Rezension über:

Renate Engels (Bearb.): Palatia Sacra. Kirchen- und Pfründebeschreibung der Pfalz in vorreformatorischer Zeit. Teil I: Bistum Speyer. Band I: Die Stadt Speyer. 2. Teil: Pfarrkirchen, Klöster, Ritterorden, Kapellen, Klausen, Beginenhäuser (= Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte; Bd. 61.1.2), Trier: Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte 2005, IX + 666 S., ISBN 978-3-929135-52-7, EUR 100,00
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Rezension von:
Wolfgang Rosen
Landschaftsverband Rheinland, Köln
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Rosen: Rezension von: Renate Engels (Bearb.): Palatia Sacra. Kirchen- und Pfründebeschreibung der Pfalz in vorreformatorischer Zeit. Teil I: Bistum Speyer. Band I: Die Stadt Speyer. 2. Teil: Pfarrkirchen, Klöster, Ritterorden, Kapellen, Klausen, Beginenhäuser, Trier: Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/9408.html


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Renate Engels (Bearb.): Palatia Sacra. Kirchen- und Pfründebeschreibung der Pfalz in vorreformatorischer Zeit

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Für viele Fragestellungen der Stadt- und Landesgeschichte von hohem Wert sind Zusammenstellungen von grundlegenden Daten zur Geschichte der Stifte und Klöster; diese systematischen Erfassungen können gleichsam als Kataster für eine Reihe von Fragestellungen verwendet werden. Angesichts der großen Bedeutung der geistlichen Institute für die Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit stellen diese Werke unerlässliche Grundlagenforschungen dar. Nun liegt mit dem hier angezeigten Band ein solches Kataster für Speyer vor. Die "Palatia Sacra" beruht auf der umfangreichen Materialsammlung des Archivars und Historikers Franz Xaver Glasschröder (1864 - 1933), mit dessen Nachlass sich seit vielen Jahren Ludwig Anton Doll befasst. Nach verschiedenen Veröffentlichungen über Landdekanate im Bistum Speyer ist nun der erste Teilband, den Renate Engels bearbeitet hat, für die Domstadt selbst erschienen.

Aufgrund der besonderen Materialfülle war eine Teilung notwendig: Der erste Teilband mit den Stiften wird zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen. Der zweite Teilband, der nun genutzt werden kann, umfasst elf von 15 Speyerer Pfarreien mit ihren Pfarrpfründen, acht Klöster, zwei Ritterordensniederlassungen und 14 selbstständige Kapellen. Zudem sind über 40 Klausen und Beginenhäuser, acht Wohltätigkeitseinrichtungen (v. a. Spitäler), sieben Kapellen in Stadthöfen auswärtiger Klöster sowie private Haus- und Hofkapellen berücksichtigt.

Für die Erfassung der geistlichen Institute konzipierte man zwei übersichtliche Gliederungsschemata: Für Pfarrkirchen und Kapellen einerseits, für Stifts- und Klosterkirchen andererseits. Die Klöster sind alphabetisch geordnet nach den Orden, denen sie angehörten. Die Bearbeiterin stellt in der Einleitung jeweils die zu den einzelnen Klöstern und Stiften einschlägigen Archive und die Quellensituation vor. Von den eigentlichen Klosterarchiven ist - abgesehen von St. Magdalena - als größerer Komplex nur der Restbestand des Archivs der Chorherren zum hl. Grab erhalten, das einst das umfangreichste, regional und überregional bedeutendste der Speyerer Klosterarchive war und dessen Restbestand qualitativ und quantitativ noch heute herausragend ist. Nicht überraschend ist, dass die Quellen am ausführlichsten über die ökonomischen Aspekte Auskunft geben und daneben in unterschiedlichem Umfang über die Beziehungen zum sonstigen Klerus und zur Stadt Speyer unterrichten. Erwartungsgemäß unergiebig fließen leider die Quellen zum spirituellen Leben.

Das Gliederungsschema für die Pfarrkirchen und Kapellen enthält Punkte zu: Kirchenbau und Altäre, rechtlicher Status und Patrozinium, zugehörige Orte des Pfarrsprengels, Mutterkirchen, Pfarrzugehörigkeiten, erste urkundliche Erwähnungen, Baugeschichte und Baulast, Nebenaltäre und Patrozinien, Pfründen (Bezeichnung und Entstehung, Verleihungsrechte, Pfründengut und -bezüge), Bruderschaften sowie Stiftungen. Das Schema für die Stifts- und Klosterkirchen trägt den Besonderheiten dieser Institute Rechnung, insbesondere durch die Aufführung der Stifts- und Klosterämter sowie der Personallisten mit den entsprechenden Biogrammen. Positiv ist, dass die Baugeschichte relativ kurz abgehandelt und auf die einschlägige Literatur verwiesen wird.

In Speyer gut greifbar sind die Differenzen zwischen Pfarr- und Stiftsgeistlichkeit auf der einen und den Bettelorden auf der anderen Seite, nicht zuletzt bedingt durch das enge Verhältnis der Bettelorden zur Bevölkerung. Interessant ist die Tatsache, dass nach der Mitte des 14. Jahrhunderts Versuche der Stadt erkennbar wurden, die mit der Geistlichkeit strittigen Fragen wie über Weinschank, Verbrauchssteuern, Übernahme bürgerlicher Lasten etc. mit den Klöstern separat zu lösen, v. a. durch das Instrument der kumulativen Aufnahme ganzer Konvente in das Bürgerrecht. Zudem bemühte sich die Stadt im 16. Jahrhundert um die Einrichtung von Klosterpflegschaften. Dies wie auch die im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts vorgenommenen Inventarisierungen des Besitzes der Klöster und der Beginenhäuser ist weniger als klosterfeindlicher Akt, denn als ein Streben nach fiskalischer Eingliederung in die städtische Wirtschaft zu charakterisieren.

Das sehr ausführliche Abkürzungsverzeichnis sowie die durch Pfeile gekennzeichneten zahlreichen Verweise halten den ohnehin schon sehr voluminösen Band umfangmäßig in Grenzen. Die vielen Abkürzungen - dies sei aber nicht als grundsätzliche Kritik verstanden - lassen die Texte allerdings nicht lesbarer werden: So muss man sich bisweilen durch einen ganzen Wald von Abkürzungsprosa durcharbeiten, die zuweilen eine Reihe von ganz neuen Zeichengebilden generiert.

Durch die Vielzahl von Abkürzungen kommt es manchmal auch zu einem uneinheitlichen Gebrauch. Zudem hätte man angesichts der vielen Abkürzungen auch die Monatsangaben in Ziffern angeben können, ohne hierdurch den Lesefluss weiter zu beeinträchtigen, was bei einem Werk dieser Art nicht an erster Stelle stehen muss.

Die beigegebene Karte mit den Kirchen, Klöstern, Kapellen und Klausen aus der Zeit um 1470 ist sehr nützlich, zumal dort alle im Werk behandelten 50 geistlichen Institute mit ihren Standorten verzeichnet sind. Praktisch erscheint zudem, dass die beiden Gliederungsschemata auf einer beigelegten Pappkarte zu verwenden sind, da sich auf diese Weise ein aufwändiges Nachschlagen erübrigt. Sehr positiv ist die Entscheidung zu werten, die Anmerkungen als Fußnoten auf den entsprechenden Seiten zu vermerken und nicht in den Fließtext zu integrieren, wobei die ausführlichen Anmerkungsapparate mit vielen Informationen (Quellenzitate, Forschungskontroversen, ergänzende Literatur) nicht selten umfangreicher als die Haupttexte sind. Allerdings ist es auf diese Weise möglich, bestimmte Punkte des Gliederungsschemas gleichsam querschnittsartig durchzuschauen und sich nur bei Bedarf mit Literatur, ausführlichen Quellenzitaten oder Forschungsdiskussionen zu befassen.

Bei den Klöstern wird in der Rubrik "Allgemeine Stifts- bzw. Klostergeschichte" eine Reihe von interessanten Teilbereichen vorgestellt wie beispielsweise über: Verhältnis zum Mutterkloster und zur Ordensleitung, Beziehung zum Diözesanklerus, Verhältnis zur Stadt, Vogteien, Bildungsstand und geistige Bedeutung, wirtschaftliche Strukturen oder äußeres Beziehungsfeld des Konventes. Diese wichtigen Aspekte hätte man allerdings besser - der einfacheren Auffindbarkeit halber und um leichter Querschnittsanalysen betreiben zu können - als eigene Punkte auch optisch - in fett oder kursiv hervorheben sollen. Der Abschnitt zur allgemeinen Stifts- und Klostergeschichte hätte ebenfalls mit einer stärkeren Binnendifferenzierung vielleicht noch klarer strukturiert werden können. Wahrscheinlich wäre es wohl am besten gewesen, das Gliederungsschema etwas differenzierter anzulegen, wie dies bei anderen Klosterbuchprojekten wie dem "Westfälischen Klosterbuch" [1] oder dem in Arbeit befindlichen "Nordrheinischen Klosterbuch" [2] der Fall ist.

Erfreulich ist, dass eine Reihe von Teilgebieten wie die Wirtschaftsgeschichte der geistlichen Institute eine ausführliche und differenzierte Darstellung erfahren: Die Betrachtungen und die Bewertungen der ökonomischen Lage (differenziert nach Schenkungen und Käufen; ausführliche Auflistungen der Güter mit den entsprechenden Einnahmen, Größe, Dauer und Rechtsqualität der Besitzungen) und Entwicklung fallen in der Regel sehr ausgewogen und vorsichtig aus, zumal die Autorin - wo es möglich ist - Vergleiche zu anderen Klöstern des gleichen Ordens oder anderen Referenzinstituten zieht. Zudem bezieht sie in ihre Wertungen Bau- und chronikalische Nachrichten ein. Auf diese Weise werden schiefe oder gar falsche Pauschalurteile über ökonomische Krisen vermieden.

Auch bei der Schilderung der sozialen Zusammensetzung der Konvente bietet die Autorin sehr differenzierte Analysen und präsentiert eine Reihe von Biogrammen zu den einzelnen Mitgliedern. Wichtig für künftige Forschungen sind die Hinweise auf noch nicht ausgewertete Archivalien.

Es wird deutlich, wie wichtig solche Nachschlagewerke sind. Sicher erscheinen sie auf den ersten Blick als eher trocken, doch kann anhand dieser lexikonartigen Werke eine breite Palette von historischen Teildisziplinen profitieren, ob Kirchen-, Stadt-, Sozial-, Wirtschafts- oder nicht zuletzt die Mentalitäts- und Frömmigkeitsgeschichte. Hier liegt eine enorme Fleißarbeit vor, die nicht nur für die Stifts- und Klosterforschung Speyers von höchstem Wert ist, sondern darüber hinaus für die Stadt- und Landesgeschichtsforschung unerlässliche Informationen zur Verfügung stellt.


Anmerkungen:

[1] Karl Hengst (Hg.): Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung: Teil 1-3, Münster 1992-2003.

[2] Wolfgang Rosen: Das Projekt "Nordrheinisches Klosterbuch", in: Klosterforschung. Befunde, Projekte, Perspektiven, hg. von Jens Schneider, München 2006, 109-118. http://www.rheinische-geschichte.de

Wolfgang Rosen