als springender Punkt eines gemeinsamen Denk- und Handlungsraums nachvollziehbar, ohne dass die einzelnen surrealistischen Künstler und Künstlerinnen in ihren gesellschaftlichen oder ästhetischen Positionen nahtlos in ihm aufgehen.

Einzig in der Form lassen sich einige Einschränkungen machen, die das Vergnügen an Metamorphosen der Liebe schmälern. Ein Manko teilt der Band mit vielen kunstwissenschaftlichen Publikationen: Die Abbildungen sind zu klein und die subtilen farblichen und figurativen Details gehen vor allem bei der Malerei in den Schwarzweißabbildungen verloren. Zudem fällt im Aufbau der Aufsätze als ferner Nachhall des universitären Entstehungsrahmens eine allzu rasterartige Folge von Exposition, Hauptargument und Konklusion auf. Hier hätte eine dem Surrealismus entlehnte "letzte Lockerung" der akademischen Argumentation mehr Leichtigkeit verschafft. Und last but not least hätte ich mir gerade bei den angehenden Wissenschaftlerinnen ein Autorinnenverzeichnis gewünscht, das deren Tätigkeiten und Interessenschwerpunkte skizziert. Denn der Band verdankt sich nicht nur der verdienstvollen Zusammenarbeit eines kunsthistorischen Instituts und seines Fördervereins, sondern er ist in erster Linie Dokument eines lebendigen wissenschaftlichen Austausches zwischen einer ausgezeichneten Lehrerin und ihren viel versprechenden jungen Kolleginnen.

Katharina Sykora