Rezension über:

Antonella Fuga: Techniken und Materialien der Kunst (= Bildlexikon der Kunst; Bd. 10), Berlin: Parthas 2005, 383 S., ISBN 978-3-936324-30-3, EUR 24,80
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Stefan Bürger
Institut für Kunst- und Musikwissenschaft, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Gerhard Lutz
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Bürger: Rezension von: Antonella Fuga: Techniken und Materialien der Kunst, Berlin: Parthas 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/9834.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Antonella Fuga: Techniken und Materialien der Kunst

Textgröße: A A A

In dem handlichen Buch werden Techniken der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks, ihre Herkunft und Materialien beschrieben. Die Abfolge der älteren Techniken wird durch Verfahrensweisen der zeitgenössischen Kunst abgerundet. Das Buch will über verschiedene Zugänge die Entstehung von Kunstwerken veranschaulichen und einen Ansatz zum Verständnis der Kunstwerke bieten.

Jedem Hauptteil sind mehrere Techniken zugeordnet. Kern der Rubriken sind Fließtexte, die die Bedeutung, Anwendung, Technologie, Materialgewinnung und -herstellung knapp umreißen. Auch auf Material- und Werkzeugeigenschaften, Möglichkeiten und Kombinationen der Techniken wird in einigen der Artikel eingegangen. Neben den Fließtexten informieren Kurzübersichten über bestimmte Materialien, Werkzeuge und Untergründe, Vorbereitungen, verwandte Techniken und Kuriosa. Die Charakterisierung der Techniken wird auf wichtige Sachverhalte fokussiert und mit Bildbeispielen illustriert. Dabei helfen die auf Bilddetails abzielenden Kommentare, die Spezifika der Technik und ihrer Wirkung nachzuvollziehen. Die Stärken und Schwächen des Kompendiums sollen im Folgenden anhand einiger Kapitel vorgestellt werden.

Im ersten Teil zur Zeichnung erfolgt bei einigen Techniken wie beispielsweise zur Kohle der Einstieg über gut ausgewählte Schriftquellen. Im Fließtext werden dann Herstellung des Materials und Zeichentechnik vorgestellt. Die Bildkommentare weisen auf Eigenheiten und Verwechslungsmöglichkeiten mit anderen Techniken hin. Der Pinsel wird überraschenderweise als eigene Technik beschrieben. Zusätzlich verwirrend ist, dass der Autor unter diesem Stichwort auch Lavierung bzw. Aquarell mit abhandelt, was sich erst aus der Erwähnung des Bindemittels Gummiarabikum erschließt. Ein ähnliches Problem zeigt sich im Abschnitt zur Feder, der unkommentiert Tinte- und Tuschezeichnung subsumiert. Oft wird, so beim Eintrag zu Metallstiften, die historische Entstehung oder Auswirkung von Modifizierungen auf die optische Erscheinung oder die Haltbarkeit dargelegt, sodass auch konservatorische Probleme angesprochen werden. Gelegentlich erfolgt die Charakterisierung einer Technik als stilbildendes Element im Werk eines Künstlers.

Insgesamt lässt sich die dem Buch zugrunde liegende Systematik nur schwer nachvollziehen: Vermutlich folgt sie einer subjektiven Bewertung nach Bedeutung, Alter und Verbreitung. Wie bei Rötel wird aber auf hilfreiche Weise die Verwandtschaft zu anderen Techniken dargelegt, wie in diesem Fall der nass nachbearbeiteten Rötelzeichnungen zum Aquarell. Unter Materialien wie Kreide wird neben der Verwendung als Kreidestift auch das Spektrum der Anwendung als Farbmittel vorgestellt, so z. B. Kreide als wichtiger Bestandteil von Grundierungen. Bisweilen vermischen sich werkstoffkundliche und maltechnische Beschreibungen. Oft wird auf die Bedeutung einzelner Künstler für die Entwicklung der Technik hingewiesen. Anschaulich wird wie bei Pastell auf den Einfluss von Faktoren auf die Wirkung des Malmittels, zum Beispiel Papiersorten, Untergrundvorbehandlungen oder individuelle Sonderleistungen bei der Anwendung dieser Technik, eingegangen. Die Rubriken Mischtechniken und Vorzeichnung runden den Teil zur Zeichnung ab.

Im zweiten Teil zur Grafik werden die Techniken kurz und gut vorgestellt. Aber auch hier überrascht die Abfolge. Eine Unterscheidung beispielsweise in Hoch- und Tiefdruckverfahren erfolgt nicht.

Den Auftakt zum dritten Teil, der der Malerei gewidmet ist, bildet die Seccomalerei, der man entsprechende Techniken wie Leimfarbenmalerei, Kalkseccomalerei und Tempera hätte zuordnen können. Es folgt die Enkaustik, vermutlich aufgrund des frühen zeitlichen Auftretens. Ein wichtiger Abschnitt bildet die Freskomalerei, der aufgrund des vergleichbaren chemischen Abbindeprozesses der Kalkmalerei zugeordnet wurde, die aber maltechnisch und gestalterisch zur Seccotechnik gehört. Diese wichtigen Sachverhalte werden lediglich in den Bildkommentaren angerissen. Auch die Übertragungstechniken der Malerei und Vergoldung werden nicht, wie zu erwarten, in eigenen Rubriken erörtert. Die Temperamalerei wird ausführlich beschrieben. Leider erfolgt keine maltechnische Abgrenzung zur Ölmalerei, was eine Unterscheidbarkeit der Techniken am Bildwerk erleichtern könnte. Aquarell wird in diesem Teil nicht angesprochen. Bewundernswert sind die kurzen aber präzisen Beschreibungen der oft komplexen Rezepturen und Prozesse, sodass die Beschränkung auf Wesentliches maßgeblich zur Verständlichkeit beiträgt. Nur selten unterlaufen technische Fehler, wie im Abschnitt zur Ölmalerei: Pigmente in Öl 'gelöst' statt 'fein verteilt'.

Im vierten Teil zur Plastik (und Skulptur) ist verwunderlich, dass glasierte Terrakotta einen eigenen Abschnitt erhält und nicht der Terrakotta zugeordnet wurde. Im Artikel zur Holzbildhauerei ist die Beschreibung zu sehr verknappt. Etliche Besonderheiten, die in anderen Rubriken das Gesamtbild abgerundet haben, fehlen hier. Stattdessen stehen Abhandlungen zu Montagetechniken, Kaschierungen etc. sowie zur Fassmalerei im Vordergrund. Nach der Elfenbeinschnitzerei schließt sich die Steinskulptur an. Die Technikbeschreibung selbst ist sehr verkürzt. Ohne auf die Charakterisierung von Oberflächen (Scharrierungen, Polierungen, Bohrungen oder auch Montagen usw.) einzugehen, wurde Übertragungs- und Kopiertechniken viel Raum eingeräumt. Es schließt sich ein Abschnitt zur Treibarbeit an, der bei den Goldschmiedetechniken zu erwarten wäre und dort auch in einer zweiten Fassung vorliegt. Zwar sind die Texte nicht redundant, aber in der Einzeldarstellung sehr verknappt und der Zugriff auf die Informationen erschwert. Sehr umfangreich und detailliert dargestellt sind Wachsausschmelz- und Sandformverfahren. Bei der Stuckplastik fehlt ein Hinweis auf die Möglichkeit des Reproduzierens durch Gussverfahren oder auf Stucco lustro, Stuckmarmor und Sgraffito.

Die Zuordnung von Scagliola zum Textteil Mosaik und Intarsie erscheint zunächst unbegründet, ist aber durch die Gewichtung auf das Anwendungsgebiet der Imitation von Mosaiken und Steinintarsien mit dieser Technik nachzuvollziehen. Dagegen bleibt die Rubrik zur Lackkunst in diesem Kontext strittig. Sehr detailliert sind die Unterteilungen und Beschreibungen der Teile zur Keramik, zur Glas- und Goldschmiedekunst, die nicht nur die Techniken abrunden, sondern eigene wichtige Schwerpunkte bilden. Seltsam mutet im Artikel zur Goldschmiedekunst die Kapitelordnung nach Materialien an; die Techniken treten in den Hintergrund. Auch passen die in der Kurzfassung angebotenen Grundinformationen oft nicht ins sonst stringent durchgehaltene Schema.

Die Techniken zur zeitgenössischen Kunst (Collage, Frottage, Drip-Painting, Materialmontagen) schließen die Hauptteile des Lexikons ab. Tapeten, Textil- und Fototechniken wurden ausgeklammert. Kurze Stichwort- und Sachregister erlauben den leichteren Zugriff.

Insgesamt ist die Systematik nur bedingt nachvollziehbar. Ebenso ist das strenge Festhalten am schematischen Aufbau der Unterkapitel bisweilen ungünstig. Die Texte selbst sind äußerst informativ. Zahlreiche Randinformationen erleichtern die Nachvollziehbarkeit und veranschaulichen spezielle Problematiken. Hilfreich sind die zahlreichen kommentierten Abbildungen, die als Kernstück des Lexikons gelten können. Das Kompendium stellt trotz der Einschränkungen ein sehr gutes Werkzeug für den Einstieg in kunstwissenschaftliches Arbeiten dar, da nicht nur die Techniken als Schaffensprozess beschrieben werden, sondern eine Sensibilisierung für den Anteil der Kunsttechniken an der Wirkung eines Kunstwerkes stattfindet.

Stefan Bürger