Rezension über:

Andreas Kappeler (Hg.): Die Geschichte Russlands im 16. und 17. Jahrhundert aus der Perspektive seiner Regionen (= Forschungen zur osteuropäischen Geschichte; Bd. 63), Wiesbaden: Harrassowitz 2004, 430 S., ISBN 978-3-447-05029-6, EUR 78,00
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Rezension von:
Dittmar Dahlmann
Seminar für Osteuropäische Geschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Christine Roll
Empfohlene Zitierweise:
Dittmar Dahlmann: Rezension von: Andreas Kappeler (Hg.): Die Geschichte Russlands im 16. und 17. Jahrhundert aus der Perspektive seiner Regionen, Wiesbaden: Harrassowitz 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/7482.html


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Andreas Kappeler (Hg.): Die Geschichte Russlands im 16. und 17. Jahrhundert aus der Perspektive seiner Regionen

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Der vorliegende Sammelband basiert auf einer Konferenz in Wien im Juni 2003. Schon das Moskauer Russland gilt in der Forschung als stark zentralistischer Staat, stärker noch das Russische Reich seit den Zeiten Peters I. und selbstverständlich auch die Sowjetunion. Regionale Tendenzen in der Geschichtsschreibung sind sowohl inner- als auch außerhalb Russlands daher eine Ausnahme. Sicherlich gibt es eine Regional- oder Landesgeschichtsschreibung (kraevedenie) , die allerdings bisher wenig beachtet wurde und sich in jüngster Zeit auch eher auf die ausgehende Zarenzeit konzentrierte. Nicht verwunderlich also, dass dies die erste internationale Konferenz zur Regionalgeschichte des Moskauer Russland war.

Neben der Einleitung von Andreas Kappeler führen die Beiträge von Sigurd Šmidt, einem schon in Sowjetzeiten führenden Vertreter der ungeliebten Regionalgeschiche, und Carsten Goehrke in die Thematik ein. Während Šmidt einen Überblick über die Geschichte der Regionalgeschichtsschreibung vom Mittelalter bis in die Gegenwart bietet, bei dem nicht immer klar wird, was denn "Regionalgeschichtsschreibung" sei, weist Goehrke genau auf diese Problematik hin. Was ist unter "Region" und "Regionalismus" und in deren Gefolge unter einer "Regionalgeschichtsschreibung" zu verstehen? Die regionalen Traditionen seien, so Goehrke, verschüttet worden, und das "Neue Russland" knüpfe nun wieder bewusst daran an. Die neueren Tendenzen der Ära Putin sprechen meines Erachtens eher dagegen, dass sich im "Neuen Russland" eine Form von Föderalismus wird durchsetzen können. Aber dennoch ist Goehrke darin zuzustimmen, dass der Blick auf die Regionen neue Erkenntnismöglichkeiten auch für das Moskauer Russland des 16. und 17. Jahrhunderts bietet.

Es folgen 23 Beiträge, die thematisch und geographisch gegliedert sind: 1) Peripherie und Zentrum: Rechtsprechung, Verwaltung, 2) Der Westen: Smolensk, Novgorod, 3) Der Norden: Kirche, Religion und regionale Identität, 4) Der Osten: Wolgaraum und Steppe, Muslime und Animisten und 5) Kosaken im Süden und Osten.

Wie bei Sammelbänden üblich, unterscheiden sich die Beiträge in ihrer Qualität, und nicht alle können in einer solchen Besprechung gewürdigt werden. Die Artikel sind offensichtlich in den Originalsprachen, also in Russisch, Deutsch, Englisch und Französisch, abgedruckt, was es für den interessierten Nichtspezialisten der russischen Geschichte schwierig macht, die durchaus nicht uninteressanten Forschungsergebnisse der russischen Kollegen zu rezipieren.

Grundsätzlich wirft der Band die Fragen und Probleme der Beziehung von Zentrum und Peripherie und der Region auf. Dabei weist insbesondere Goehrke auch auf die Probleme der Großregionen hin, also Sibiriens, des Nordens und der Ukraine, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Ukraine und Weißrussland beispielsweise sind heute eigene Staaten, und nicht wenige Historiker sind heute damit beschäftigt, für sie entsprechende Vergangenheiten zu konstruieren oder zu rekonstruieren. Zu fragen ist auch, was denn Regionalgeschichte von der Lokalgeschichte trennt. Ist ein einzelner Bezirk, mit dem sich etwa Aleksandr Lavrov beschäftigt, eine Region?

Im Fall des expandierenden Moskauer und dann des Russischen Reiches kommt auch noch das Problem der nicht-russischen Ethnien hinzu. Aleksandr Giljazov aus Kazan' weist die These der russischen Toleranz gegenüber dem Islam nach der Eroberung Kazan's zurück und spricht deutlich von einem intensiven Kampf vor allem gegen die muslimische Oberschicht.

Weil es offensichtlich keinen besseren Begriff gibt, spricht auch Serhij Plokhy in seinem Plädoyer für eine vergleichende Geschichte der kosakischen Gemeinschaften immer wieder von "ukrainischen Kosaken" im 17. Jahrhundert. Wie aber ist der Begriff "Ukraine" in dieser Zeit zu verstehen? Wer gebraucht diese Bezeichnung in welchen Quellen und mit welchen Zielen?

Der Band ist also, dies sei noch einmal betont, in hohem Maße verdienstvoll und wichtig, denn er wirft zahlreiche Fragen auf und regt zu intensiver weiterer Forschung, nicht nur für das 16. und 17. Jahrhundert, an. Ich vermisse ein Autorenverzeichnis und eine Bibliographie der relevanten Literatur, die man sich mühsam aus den Fußnoten zusammensuchen muss.

Dittmar Dahlmann