Rezension über:

Carolyn Higbie: The Lindian Chronicle and the Greek Creation of their Past, Oxford: Oxford University Press 2003, xiv + 320 S., ISBN 978-0-19-924191-0, GBP 68,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Mischa Meier
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Mischa Meier: Rezension von: Carolyn Higbie: The Lindian Chronicle and the Greek Creation of their Past, Oxford: Oxford University Press 2003, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/8482.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Carolyn Higbie: The Lindian Chronicle and the Greek Creation of their Past

Textgröße: A A A

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Lindos (Rhodos) entdeckte sogenannte Tempelchronik ("Anagraphe von Lindos") gehört zu den wichtigsten Texten hellenistischer Lokalhistoriografie. Die nur fragmentarisch erhaltene Inschrift wurde im Jahr 99 v. Chr. auf Beschluss des Rates im Heiligtum der Athena Lindia aufgestellt [1] und enthält neben dem Wortlaut des Beschlusses ein Inventar der Weihgeschenke, die - angeblich - einst im Tempel aufgestellt waren, sowie abschließend eine Beschreibung von Epiphanien der Gottheit. Der Text der Inschrift war zwar schon seit Längerem zugänglich [2], doch die Arbeit von Carolyn Higbie stellt erstmals deutlich die Bedeutung der Tempelchronik heraus und bietet zugleich ein wertvolles Hilfsmittel für all diejenigen, die sich in Zukunft mit der Inschrift beschäftigen wollen.

Nach einer kurzen Einleitung, die wichtige Etappen der lindischen Geschichte mit besonderem Blick auf die Akropolis und das Athena Lindia-Heiligtum umreißt (1-15), legt die Verfasserin den Text der Inschrift mitsamt einer englischen Übersetzung vor (18-49). Das Kernstück der Arbeit bildet ein ausführlicher philologisch-historischer Kommentar (50-151), an den sich drei "Essays" anschließen (153-288). Eine kurze Zusammenfassung (289-293), Bibliografie (295-305) und Indizes (306-320) schließen den Band ab.

Die Tempelchronik erlaubt interessante Rückschlüsse auf das Selbstverständnis der Lindier um 100 v. Chr. und gibt exemplarischen Einblick in den Umgang mit der Vergangenheit in Städten des hellenistischen Ostens. Es ist bemerkenswert (wenngleich mit Blick auf zahlreiche Beispiele griechischer Historiografie nicht ungewöhnlich), in welch konsequenter Weise die Chronik mythische und 'historische' Vergangenheit zu einem durchgängigen Kontinuum vermengt. Bei zahlreichen der angeführten Dedikanten handelt es sich um mythische Gestalten, wie etwa Lindos, Kadmos, Minos, Herakles, Telephos, Menelaos, Helena usw. Dass Lindos damit den Anspruch erhebt, bereits in mythischer Zeit ein 'panhellenisches' Zentrum gewesen zu sein, wird von der Verfasserin klar herausgearbeitet, ebenso wie die Tatsache, dass die Lindier mit dem Text ihrer Chronik bestimmte Personen, Ereignisse und Phasen der Vergangenheit in besonderer Weise auf sich bezogen wissen wollten, wie z. B. Herakles, den Troianischen Krieg, die Kolonisation - vor allem in Süditalien und Sizilien -, die Perserkriege sowie Alexander den Großen und seine Nachfolger.

Diesen - eher interpretierenden - Fragestellungen sind die drei Essays im letzten Drittel des Buches gewidmet. Der erste Essay ("Structure and Organiziation of the Chronicle", 155-203) greift mit Fragen nach dem Aufbau der Chronik sowie nach den darin genannten Personen und Weihgeschenken sowie nach der Rolle der Lindier im Chronik-Text noch einmal Probleme auf, die teilweise auch im Kommentar angesprochen werden. Die Verfasserin hebt dabei insbesondere den lokalen Charakter der Chronik hervor und diskutiert vorsichtig abwägend die Frage, warum keine römischen Dedikationen genannt werden - freilich ohne sich auf eine klare Position festzulegen (167 f.). Nicht ohne Bedeutung für allgemeinere Fragen zur hellenistischen Historiografie sind ihre Ausführungen zu den literarischen Quellen, die in der Chronik als Gewährsmänner zitiert werden (immerhin 22 Namen), darunter vor allem Xenagoras, Gorgon, Gorgosthenes und Hieroboulos. Der zweite Essay ("Narrative Patterns and History in the Chronicle", 204-242) versucht "narrative patterns" freizulegen, mit deren Hilfe die in der Chronik genannten Personen mit Rhodos verbunden werden konnten, wobei insbesondere das Motiv des Sturmes, der mythische Gestalten an unbekannte Gestade verschlägt, bemüht wird: "Rhodian poets and antiquarians may have exploited the narrative pattern of this storm to bring not only Trojan War figures such as Menelaos and entourage (X-XII), Meriones (XIII, and Teucer (XIV), to Rhodes, but other mythical figures like Kadmos (III), in stories reflected in the Lindian Chronicle" (215). Im dritten Essay ("The History behind the Chronicle", 243-288) erfolgt eine Einordnung der Chronik in den weiteren Kontext hellenistischer Historiografie. Higbie hebt die Besonderheiten des Inschrift-Textes hervor, der eine exakte Zuordnung erschwere. Dennoch versucht sie durch das Beibringen von Parallelen aus der griechischen Historiografie seit Thukydides, die Tempelchronik von Lindos in ihrer Eigenart näher zu erfassen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Frage, wie die Rhodier ihre eigene vermeintliche Geschichte konstruierten, indem sie sie an materiellen 'Beweisen' - den Weihgeschenken - festmachten; da diese entweder nicht mehr erhalten oder 'gefälscht' gewesen sein dürften, sei der Chronik-Text selbst als Ersatz für die materiellen Relikte der lokalen Geschichte verfasst worden. Derartige Bemühungen, die eigene Vergangenheit - bzw. das, was man dafür hielt - aufzuarbeiten und zu präsentieren, waren freilich nicht singulär, wie die Verfasserin anschließend darlegt (258 ff.).

Eine Besonderheit im Text der Tempelchronik bildet die abschließende Liste von Epiphanien der Gottheit, darunter ein ausführlich erzähltes Ereignis, das im Kontext der Perserkriege angesiedelt ist und den vermeintlichen Widerstand der Rhodier gegen die Perser mystifiziert (D 1-59). Dem aktiven Eingreifen der Göttin sei dabei eine Traumerscheinung (ópsis, D 17) eines der lindischen Heerführer (D 13-14) vorausgegangen. Die Epiphanie ist insofern bemerkenswert, als sie das in der Antike beliebte Motiv des Traumes mit dem Topos von der Schutz gewährenden Stadtgottheit kombiniert, eine Vermengung wichtiger literarischer Motive, deren Erklärung und Deutung sich sicherlich nicht in der Suche nach möglichen Parallelen erschöpft, die Higbie zwar beizubringen vermag, bei denen sie aber nicht systematisch nach den unterschiedlichen Erzählmotiven trennt und so keinen Erkenntnisfortschritt erzielt.

Für die Verfasserin manifestiert sich in der Chronik der Versuch der Lindier, auf veränderte politische und ökonomische Rahmenbedingungen zu reagieren und nunmehr die vermeintliche große Historie ihrer Heimat herauszustellen: "By the end of the second century BC, Lindians recognized that the world had changed and that they needed to find a new place for themselves in it. Whatever commercial or political power the island was going to hold onto was in the control of the central city, Rhodes, so that Lindos had to look to other sources for its status. The town could hope to entice commercial, military, and government travellers to visit by developing an interest in its past, for which physical remains were important. Without many relics from the past surviving, the Lindians erected a stele which described the lost relics and which used documentation to support their claims" (242). Dies bietet eine plausible Erklärung für die Anfertigung der Chronik - ob es die einzig mögliche ist, sei dahingestellt.

Der Wert des Buches beruht ohne Zweifel in dem sorgfältigen Kommentar zur so genannten lindischen Tempelchronik. Demgegenüber fallen die Essays ein wenig ab, insofern sie vielfach lediglich den Kommentar fortschreiben (z. B. durch das Anführen von Parallelen) und analytischen Fragestellungen allzu geringen Raum zumessen.


Anmerkungen:

[1] Dazu siehe jetzt H.-U. Wiemer: Rhodische Traditionen in der hellenistischen Historiographie, Frankfurt a. M. 2001, 27-32.

[2] Vgl. etwa F. Jacoby (Hg.): Die Fragmente der griechischen Historiker (F Gr Hist) IIIB Nr. 297-607, Leiden 1950, Nr. 532 (506 ff.).

Mischa Meier