sehepunkte 6 (2006), Nr. 5

Gerhard Taddey (Hg.): " ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt"

Franken gehörte über mehrere Jahrhunderte zu den Regionen Deutschlands mit der höchsten Dichte von jüdischen Siedlungen und Gemeinden. Zahlreiche Dorf- und Kleinstadtgemeinden prägten das Bild bis über die Wende zum 20. Jahrhundert hin. Zeugnis darüber liefert noch heute eine Reihe von ehemaligen Synagogen und Friedhöfen, aber auch die Literatur, die sich diesem Thema schon seit mehreren Jahren widmet. Das jüngste Produkt der Forschung ist der vorliegende Band, der sich schwerpunktmäßig auf die Gemeinden des heute zu Baden-Württemberg gehörenden westlichen Teils Frankens bezieht.

Der Band ist eine Sammlung von 14 Einzelbeiträgen über verschiedene Aspekte jüdischen Lebens in der genannten Region von der Frühen Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein. Nach einer Einleitung des Herausgebers behandeln die Aufsätze u. a. die Frage der Stellung der Juden im System der Reichsgerichtsbarkeit in der Frühen Neuzeit, während sich andere Beiträge um eine Rekonstruktion jüdischer Lokalgeschichten bemühen. Mehrere Untersuchungen beziehen sich auf die nicht wenigen und bedeutenden Überreste der jüdischen Sachkultur aus der Region. Schließlich befassen sich andere Beiträge mit der Emanzipationsgeschichte, und quasi als Rahmen gibt es jeweils am Anfang und am Ende einen Aufsatz über die Friedhofs- und Grabsteinkultur. Falls diesem Rahmen von Seiten des Herausgebers ein gewisser (jedoch nicht explizit genannter) Symbolwert zugemessen wurde, wirkt dieser, aus der Sicht des Rezensenten, etwas überfrachtet und unglücklich, wenn auch, angesichts der heutigen Brache jüdischen Lebens in der Region, durchaus nicht falsch. Am Schluss des Buches findet sich ein Orts- und Personenindex für den gesamten Band.

Wie schon eingangs bemerkt, fügt sich der Band in eine Reihe von Forschungen zur Region Franken und ihren ehemaligen jüdischen Bewohnern ein, wie auch in das schon längere Zeit fortdauernde Interesse an jüdischer Regionalgeschichte in Deutschland überhaupt. In seinem landeshistorischen Schwerpunkt schwankt das Buch mit seinen Beiträgen in der oft für derartige Erzeugnisse typischen Form: Einige der Aufsätze haben durchaus über das eigentliche Thema und die Region hinaus Bedeutung in der Forschungsliteratur (etwa die beiden Beiträge von Barbara Staudinger und Raimund Weber über Juden als Rechtsparteien vor den Reichsgerichten), während andere ihre Leserschaft vor allem beim landesgeschichtlich interessierten Publikum finden dürften (wie z. B. die Aufsätze zur Friedhofskultur).

Insgesamt ist der Band mit den zahlreichen Farb- und einigen Schwarz-Weiß-Abbildungen außerordentlich üppig ausgestattet, was besonders dem Teil zur Sachkultur sehr zugute kommt, da er somit eine hervorragende Anschaulichkeit gewinnt. Was wohl nur Kennern des Hebräischen ins Auge fallen dürfte, ist die unangenehme Spiegelverkehrung der Abbildung der Unterlimpurger Synagogenvertäfelung im Beitrag von Armin Panter (141) - ein Fehler, wie er sich leider immer noch zu häufig bei derartigen Bänden findet. Positiv ist weiter anzumerken, dass die in ihrer Mehrzahl wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Beiträge eine große Bandbreite abdecken und teilweise sehr ins Detail gehen. An manchen Stellen dürfte dies jedoch interessierte Laien überfordern, eben gerade wegen einer fehlenden grundlegenden Einleitung.

Aus der Menge der Beiträge sind einige besonders hervorzuheben. An erster Stelle sei das korrespondierende Paar der erwähnten Beiträge von Staudinger und Weber zur Rolle der Juden im System der Reichsgerichte (Reichshofrat und Reichskammergericht) genannt, da diese gleichberechtigte Darstellung der beiden Gerichtsvarianten leider noch selten anzutreffen ist und hier dem Leser verhältnismäßig unkompliziert vergleichende Überlegungen gestattet. Die Untersuchungen zur jüdischen Lokalgeschichte präsentieren sich recht unterschiedlich in der Intensität der Betrachtung und in ihrer Qualität. Herauszuheben ist besonders der Beitrag von Eberhard Kugler über die Ansiedlung in Ernsbach, der es versteht, in größeren Zusammenhängen zu argumentieren, und somit die zumeist schwierige Kontextualisierung von Lokalbeiträgen meistert.

Uri Kaufmanns Untersuchung über die jüdischen Viehhändler im württembergischen Franken widmet sich einem gesamten Berufszweig, der besonders für die Juden in dieser Region sehr typisch war. Bemerkenswert ist der Beitrag vor allem wegen dieses Blickwinkels, da derartige Einblicke über "jüdische" Berufe für diese Zeitepoche noch selten zu finden sind.

Trotz gewisser konzeptioneller Mängel hat der Band sicher seine Bedeutung, wenn auch vor allem im regionalen Bereich. Wie schon angesprochen, wirkt er etwas in der Schwebe zwischen Landesgeschichte und weiterführenden Aspekten zur jüdischen Geschichte, was u. a. auch durch die Beschränkung auf eine doch recht kleine Gegend zurückzuführen sein dürfte. Doch besonders durch (und für) die oben gewürdigten Untersuchungen ist zu hoffen, dass der Band auch gebührende Aufmerksamkeit in der Fachwelt finden wird.

Rezension über:

Gerhard Taddey (Hg.): " ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt". Die Juden im baden-württembergischen Franken vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs (1918) (= Forschungen aus Württembergisch Franken; Bd. 52), Ostfildern: Thorbecke 2005, 214 S., ISBN 978-3-7995-7653-6, EUR 40,00

Rezension von:
Stefan Litt
Jerusalem
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Litt: Rezension von: Gerhard Taddey (Hg.): " ... geschützt, geduldet, gleichberechtigt". Die Juden im baden-württembergischen Franken vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs (1918), Ostfildern: Thorbecke 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/05/9018.html


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