sehepunkte 6 (2006), Nr. 12

Ralph Kauz: Politik und Handel zwischen Ming und Timuriden

Der von Timur im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts begründete zentralasiatische Herrschaftsverbund ging ebenso wie die Ming-Dynastie (1368-1644) aus der Erbmasse des Mongolenreiches hervor. Aus dieser Gemengelage ergab es sich, dass durch die politischen und kommerziellen Kontakte beider Imperien für etwa ein Jahrhundert nach dem Zusammenbruch des Mongolenreiches ein asiatischer Interaktionsraum erhalten blieb. Allerdings waren die außenpolischen Zielsetzungen beider Reiche im Lauf der Beziehungen erheblichen Schwankungen unterworfen.

Ralph Kauz, ein ausgebildeter Sinologe und Iranist, wertet in seiner von der Fakultät für Kulturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahre 2002 als Habilitationsschrift angenommenen Arbeit unter anderem sowohl die Ming-Regesten wie auch die persischen Chroniken aus, um sich und uns ein genaues Bild von dem Verlauf der zahlreichen Gesandtschaften zu machen, die zwischen den timuridischen Hauptstädten und dem mingzeitlichen China verkehrten. Die Studie hat eine grundsätzlich deskriptive Anlage, was in diesem Fall nicht negativ ist, denn immerhin müssen die zwischen 1387 und 1515 zu verzeichnenden 109 (88 muslimischen, 21 chinesischen) Missionen erst einmal erfasst, beschrieben und kontextualisiert werden. Sinnvollerweise hat der Verfasser innerhalb des Fliesstextes alle Unternehmungen durchnummeriert, so dass es für den Benutzer einfach ist, eine bestimmte Gesandtschaft zu finden.

Nach einer Einleitung, in der die Vorgehensweise thematisiert und der Forschungsstand erörtert wird, geht es in dem zweiten und dritten Kapitel des Buches um die Zeit bis zum Tode Timurs im Jahre 1405. Bereits in den 1390er Jahren gab es einen regelmäßigen Gesandtenaustausch zwischen dem muslimischen Machthaber auf der einen und Zhu Yuanzhang, dem Gründer der Ming-Dynastie, auf der anderen Seite. In der Hongwu-Ära (1368-98), in der die mongolische Yuan-Dynastie vollständig besiegt und die neue Herrschaft konsolidiert werden konnte, wurde jedoch ein Verbot von jeglicher Form des Privathandels ausgesprochen. Alle Außenbeziehungen hatten sich dem Tributsystem unterzuordnen, d.h. dass eine Handelsgesellschaft nur dann nach China kommen durfte, wenn sie offiziell von einem Herrscher, der sich dem chinesischen Machthaber unterworfen hatte, entsandt worden war. 1397 kam es offenbar auch aufgrund dieser Politik zum Bruch zwischen Timur und Zhu Yuangzhang. Der zentralasiatische Potentat bereitete einen großangelegten Feldzug nach China vor. Alle nötigen Vorbereitungen waren bereits getroffen, als er kurz nach seinem Aufbruch aus Samarqand am 18. Februar 1405 verstarb.

Unter seinen Nachfolgern Ḫalīl Sulṭān (reg. 1405-09) und Šāhruḫ (reg. 1409-47) änderte sich das Verhältnis zwischen dem Timuridenreich und der Ming-Dynastie schlagartig (4). Die überlebenden chinesischen Gesandten schickte man mit einer timuridischen Begleitung in das Land der Mitte zurück, um der dortigen Regierung ein Kooperationsangebot zu unterbreiten, das auf dem Papier wohl auch die nominelle Unterwerfung beinhaltete. Zhu Di, der Nachfolger von Zhu Yuanzhang, akzeptierte dies sofort, denn er erhob weiterhin Anspruch auf Weltherrschaft und war daher bestrebt, seine Herrschaft in den verschiedenen Reichen anerkannt zu wissen. Darüber hinaus gab es natürlich wirtschaftliche und konkrete politische Interessen. Vielleicht, so die Überlegung des chinesischen Herrschers, konnte man die Muslime für eine Allianz gegen die benachbarten Oiraten gewinnen, die eine ständige Gefahr für das Reich darstellten. Šāhruḫ hingegen, der einen regen Briefwechsel mit Zhu Di pflegte, scheint seinen Anspruch auf Universalherrschaft und Wiederherstellung des Mongolenreiches mittels eines Ostfeldzuges zu jener Zeit bereits aufgegeben zu haben.

Nach dem Tod des chinesischen Kaisers Zhu Di im Jahre 1424 nahmen die politischen Beziehungen zu den Timuriden rasch ab, wenn auch bis zum Ende der Ming-Dynastie weiterhin intensive kommerzielle Kontakte bestanden (5). Während der Xuande- (1426-35), Zhengtong- (1436-1449), Jingtai- (1450-56) und Tianshun-Ära (1457-64) beschränkte sich der Austausch zwischen den beiden Regionen somit allein auf Handelsmissionen. Nach der schmerzhaften Niederlage 1449 gegen die Mongolen wurden allerdings von chinesischer Seite zaghafte Versuche unternommen, die politische Allianz mit den Timuriden wiederzubeleben. Die Anstrengungen führten jedoch nicht zu dem gewünschten Erfolg. Vielmehr büßte man dauerhaft seinen Einfluss auf Mittelasien ein. Schließlich verzichtete die chinesische Seite ab der Chenghua-Ära (1465-87) gänzlich auf die Entsendung von Missionen nach Zentralasien. Zu Beginn des 16. Jahrhundert beendeten dann die Usbeken die letzten Hochburgen timuridischer Machtausübung.

Im Anschluss an ein kurzes Fazit führt der Verfasser in einem Anhang alle nicht-timuridischen Gesandtschaften von 1503 bis 1618 auf (insgesamt 23). Weitere kurze Anhänge mit einer Auswahl wichtiger ming- und qingzeitlicher Werke über Zentralasien sowie mit Briefen von Gesandtschaften des ehemaligen Timuridenreiches an chinesische Kaiser runden die Studie ab.

Insgesamt gesehen hat Ralph Kauz vor allem Grundlagenarbeit geleistet. Seine sinologische wie iranistische Kompetenz erlaubte es ihm, sowohl die mannigfaltigen chinesischen wie auch die reichhaltigen persischen Quellen zu durchdringen und auszuwerten. Darüber hinaus gelingt ihm aber auch eine kohärente Darstellung der außenpolitischen Intentionen der chinesischen wie der timuridischen Machthaber. Er kann die die jeweilige Außenpolitik bestimmenden Normen der timuridischen und chinesischen Machthaber miteinander vergleichen und die Rationalität des jeweiligen Handelns beleuchten. Daneben kommt auch die Behandlung der kulturellen und kommerziellen Aspekte nicht zu kurz. Interessant ist, dass sich in China die Akteure in Außenpolitik und Diplomatie auf eine ganze Reihe von Institutionen verteilten, an deren unterem Ende die eigentlichen Agierenden, also die chinesischen Beamten, die die timuridischen Gesandten zu empfangen hatten, standen. In den timuridischen Reihen findet man hingegen vornehmlich Mitglieder der Kaufmannsschicht; es gibt kaum Akteure der mittleren Ränge.

Schließlich hat es Ralph Kauz aber auch vermocht, eine von ihm zu Beginn seines Buches aufgestellte These anhand der beschriebenen Gesandtschaften zu verifizieren: Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts seien die Beziehungen zwischen den Timuriden und der Qing-Dynastie keinesfalls, wie bisweilen behauptet, ausschließlich ökonomischer Natur gewesen. "Vielmehr", so der Verfasser, "waren sie nur ein Teil eines komplexen interaktiven Netzes, das verschiedene Aspekte einschloss: kommerzielle, politische, militärische und auch kulturelle. Von der speziellen politischen Situation abhängig, dominierte für einen begrenzten Zeitraum jeweils einer dieser Aspekte. So war die (geplante) letzte chinesische Gesandtschaft nach Samarqand eindeutig politisch motiviert. Ab der Mitte des 15. Jahrhundert rückte aber der kommerzielle Aspekt eindeutig in den Vordergrund. Der kulturelle Aspekt war ein begleitender Aspekt während der gesamten Zeit der Kontakte." (6) Letzten Endes hatten auch die Chinesen ein gewisses wirtschaftliches Interesse, wenn es um die Kontakte mit Mittelasien ging, doch war dies zu keiner Zeit so stark ausgeprägt wie bei den Timuriden. Generell kann aber, wie eigentlich überall und zu allen Zeiten, konstatiert werden, dass die Handelsaktivitäten, die im 16. Jahrhundert durch die bekannten welthistorisch bedeutsamen Veränderungen (Stichworte: Entdeckung Amerikas, Umschiffung Afrikas) langsam zurückgingen, während der gesamten Periode niemals so scharfe Unterbrechungen erfuhren wie der politische Austausch.

Anmerkung der Redaktion:

Für eine komplette Darstellung der arabischen Umschrift empfiehlt es sich, unter folgendem Link die Schriftart 'Basker Trans' herunterzuladen: http://www.orientalische-kunstgeschichte.de/orientkugesch/artikel/2004/
reichmuth-trans/reichmuth-tastatur-trans-installation.php

Rezension über:

Ralph Kauz: Politik und Handel zwischen Ming und Timuriden. China, Iran und Zentralasien im Spätmittelalter (= Iran - Turan; Bd. 7), Wiesbaden: Reichert Verlag 2005, 299 S., ISBN 978-3-89500-388-2, EUR 69,00

Rezension von:
Stephan Conermann
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Ralph Kauz: Politik und Handel zwischen Ming und Timuriden. China, Iran und Zentralasien im Spätmittelalter, Wiesbaden: Reichert Verlag 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/12/10572.html


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