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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, 2005, 464 S., ISBN 978-3-351-02685-1, EUR 75,00
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Rezension von:
Andreas Hilger
Hamburg
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Hilger: Rezension von: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/9512.html


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Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung

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Seit seiner Gründung 1993 hat sich das Jahrbuch für Kommunismusforschung einen festen Platz in der Geschichtsschreibung erobert. Dazu haben die internationale Bandbreite, die inhaltliche Vielfalt sowie die hohe Aktualität beigetragen, die sich unter dem Leitbegriff einer umfassend verstandenen und ambitioniert betriebenen Kommunismusforschung subsumieren lassen. Die besondere Akzentuierung lässt sich zudem problemlos mit anderen Forschungsfeldern und -ansätzen verknüpfen. Das unterstreicht einmal mehr den Stellenwert kommunistischer Ideen und ihrer Realisierung in der Geschichte.

Um es vorwegzunehmen: Das Jahrbuch von 2005 setzt diese Linie bruchlos fort und bietet erneut eine aktuelle und anregende Bestandsaufnahme der historischen Kommunismusforschung. Da der Zweite Weltkrieg und seine Nachwirkungen zu Recht als wichtige Schnittstelle von allgemeiner (Zeit-)Geschichte und Geschichte des Kommunismus betrachtet werden, boten sich dieser Krieg und seine Folgen mit besonderer Berücksichtigung sowjetischer Perspektiven und Ambitionen als ein Themenschwerpunkt des Jahrbuchs geradezu an. Den Band eröffnet ein konziser Überblick über Krieg und Nachkriegsentwicklung in der UdSSR (Bernd Bonwetsch). Bonwetsch betont, dass das Bündnis der Diktatoren von 1939 bis 1941 auch in der UdSSR von angestrengter Aufrüstung begleitet war. Auf Grund der russischen Archivsituation kann über Stalins letzte Pläne noch keine endgültige Aussage getroffen werden - dass damit die unselige These vom deutschen Präventivangriff keineswegs an Stichhaltigkeit gewinnt, ist unbestritten. [1]

Im Gegensatz zur Vorgeschichte stellt sich der Kriegsverlauf wesentlich eindeutiger dar. Das Kriegsende brachte keinen wirklichen Frieden, sondern war im Innern von der nicht selten gewaltsamen Restalinisierung und in der Außenpolitik von einer konfliktgeladenen Expansion begleitet. Angesichts des unter schweren Opfern errungenen sowjetischen Siegs, bei dem über 27 Millionen Tote zu beklagen waren, verwundert es nicht, dass Krieg und Sieg bis heute einen besonderen Stellenwert im kollektiven Gedächtnis der russischen und nicht-russischen (post-)sowjetischen Gesellschaften einnehmen. Der neue russische Staat greift dieses Bedürfnis auf und formt es zu eigenen, staatsbildenden Zwecken um. Schon Bonwetsch diskutiert entsprechende Charakteristika (aktueller) russischer Geschichtsschreibung. Ausgiebig und mit insgesamt kritischerem Tonfall aber befasst sich Jan Foitzik mit diesem Aspekt russischer Vergangenheitspolitik. Er zeigt in seinem Beitrag am Beispiel von 15 Geschichtslehrbüchern, die zwischen 1999 und 2004 in Russland verlegt wurden, dass den politischen Aufgaben wissenschaftliche Unabhängigkeit und Genauigkeit zum Opfer fallen. Wenn die herangezogenen Werke die innenpolitische Geschichte durchaus noch kritisch sehen, so reproduzieren sie hinsichtlich der internationalen Beziehungen der UdSSR die alten imperialen und antagonistischen Denkbilder. Hierzu passt der Befund von Andreas Langenohl, demzufolge das Russland Putins die 2005 demonstrierte "Internationalisierung des Gedenkens" vor allem als "Erweiterung des Publikums" für die eigene Selbstdarstellung verstand (78).

Vor diesem Hintergrund verdient die sowjetische Österreichpolitik besonderes Interesse, zumal 2005 nicht nur des Kriegsendes, sondern auch des Abschlusses des österreichischen Staatsvertrags (1955) gedacht wurde. Das doppelte Gedenkjahr hat sich in einer wahren Publikations- und Dokumentationsflut niedergeschlagen. [2] Deren in manchen Akzentuierungen unterschiedliche Erkenntnisse werden im Jahrbuch in zwei Beiträgen, die auf umfangreichem neuem Aktenmaterial Moskauer Archive beruhen, ganz aktuell zur Diskussion gestellt. Für das Autoren-Team Stefan Karner und Peter Ruggenthaler war die Installierung Karl Renners als neuer Regierungschef in Gesamtösterreich der Versuch, Österreich "auf den Weg zu einer Volksdemokratie" zu bringen. Nachdem dieses Kalkül an der überraschenden Selbstständigkeit Renners und der klaren Wahlniederlage der KPÖ gescheitert war, hat Stalin sich demnach gar nicht mehr um die weitere Sowjetisierung des Landes bemüht; auch von daher hätte eine Teilung Österreichs nicht zur Debatte gestanden. Die wirtschaftliche Ausbeutung der sowjetischen Besatzungszone und eigenständige Aktionen der KPÖ widersprechen dem nicht zwangsläufig.

Hier setzt Wolfgang Mueller an, der ebenfalls den "Übergang Österreichs zur Volksdemokratie und zum Sozialismus" als Moskaus generelles Endziel annimmt. Im Gegensatz zur KPÖ habe sich die UdSSR in ihrer Politik allerdings weltpolitischen Sachzwängen fügen müssen, sodass Moskau die KPÖ zwar stützen, aber nie an die Macht habe bringen können. Vor diesem Hintergrund räumt Mueller ideologischen Motivationen in der sowjetischen Österreichpolitik mehr Raum ein, als die beiden Grazer Historiker: Symptomatisch hierfür ist die unterschiedliche Bewertung einer Notiz von Andrej Ždanov aus dem Jahr 1944, die für Deutschland, Ungarn, Österreich und andere Länder den "friedlichen Übergang zum Sozialismus" als Zielvorstellung festhielt. Mueller sieht hier offenbar einen Beleg für sowjetische Langzeitstrategien, während Karner/Ruggenthaler in demselben Dokument letztlich nur eine unverbindliche Fingerübung erkennen können (104, 145). Auf diese Weise sieht sich die Erforschung der sowjetischen Österreich-Politik heute vor ähnliche Probleme gestellt, die die Geschichtsschreibung der sowjetischen Deutschland-Politik umtrieb und -treibt: Abschließende Aussagen lassen sich beim gegenwärtigen Stand der Forschung kaum treffen, und die Diskussionen müssen in Bezug auf die gesamte sowjetische Einflusssphäre die vielfachen außen- und innenpolitischen Dimensionen von Sowjetisierung und Sozialisierung aus unterschiedlichen - Moskauer und einheimischen - Perspektiven in ihrem zeitlichen Verlauf noch sehr viel konkreter fassen.

Der tatsächlich nur über die Region zusammengehaltene "Länderschwerpunkt" Südosteuropa (10) lässt sich schließlich auch als weitere Ausdehnung des ersten thematischen Akzents verstehen. Ulf Brunnbauer beschreibt die spezifischen Probleme der bulgarischen Kommunisten ab 1944, der sowjetischen Lehrmeinung zum Thema "Familienpolitik" in Bulgarien zum Durchbruch zu verhelfen. Damit deckt er für diesen Aspekt das Problem einer Fortschrittsideologie auf, die weitreichende missliebige Konsequenzen der Moderne überhaupt - hier: der autonomen Kleinfamilie - hinnehmen musste. Gesellschaftlichen Selbstständigkeiten widmet sich auch Sergej Flere, der Grundzüge einer civil religion im multiethnischen Staat Jugoslawien aufzeigen will. Den direktesten Rückbezug zur sowjetischen Geschichte stellt natürlich die Rekonstruktion eines bislang weitgehend übersehenen Schauprozesses gegen die Spitzen der katholischen Kirche in Rumänien 1951 dar, die William Totok auf der Grundlage von Akten aus dem Securitate-Archiv unternimmt. Hier hätte man sich angesichts des früheren pro-deutschen bzw. pro-nationalsozialistischen Engagements des Hauptangeklagten, Bischof Augustin Pacha, eine genauere Thematisierung der komplexen Kriegs- und Nachkriegsentwicklungen gewünscht; leider machen sich nicht nur, aber eben gerade auch in diesem Beitrag Druckfehler oder ähnliche vermeidbare Ärgernisse - wie ein gedoppelter Absatz auf den Seiten 234 und 244 - verstärkt bemerkbar.

Eine Rezension kann kaum allen Aspekten eines Jahrbuchs gerecht werden und nicht alle Einzelbeiträge würdigen. Unbedingt lesenswert ist die Beschreibung des Bedeutungswandels, dem die Berliner Gedenkkundgebungen anlässlich der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bis 1989 unterworfen waren (Barbara Könczöl). Hier kann man nur auf eine Ausarbeitung des knappen Resümees für die Jahre nach 1989 hoffen, die den besonderen Anspruch der PDS und ihrer Bündnisse aufgreift (187 f.). Weiterhin widmet sich Giandomenico Bonanni der Entstehungsgeschichte der DDR-Verfassung von 1968. Er arbeitet gezielt die politisch gewollte, eingegrenzte Tragweite der neu gefassten Grundrechte heraus: Der gesellschaftliche Gegendruck war nur auf dem Gebiet der Religionsausübung stark genug, um im durchorganisierten Verfassungsgebungsverfahren die SED-Vorgaben aufzuweichen. Wladislaw Hedelers Werkstattbericht über die Verfolgung der Ehefrauen inhaftierter Deutscher ab 1937/38 wirft schließlich Licht auf die stalinistische Ausformung der Sippenhaft.

Unter den übrigen Rubriken ragt dieses Mal das Forum mit der gehaltvollen Analyse des Verhältnisses der "Neuen Linken" zur Gewalt (Gerd Koenen) und, in einem reizvollen Perspektivenwechsel, mit einem Abriss zu den Beziehungen von SED/MfS zur RAF (Andreas Förster) hervor. Biografische Skizzen und ein recht umfangreicher Komplex "Sammelrezensionen" runden das gelungene Gesamtbild ab.

Der Ausgabe liegt wiederum der informative International Newsletter bei, der das bereits angesprochene breite Spektrum internationaler Kommunismusforschung vor Augen führt.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Bianka Pietrow-Ennker (Hg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, Frankfurt a. M. 2000.

[2] Vgl. Stefan Karner u. a. (Hg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945-1955, 2 Bände, Graz 2005; Wolfgang Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945-1955 und ihre politische Mission, Wien 2005.

Andreas Hilger