Rezension über:

David Luscombe / Jonathan Riley-Smith (eds.): The New Cambridge Medieval History. Volume IV c. 1024 - c. 1198. Part I, Cambridge: Cambridge University Press 2004, XXI + 917 S., ISBN 978-0-521-41410-4, GBP 100,00
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David Luscombe / Jonathan Riley-Smith (eds.): The New Cambridge Medieval History. Volume IV c. 1024 - c. 1198. Part II, Cambridge: Cambridge University Press 2004, XIX + 959 S., ISBN 978-0-521-41411-1, GBP 100,00
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Rezension von:
Alfred Haverkamp
Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Alfred Haverkamp: The New Cambridge Medieval History. Volume IV c. 1024 - c. 1198 (Rezension), in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/7877.html


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The New Cambridge Medieval History. Volume IV c. 1024 - c. 1198

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Nachdem inzwischen (2005) auch Band I vorliegt, ist nunmehr dieses imposante Werk, von dem zuerst Band II 1995 publiziert worden ist, in sieben Bänden abgeschlossen, wofür dem Herausgebergremium und den zahlreichen Autorinnen und Autoren zu danken ist. Diese aus vielen Blickwinkeln dargestellte Geschichte des Mittelalters gehört an prominenter Stelle, die auch von der weiten Verbreitung der englischen Sprachkenntnisse profitiert, zu den neueren Versuchen, zu einer Geschichte Europas vorzudringen. Dabei wird auch im vorliegenden, vierten Band, der in seinem Umfang die anderen Bände dieser Reihe um etwa das Zweifache übertrifft, der Mittelmeerraum stark berücksichtigt; mit besten Gründen werden darin den östlichen und südlichen Anrainergebieten eigene Beiträge gewidmet, so dass sich die Darstellung zu einer Geschichte der damals in Europa bekannten Welt ausweitet.

Im ersten Teil des Bandes stehen Längsschnittanalysen über sachliche Aspekte im Vordergrund: ländliche Wirtschaft und Demografie, Städte und Handel, Herrschaften und Gemeinschaften, Recht, ritterliche Gesellschaft, Krieg und Friede, Kirche und Kirchenreform, religiöse Gemeinschaften, Denken und Bildung. Kreuzzüge, Juden, Literatur, Architektur und die visuellen Künste etc. Im zweiten Teilband werden einzelne Regionen respektive Königreiche oder andere größere Herrschaften thematisiert, wobei diese Darstellungen überwiegend jeweils zeitlich in zwei Beiträge unterteilt worden sind; Ausnahmen bilden jene über das Kiever Reich, Polen, Skandinavien und Ungarn wie über den Lateinischen Osten und die muslimischen Herrschaften der Abbasiden, Fatimiden und Seldschuken, Zengiden und Ayyubiden.

In den zwei Teilbänden sind insgesamt - einschließlich der jeweiligen Einführung der Herausgeber - 42 Beiträge ("chapter") von 6 Autorinnen und 33 Autoren vereinigt, unter denen 29 beruflich im anglo-amerikanischen Sprachraum (jeweils 4 aus Frankreich und Deutschland, jeweils einer aus Italien und Polen) tätig sind oder waren. Wie die Herausgeber mitteilen, schied etwa ein Drittel der ursprünglich vorgesehenen Mitwirkenden aus verschiedenen Gründen in der langen Bearbeitungsphase aus und musste ersetzt werden. Allein schon daraus erklären sich manche Unterschiede zwischen den Beiträgen. Aus dem letzten Erscheinungsjahr der Sekundärliteratur, die im Anhang für die einzelnen Aufsätze aufgelistet wird (die Quelleneditionen sind jeweils in den Teilbänden in Listen von insgesamt 45 Seiten zusammengefasst), ist zu schließen, dass etwa ein Dutzend bereits um 1990 für den Druck vorlag. In weiteren fünf Beiträgen enden die Literaturangaben spätestens mit dem Jahre 1997; in einigen anderen werden nur noch vereinzelt neuere Publikationen eingefügt. Damit werden jene Autorinnen und Autoren, die ihre Arbeit in relativer zeitlicher Nähe zum ursprünglich vereinbarten Termin abgeschlossen haben, benachteiligt, wie dies auch bei anderen derartigen Werken immer wieder zutrifft und nur schwer zu verhindern ist. Da die Konzeption des Bandes offenkundig in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts fixiert wurde, wäre es unangemessen, darin Reaktionen auf neuere Sichtweisen und Schwerpunktverlagerungen in der Forschung zu erwarten.

Hinsichtlich der Zahl der Anmerkungen wird sehr unterschiedlich verfahren: Neben den beiden Einführungen wird in sieben Beiträgen auf Anmerkungen vollständig verzichtet. In 14 weiteren wird weniger als durchschnittlich eine pro Seite angeführt. In acht anderen erhöht sich diese Relation auf vier bis maximal knapp mehr als sieben. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge mit vielen Anmerkungen - wie H. E. J. Cowdrey, I. A. Robinson, Giles Constable, David Luscombe, Jean Richard, Uta-Renate Blumenthal - stammen auffälligerweise nicht aus dem deutschsprachigen Raum, sind aber mit den dortigen Gepflogenheiten bestens vertraut, wissen diese also zu schätzen.

Auch die Quantität der Literaturangaben im Anhang differiert erheblich. In zehn Beiträgen beträgt sie weniger als zwei Seiten, was in neun Fällen mit äußerst wenigen Anmerkungen zusammenfällt, und damit die Information über den Forschungsstand meines Erachtens allzu stark reduziert. In 16 werden hingegen dafür fünf und mehr Seiten genutzt, darunter sieben - teils in sachlicher Untergliederung - zwischen zehn und 20 Seiten. Dabei ist auch die zwischen den Extremen von zwölf (über Ungarn von Nora Berend) und gut 90 Seiten (aus der Feder von I. A. Robinson über die Institutionen der Kirche von 1073-1216, der zwei weitere Darstellungen über Reform und Kirche und über das Papsttum von je 66 Seiten beisteuert) schwankende Länge der einzelnen Beiträge zu beachten.

Diese unterschiedlichen Befunde mindern den Erkenntnisgewinn der beiden Teilbände, zu deren Lektüre die zwei Einführungen der Herausgeber im besten Sinne einladen, nicht entscheidend. Das monumentale Gesamtwerk ebnet zur Zeit wohl am aussichtsreichsten den Weg zu einer offenen Geschichte Europas während des Mittelalters. Freilich zeigt es zugleich, dass es keinen Königsweg zu dem anspruchsvollen Ziel gibt, was ebenso für die konzeptionell auch untereinander unterschiedlichen neueren und neuesten "Handbücher" der europäischen Geschichte aus dem deutschsprachigen Raum gilt. Für viele Problemkomplexe (wie Grundherrschaft, Lehnswesen, Städte, Adel und andere soziale Gruppen, Gemeinden, Bruderschaften, religiöse Lebensformen, Gewerbe und Handel, Juden) stellt sich die wohl nur rhetorische Frage, ob die bisherige, in vielen Problembereichen noch immer stark nationalstaatlich ausgerichtete, zudem sprachlich auch in den Fachtermini divergierende Grundlagenforschung für dieses höchst erstrebenswerte Ziel eine hinreichende Basis bietet oder ob nicht viel mehr ganz neue Wege für die Erfassung von historischen Grundbeständen in europäischen Dimensionen beschritten werden müssen.

Alfred Haverkamp