sehepunkte 7 (2007), Nr. 3

Stefan H. Lindner: Hoechst

Die Forschung über die Rolle der I.G. Farben im 'Dritten Reich' hat ihre eigene Geschichte. Lange Zeit beschäftigte sie sich fast ausschließlich mit der Konzernebene, wobei es auch um das generelle Verhältnis von Kapitalismus und Nationalsozialismus ging. Sind die I.G. Farben doch das bekannteste Beispiel für ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das zum skrupellosen Komplizen des NS-Regimes wurde, bis hin zur Mitwirkung an den Verbrechen in Auschwitz. Stephan Lindners Buch über das I.G. Farben-Werk Hoechst steht für eine neue I.G. Farben-Forschung, die den Fragen nach der Verantwortung und den Motiven der Akteure auf der betrieblichen Ebene und aus einer unternehmenshistorischen Perspektive nachgeht. Ähnlich wie die Untersuchungen von Raymond G. Stokes über das aus der BASF hervorgegangene Werk Ludwigshafen und von Bernhard Lorentz / Paul Erker über die Chemischen Werke Hüls handelt sie von der Geschichte eines einzelnen I.G. Farben-Werks in der NS-Zeit. [1] Die Werksperspektive ist nicht nur eine überfällige Ergänzung zur Konzernebene, sondern ermöglicht es auch, ein genaueres Bild vom betrieblichen Innenleben und den internen Strukturen der I.G. Farben zu gewinnen. Allerdings lassen sich auf dieser Ebene kaum Aussagen zu den unternehmerischen Handlungsspielräumen im 'Dritten Reich' gewinnen, weil die einzelnen Werke ja stets an die Vorgaben der Konzernführung gebunden waren.

Stephan Lindner geht von der Frage aus, wie nahe das Hoechst-Werk dem NS-Regime stand und inwieweit es bei den Verbrechen des 'Dritten Reichs' mitwirkte. Der Hauptteil des Buchs handelt vom Verhalten der Werksleitung, von der 'Nazifizierung' der Belegschaft, aber auch von der Verdrängung der jüdischen Mitarbeiter und von der Zwangsarbeit bei Hoechst. Lindners Interesse gilt vor allem den Motiven der Werksleitung und der Entscheidungsträger in den einzelnen Abteilungen, womit er an das Standardwerk von Peter Hayes über die I.G. Farben in der NS-Zeit anknüpft. [2] In einem weiteren, kürzeren Teil wird auf die betriebliche Struktur, die Produktion und die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit eingegangen. Abschließend zeigt Lindner in einem eigenen Kapitel, wie Hoechst nach dem Krieg mit seiner NS-Vergangenheit umging.

Ähnlich wie die Untersuchungen von Stokes und Lorentz / Erker macht Lindners Hoechst-Studie deutlich, dass es zwischen den einzelnen I.G. Farben-Werken nicht nur enge Verbindungen, sondern auch gewichtige Unterschiede gab. Hoechst hatte bei den Umstrukturierungen nach der Gründung des Farbenkonzerns Mitte der Zwanzigerjahre nicht so vorteilhaft abgeschnitten wie die I.G.-Werke in Ludwigshafen und Leverkusen. Wichtige Teile der Produktion und den Verkauf der Farbstoffe hatte man abgeben müssen. Das Schlagwort vom "Stiefkind der I.G.", das in Hoechst bald die Runde machte, war zwar übertrieben, doch erlangte das Werk innerhalb des Konzerns niemals eine ähnlich zentrale Bedeutung wie die Schwesterwerke Leverkusen und Ludwigshafen. Der durch die Weltwirtschaftskrise noch erheblich verstärkte Einbruch des Farbstoffgeschäfts konnte durch die rentable Pharmasparte, das Aushängeschild des Werks, nicht aufgefangen werden.

Vor 1933 gab es in Hoechst - wie im gesamten I.G. Farben-Konzern - wenig Sympathien für die Nationalsozialisten. Die 'Nazifizierung' der Belegschaft erfolgte im 'Dritten Reich' in mehreren Schüben. Unter weitgehenden Einfluss der Partei geriet das Werk offenbar während des Krieges, als viele alte Parteigenossen und auch die Tochter des Gauleiters bei Hoechst eingestellt wurden. Stephan Lindner sieht darin eine "Kapitulation" vor der Partei. In Forschung und Produktion konnte sich das Werk dagegen eigenständiger und erfolgreicher entwickeln als es später dargestellt wurde. Die Investitionen lagen zwar nicht so hoch wie in den neuen Betrieben der I.G., übertrafen aber im Gesamtzeitraum der Jahre 1925-1944 das Niveau des Werks in Leverkusen. Hoechst erzielte ansehnliche Gewinne, weil es in profitablen Bereichen wie der Pharma- und Farbenherstellung gut aufgestellt war.

Die Leiter des Hoechst-Werks im 'Dritten Reich', Ludwig Hermann und sein Nachfolger Carl Ludwig Lautenschläger, waren im Unterschied zu manchen Vorstandsmitgliedern des Konzerns überzeugte Anhänger des Regimes. Der nationalkonservative Hermann sah im Nationalsozialismus sein Ideal einer soldatischen Volksgemeinschaft verwirklicht. Lautenschläger, der nach Hermanns Tod im Jahr 1938 als Kompromisskandidat Werksleiter wurde, verkörperte eher den Typus des Wissenschaftlers mit Parteibuch. Da ihm das Durchsetzungsvermögen seines Vorgängers fehlte, baute die Konzernführung seit 1941 Karl Winnacker als Nachfolger auf, einen ebenso fähigen wie ehrgeizigen Chemiker, der nach dem Krieg die Führungsfigur der neu gegründeten Farbwerke Hoechst AG wurde.

Eingehend untersucht Lindner die Ausgrenzung der jüdischen Hoechst-Mitarbeiter. Dabei korrigiert er die Vorstellung, die I.G. Farben, die vielen Nationalsozialisten als 'jüdisches' Unternehmen galten, hätten sich generell nur widerwillig der nationalsozialistischen Rassenpolitik angepasst. Die überlieferten Personalakten des Hoechst-Werks zeigen, dass es kein einheitliches Muster in der Behandlung der jüdischen Mitarbeiter gab. Bemühungen, jüdische Angestellte zu halten sind ebenso belegt, wie Entlassungen, mit denen das Werk über die gesetzlichen Vorschriften hinausging. So begann Hoechst 1938 aus eigenem Antrieb, allen 'Halbjuden' zu kündigen. Es kam zu Verfahren vor dem Arbeitsgericht, wo das Werk unterlag und dazu verurteilt wurde, Kündigungen zurückzunehmen.

Während des Krieges beschäftigte Hoechst insgesamt mehr als 8.000 Zwangsarbeiter. Sie wurden auch noch in einer 1990 veröffentlichten Chronik der Hoechst AG nicht in die Belegschaftsstatistik aufgenommen. Stephan Lindner weist nach, dass sich das Werk aus eigenem Antrieb um die Zuteilung von Zwangsarbeitern bemüht hat. Die Behandlung der Zwangsarbeiter unterschied sich auch hier nach Herkunft, Geschlecht und Zeitpunkt. Neben Zivilarbeitern aus West- und Südeuropa wurden insgesamt mehr als 2.000 'Ostarbeiter' und Kriegsgefangene ausgebeutet. KZ-Häftlinge wurden sehr wahrscheinlich nicht eingesetzt. Irritierend ist, dass der Autor mit dem Hinweis auf den hohen Anteil freiwilliger ausländischer Arbeitskräfte auf die Bezeichnung 'Zwangsarbeiter' verzichtet und durchgehend den unglücklichen Begriff "Fremdarbeiter" benutzt.

Ein besonders düsteres Kapitel bilden die Lieferungen der Pharmazeutischen Abteilung für Menschenversuche in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald. Lindner kann nachweisen, dass nicht nur der zuständige Abteilungsleiter Julius Weber, sondern auch Werksleiter Lautenschläger sehr wohl wusste, an welchen Verbrechen sich das Werk mit den Lieferungen an den SS-Arzt Ding beteiligte. Einmal mehr zeigt sich hier der vollständige Verfall ethischer Standards in einem Unternehmen während der NS-Zeit. Wie Stephan Lindner herausarbeitet, hatten die I.G. Farben zwar schon vor 1933 klinische Versuche an Menschen ohne Einwilligung durchgeführt. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte man sich aber an das Prinzip gehalten, neue Wirkstoffe erst an Tieren zu testen. Die Motive für die Mitwirkung an den Menschenexperimenten der SS waren professioneller Ehrgeiz und Gewinnstreben. Man wollte vor den konzerninternen Konkurrenten mit einem Medikament gegen Fleckfieber am Markt sein. Dass Hoechst die Lieferungen an den SS-Arzt Ding 1944 einstellte, erfolgte nicht etwa aus Skrupeln, sondern aus persönlichen Antipathien und aus Skepsis gegenüber dem Nutzen dieser Versuche.

Ein wichtiger Ertrag der Studie ist es schließlich auch, zu zeigen, wie Hoechst nach dem Krieg die Rolle des Werks im 'Dritten Reich' deutete. Unter dem Druck der alliierten Ermittlungen und des Nürnberger Prozesses baute man die Legende auf, Hoechst hätte sich stets aus der Politik der Nationalsozialisten heraushalten können und unter einer Forschungsfeindlichkeit des 'Dritten Reichs' zu leiden gehabt. Stephan Lindner macht deutlich, dass diese Muster der Vergangenheitsdeutung auch noch in den Fünfzigerjahren, nach Gründung der Farbwerke Hoechst AG, eine wichtige Funktion hatten. Karl Winnacker, der 1952 Vorstandsvorsitzender der neuen Hoechst AG wurde, stellte eine ganze Reihe schwer belasteter Alt-I.G.-Leiter ein. Er konnte sich damit endgültig im Netzwerk der I.G. Farben-Elite etablieren und den Ruf eines reinen Karrieristen abstreifen. Insgesamt hat Hoechst, das "Stiefkind der I.G.", den I.G.-Geist länger tradiert als seine Schwesterunternehmen.


Anmerkungen:

[1] Raymond G. Stokes: Von der I.G. Farbenindustrie AG bis zur Neugründung der BASF (1925-1952), in: Werner Abelshauser (Hg.): Die BASF. Eine Unternehmensgeschichte, München 2002, 221-358; Bernhard Lorentz / Paul Erker: Chemie und Politik. Die Geschichte der Chemischen Werke Hüls 1938-1979. Eine Studie zu Problem der Corporate Governance, München 2003; s. hierzu die Rezension von Jochen Streb, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 [15.06.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/06/5644.html.

[2] Peter Hayes: Industry and Ideology. I.G.-Farben in the Nazi Era, Cambridge 1987.

Rezension über:

Stefan H. Lindner: Hoechst. Ein I.G. Farben Werk im Dritten Reich, München: C.H.Beck 2005, XVIII + 460 S., 29 Abb., 20 Tab., ISBN 978-3-406-52959-7, EUR 39,90

Rezension von:
Johannes Bähr
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Bähr: Rezension von: Stefan H. Lindner: Hoechst. Ein I.G. Farben Werk im Dritten Reich, München: C.H.Beck 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de/2007/03/7672.html


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