sehepunkte 6 (2006), Nr. 9

Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran

Hat Literatur eine subversive Kraft? Kann Literatur etwas bewirken in einem durch und durch ideologisierten Staat? Azar Nafisi bejahte die Frage für sich und beschloss, Mitte der 1990er-Jahre sieben ausgewählten Schülerinnen die Literatur nahe zu bringen, die das offiziöse Iran aus dem Lehrplan verbannt hatte. "Lolita", "Der große Gatsby", Bücher von Henry James und Jane Austen wollte sie mit ihren Schülerinnen in einem privaten Zirkel lesen. Sie wollte eine Gruppe, die nur aus Liebe zur Literatur an ihrem Unterricht teilnimmt, und sie wollte, wie sie schreibt, ihr Verlangen nach einer intellektuellen Freiheit befriedigen, die an den iranischen Universitäten nicht gegeben war. Nafisi war zuvor Professorin für englische Literatur an zwei Teheraner Universitäten gewesen, die sie beide aus Frust über die Beschränkungen, die ihr auferlegt wurden, verließ.

In den Büchern, die sie im Rahmen ihrer universitären Lehre unterrichtet hatte, ging es um Freiheit, Individualität, Ehebruch und Pluralität der Lebensentwürfe. Doch in den 1980er-Jahren musste Literatur im Iran ideologisch sein, entsprechend sollte die Professorin das Volk im Sinne des Islams erziehen. Ein Buch wie "Der große Gatsby" hatte in so einem Land keinen Platz. Weil Daisy in "Der große Gatsby" ihren Mann betrügt, stifte Nafisi, wie der Fakultätsvorsitzende kritisiert hatte, ihre Studentinnen zum Ehebruch an, wenn sie solche Bücher liest: "Dieser Gatsby ist der Held des Buches - und wer ist er? Er ist ein Scharlatan, ein Ehebrecher, er ist ein Lügner. Das einzig Gute an diesem Buch ist, dass es die Unmoral und Dekadenz der amerikanischen Gesellschaft bloßlegt, aber wir haben gekämpft, um uns von solchem Schund zu befreien, und es ist höchste Zeit, dass solche Bücher verboten werden" (168).

Also strich man das Buch vom Lehrplan. Ähnlich im Fall "Lolita". Welche Katastrophe. An manchen Stellen, so die Argumentation, könnte der Leser Mitgefühl entwickeln für den Mann, der eine Minderjährige ent- und verführt. Oder ist es die Kleine, die ihn verführt? Auch diese Antwort ist im Roman angelegt. Beide Interpretationen waren jedenfalls nichts für eine Islamische Republik. Die Bücher von Jane Austen waren auch nicht akzeptabel. Selbständige, eigenwillige Frauen? Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen? So eine Literatur brauchte die Islamische Republik nicht.

Dies geschah auch aus einem anderen Grund: Eine ideologisierte Gesellschaft kann keine Andersartigkeit zulassen. Deshalb kämpfen solche Bücher und ihre Autoren den Kampf der Vielstimmigkeit in einer ideologisierten Welt, die nur eine Stimme, nur ein Wort zulässt - und alles andere als abartig, absonderlich, inakzeptabel brandmarkt. Aber Literatur findet ihren Weg. Unausweichlich. Und deshalb, so hat der große iranische Schriftsteller Huschang Golschiri einmal geschrieben, haben Ideologien so große Angst vor Literatur, weil sie das komplette Gegenteil von Ideologie ist und Vielheit gegen Einheit setzt. "Jeder große Roman, den wir lasen, stellte die herrschende Ideologie in Frage. Er wurde zu einer potentiellen Bedrohung für sie, nicht durch das, was er aussagte, sondern durch das "wie", durch seine Haltung gegenüber dem Leben und der Literatur" (356).

Nafisi lud sieben Frauen ein, mit ihr zu lesen, die unterschiedlicher nicht sein konnten: zwei strenggläubige Frauen, auch sie aus völlig verschiedenen Kontexten, und Frauen aus der mehr oder minder verwestlichten Mittelschicht. Allein die Spannung, die zwischen diesen so unterschiedlichen Frauen herrschte und die Nafisi beschreibt, wäre schon ein Buch wert gewesen. Doch sie zeigt auch sehr einfühlsam auf, wie diese Literatur auf die Frauen wirkte, wie sich die Religiöseren beispielsweise zuerst distanziert äußerten und dann doch der magischen Kraft der Bücher erlagen.

Aber es geht auch um die Geschichten dieser Frauen, um die Erfahrungen, die jede von ihnen mit der Islamischen Revolution gemacht hat. Deshalb ist dieses Buch auch ein eindrucksvoller Bericht über das Leben während der Revolution und in den ersten Jahren danach. Die Revolutionswirren kommen vor, die Besetzung der US-amerikanischen Botschaft, der Städtekrieg.

Die glühende Anhängerin der Revolution, Nassrin, erzählt ihre Geschichte: Verhaftet wurde sie, das halbe Kind, auf einer Demonstration der oppositionellen Volksmudschahedin, auf der sie mehr aus Zufall mitmarschiert war und Flugblätter verteilt hatte. Zehn Jahre lang rechnete sie damit, die Nacht nicht zu überleben, und hörte, wie die Todeskandidatinnen vergewaltigt wurden, denn nur, wenn sie keine Jungfrauen mehr waren, war sichergestellt, dass sie nicht ins Paradies kommen würden. "Das Schlimmste war, wenn sie mitten in der Nacht Namen von Gefangenen gerufen haben. Das waren die Todeskandidaten, wir haben das gewusst. Sie haben auf Wiedersehen gesagt, und bald darauf haben wir Schüsse gehört. Wir haben genau gewusst, wie viele sie jede Nacht umgebracht haben, weil wir die einzelnen Schüsse gezählt haben, die nach dem ersten Sperrfeuer immer kamen. Ein Mädchen war dabei - ihre einzige Sünde bestand darin, dass sie so schön war. Man hatte ihr eine moralische Verfehlung angehängt und sie ins Gefängnis gesteckt. Sie haben sie über einen Monat behalten und immer wieder vergewaltigt. Sie haben sie von einem Wächter zum nächsten weitergereicht" (271).

Die Literatur eröffnete Nassrin und den anderen eine neue Welt. Sie wunderten sich über die Abgründe der menschlichen Seele, die in diesen Büchern beschrieben werden und entwickelten - gerade aus der Erfahrung der Islamischen Republik heraus - ein neues Verständnis für Moral. Was ist unmoralischer? Jemanden zu töten und zu verdammen, weil er eine Meinung vertritt als die eigene? Oder die junge Daisy, die ihren Mann betrügt? Die Islamische Republik pflegt ihren politischen Gegner zu entmenschlichen. Indem behauptet wird, er sei schlecht, weil er Alkohol trinkt, einer Frau die Hand gibt, seine Frau vor der Ehe berührt hat, eine andere Frau berührt hat in der Ehe - sich also unislamisch verhalte und damit sei wie ein Tier. So ein Unmensch habe kein Recht auf Leben. Die Mädchen fingen an zu begreifen, dass es so nicht ist, dass in Iran eine Unmoral das System beherrscht, die viel schlimmer ist. Und das ist die subversive und magische Kraft von Literatur, wie sie von Nafisi beschrieben wird.

Anmerkung der Redaktion:

Für eine komplette Darstellung der arabischen Umschrift empfiehlt es sich, unter folgendem Link die Schriftart 'Basker Trans' herunterzuladen: http://www.orientalische-kunstgeschichte.de/orientkugesch/artikel/2004/
reichmuth-trans/reichmuth-tastatur-trans-installation.php

Rezension über:

Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran, 2.Auflage, München: DVA 2005, 422 S., ISBN 978-3-421-05851-5, EUR 17,90

Rezension von:
Katajun Amirpur
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Universität Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Katajun Amirpur: Rezension von: Azar Nafisi: Lolita lesen in Teheran, 2.Auflage, München: DVA 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: https://www.sehepunkte.de/2006/09/10704.html


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