sehepunkte 6 (2006), Nr. 5

Marie-Luise Ehrenschwendtner: Die Bildung der Dominikanerinnen in Süddeutschland vom 13. bis 15. Jahrhundert

Das Interesse an den besonderen Lebensbedingen von Frauen hat seit den Siebzigerjahren eine Fülle von mediävistischen Untersuchungen hervorgebracht. Darin werden auch Fragen nach Art, Umfang und Rechtfertigung der Frauenbildung gestellt. Sie konnten sich vielfach stützen auf die gründliche Erschließung von Quellen während der ersten Blüte der Frauenforschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist demnach die Analyse der Forschung, besonders auf den Gebieten der Geschichte, Germanistik und Theologie. Das Bild, das dabei von Charakter und Niveau der weiblichen Bildung entsteht, zeigt für die Autorin die Tendenz zur unzulässigen Verallgemeinerung. Die Differenzierung von sozialen Gruppen, von regionalen Verhältnissen, von zeitlichen Entwicklungen ist zu grob. Fragwürdig erscheint ihr auch die Auswahl von Quellen, die theoretische Traktate und herausragende Frauen bevorzugt.

Um diese Fehler zu vermeiden, setzt Ehrenschwendtner in ihrer Tübinger Dissertation methodisch auf eine Mikroaufnahme. Sie konzentriert sich auf einen überschaubaren Kreis von Frauen von gleichem Lebenszuschnitt. Sie wählt dafür die Dominikanerinnen, die bisher selbst in der Ordensforschung marginal behandelt wurden. Als Basis der Untersuchung dient eine möglichst breite Auswahl von Quellen, um dem Alltag der Nonnen nahe zu kommen. Den zeitlichen Rahmen bildet die Gründung des Orden 1233 und das Verebben der Reformbewegung Ende des 15. Jahrhunderts. Der geografische Rahmen umschließt Oberdeutschland, eine durch den gemeinsamen Dialekt kulturell verbundene Region.

Zu diesem südwestlichen Teil der Ordensprovinz 'Teutonia' gehörten jedoch auch das Elsass und die westliche Schweiz. Er ist nicht deckungsgleich mit dem heutigen Süddeutschland, das unpräzise für den Titel der Arbeit gewählt wurde. Der definierte Zeitraum umfasst zwei sehr unterschiedliche Phasen der Ordensgeschichte. Den spirituelle Enthusiasmus der ersten Blütezeit bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts und die nüchterne Treue zum Wort in der Reformzeit des 15. Jahrhunderts. Qualität und Umfang der Quellen ist daher sehr unterschiedlich.

Für etliche Reformklöster ist der Alltag im 15. Jahrhundert durch seine zunehmende schriftliche Organisation, durch Korrespondenz mit anderen Konventen durchaus nachvollziehbar. Für die Frühzeit des Ordens war der Alltag bisher kaum fassbar. Dem begegnet die Autorin durch eine Neubewertung der Schwesternliteratur. Die Bewertung als hagiografische Fiktion werde ihrem Quellenwert nicht gerecht. Die dort überlieferte außergewöhnliche Spiritualität einzelner begnadeter Frauen entfalte sich schließlich im Rahmen des allgemeinen Konventslebens, das so bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann (61-68).

Leitlinie der Untersuchung bildet die Definition von Bildung in der monastischen Tradition. Diese geht weit über den Erwerb von faktischem Wissen hinaus. Sie erfolgt im Rahmen aller klösterlichen Lebensvollzüge, ausgerichtet auf ein übergeordnetes Ziel, auf die Umbildung des Menschen in der Nachfolge Christi. Aus diesem ethischen Bildungsbegriff ergibt sich die These Ehrenschwendtners, die letztlich das Ergebnis der Arbeit vorwegnimmt. Sie postuliert einen engen Zusammenhang zwischen Bildungsinhalten und Zielsetzung der Lebensform, den sie im Folgenden detailliert zu belegen strebt. Dabei sieht sie in der emotionalen Spiritualität, propagiert von den Mendikanten, den entscheidenden Unterschied zum vom Wort geprägten religiösen Leben und damit zur "klassischen" Bildung der alten Orden (26 ff.).

Ganz besonders interessiert die Autorin die Sprache von Bildungsinhalten und die Sprache ihrer Vermittlung. Latein spielte ihrer Meinung nach für die Dominikanerinnen eine Nebenrolle. Passive Kenntnisse wurden nur in dem Umfang vermittelt, wie er für den Gottesdienst unabdingbar war. Weitere Bildungsinhalte seien in Südwestdeutschland seit der Frühzeit des Ordens mit der Volkssprache verbunden. Die Nonnen sind Vertreterinnen des neuen Charakters der "Litteralität", wie ihn Grundmann entwirft, lese-, aber nicht lateinkundig. [1] Dagegen lassen sich durchaus Beispiele anführen, angefangen mit der Verfasserin des lateinischen Schwesternbuches von Unterlinden. So richtig es ist, solche Einzelerscheinungen nicht zu verallgemeinern, darf ein Konvent auch nicht als homogene Masse betrachtet werden. Zumindest für eine Reihe von Klosterämtern, befasst mit Erziehung, Gottesdienst und Schreibstube, war ein gewandter, aktiver Umgang mit Latein unverzichtbar. Über die Vorbildung der Kandidatinnen ist zudem wenig zu ermitteln, rechtliche Vorgaben, trotz detaillierter Analyse den Quellen kaum zu entnehmen.

Die Novizenerziehung zielte auf die vielfältigen Aufgaben der Chorfrauen. Der Gottesdienst als Mittelpunkt dieses Lebens erforderte komplexe Fähigkeiten. Vertrautheit mit Regel und Konstitutionen waren unabdingbar. Dazu wurden Begabungen für Arbeiten im Werkhaus und in der Verwaltung des Klosters gefördert.

Auch später blieb der vom Gebet durchzogene Klosteralltag eine beständige Quelle der Bildung. Die dominikanische Liturgie machte die Nonnen vertraut mit biblischen Texten und deren Auslegung durch die theologischen Autoritäten. Auch die gemeinsamen und privaten Lesungen dienten zur Vertiefung und Erklärung dieser Texte. Mystische und hagiografische Texte, Predigtsammlungen und die Ordensverfassung werden ebenso gelesen. Auch ohne eine gezielte Ausbildung dürften die Nonnen so über grundlegende theologische Kenntnisse verfügt haben. Diese Vermittlung erfolgte nach Ehrenschwendtner durch Übersetzungen und Kommentare in der Volkssprache.

Einen wichtigen Beitrag zur Bildung, eine Erweiterung des Horizonts über die Klausur hinaus, trugen die dominikanischen Spirituale bei. Wiederum erarbeitet die Autorin minuziös die historische Entwicklung und die rechtlichen Bedingungen der 'cura monialium'. Im Beichtgespräch, in Briefwechseln empfahlen und vermittelten die Beichtväter zeitgenössische spirituelle Literatur, stellten Kontakte zwischen herausragenden Mitgliedern einzelner Konvente her. In ihren Predigten machten sie die Zuhörerinnen bekannt mit der zeitgenössischen Theologie und mit den Grundzügen aktueller Debatten.

Niederschriften dieser Predigten fanden ihren Weg in die Klosterbibliotheken. Ihre Bestände analysiert Ehrenschwendtner als Spiegel der klösterlichen Bildung. Dabei stößt sie erneut auf das Problem der unausgewogenen Überlieferung. Nur wenige, bereits häufig herangezogene Bibliotheken sind in ihren ursprünglichen Beständen gut zu rekonstruieren. In der Regel sind aus der Frühzeit fast überwiegend nur die liturgischen Werke überliefert. Zur Zeit der Observanz werden die Bestände gezielt, großzügig und - nach Ansicht der Autorin - fast ausschließlich volkssprachlich erweitert. Andere Untersuchungen weisen jedoch durchaus nach, dass gelehrte lateinische Werke sich der Wertschätzung erfreuten. [2]

Das Ergebnis all dieser minuziösen Untersuchungen entspricht folgerichtig den Vorgaben, die Ehrenschwendtner durch ihre Definition der klösterlichen Bildung gesetzt hat. Der Charakter der Bildung wird durch den Charakter der religiösen Lebensform geprägt, dient deren Aufrechterhaltung (333-337). Erschlossen wird die Fülle der Informationen durch verschiedene Register und ein Quellenverzeichnis. Der umfangreiche Literaturteil wurde aktualisiert. Leider verzichtet die Autorin auf ein umfassendes Abkürzungsverzeichnis.

Verwunderlich ist zudem, dass Ehrenschwendtner, kompetent in allen Angelegenheiten des Ordens, die Dominikaner immer wieder als Mönche bezeichnet. In ihrer Verfassung und in ihrer apostolischen Aufgabenstellung unterscheiden die Bettelorden sich grundsätzlich von den alten monastischen Orden. Leider fehlt im Deutschen die im Englischen vertraute Unterscheidung zwischen 'monks' und 'friars', das erlaubt aber nicht, aus einem Mendikanten einen Mönch zu machen.

Die minuziöse Auseinandersetzung mit den Fragestellungen liefert eine Fülle von Informationen zu den Lebensverhältnissen in einem Dominikanerinnenkloster, führt jedoch auch zu häufigen Wiederholungen. Die Fülle der Belege und Beispiele macht es dem Leser oft schwierig, sie überfordert aber manchmal auch die Autorin bei der Überprüfung. [3] Andererseits: gerade die Fülle der Fakten zur Bildung der Dominikanerinnen, zu ihren Inhalten, zu ihrer Vermittlung, macht die Arbeit zu einem äußerst gehaltvollen Beitrag für die künftige Frauenklösterforschung und darüber hinaus. "Spiegelt doch die Bildung der Dominikanerinnen einen Aspekt vom Bild der Frau und deren Ort in der Gesellschaft" (82).


Anmerkungen:

[1] Herbert Grundmann: Litteratus - illiteratus. Der Wandel einer Bildungsnorm vom Altertum zum Mittelalter, in: ders. Ausgewählte Aufsätze, Teil III (1978), 1-66.

[2] Jeffrey Hamburger, in: Katalog: Les dominicaines d'Unterlinden, Bd.1 (2000), 111.

[3] Aus der Bibliothek des Klosters Heilig Kreuz in Regensburg sind sehr wohl eine Reihe von "ganz alten Handschriften" (278) überliefert, wie ein Blick in den Katalog Regensburger Buchmalerei (1987) verrät. z. B. Nr. 71; Nr. 72; Nr. 73. Dort auch unter Nr. 61 neuere Erkenntnisse zum Lektionar und seiner Stifter. Zum Schicksal der Klosterbibliothek: Paul Mai: Die Mittelalterliche Klosterbibliothek und ihre Schätze, in: Katalog 750 Jahre Dominikanerinnenkloster Heilig Kreuz in Regensburg (1983), 43-47.

Rezension über:

Marie-Luise Ehrenschwendtner: Die Bildung der Dominikanerinnen in Süddeutschland vom 13. bis 15. Jahrhundert (= Contubernium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte; Bd. 60), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, X + 399 S., ISBN 978-3-515-07838-2, EUR 74,00

Rezension von:
Christine Andrä
Universität Regensburg
Empfohlene Zitierweise:
Christine Andrä: Rezension von: Marie-Luise Ehrenschwendtner: Die Bildung der Dominikanerinnen in Süddeutschland vom 13. bis 15. Jahrhundert, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/05/8731.html


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