sehepunkte 5 (2005), Nr. 12

Micha Brumlik: Wer Sturm sät

Nicht nur auf Grund der Diskussion um das "Zentrum gegen Vertreibungen" hat das Thema der Zwangsmigrationen während und nach dem Zweiten Weltkrieg publizistische Konjunktur. Für Micha Brumlik, Professor im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Frankfurt/Main, war aber gerade die Einladung, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des "Zentrums" zu werden, der Anlass für eine eingehende Auseinandersetzung mit der Thematik (135). So kann das hier anzuzeigende Buch als eine sehr ausführliche Begründung für seine Ablehnung gelesen werden.

Die Teilnahme an öffentlichen Debatten in Buchform birgt stets zwei Gefahren: Entweder ist die Publikation bereits vom Gang der Diskussion überholt, oder sie wird zu einem publizistischen Schnellschuss, dem die wissenschaftliche Gründlichkeit abgeht. Letzterer Gefahr ist auch Brumlik nicht entgangen. Denn bei seinem Versuch, in einem ersten Kapitel auf etwa 60 Seiten den Gesamtvorgang der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Polen und der Tschechoslowakei faktografisch zu rekapitulieren und in ihren historischen Zusammenhang einzuordnen, fällt auf, dass er die doch sehr ansehnliche Forschungsleistung, die in Deutschland, besonders aber auch in Polen und der Tschechischen Republik während der letzten fünfzehn Jahre erbracht worden ist, schlichtweg nicht rezipiert hat, obwohl viele wichtige Veröffentlichungen aus Ostmitteleuropa inzwischen in deutscher Übersetzung vorliegen. [1] So kommt es z. B. zu der Merkwürdigkeit, dass der Autor gerade bei einer strittigen Frage wie der Bezifferung der Gesamtverluste der deutschen Vertriebenen sich auf die diesbezüglich überholte "Dokumentation der Vertreibung" aus den 1950er-Jahren stützt. [2] Ein umfangreicher, der Palästinenserfrage gewidmeter Abschnitt (251-291) fußt wesentlich auf einer einzigen Monografie [3], sprengt die Thematik des Buches und kann seine Relevanz für die Argumentation nicht ganz deutlich machen. Der Leser kann den Eindruck gewinnen, dass hier vielleicht ein Schubladentext verwendet wurde, den der Autor anderwärts nicht zu platzieren wusste.

Es wäre allerdings beckmesserisch, Brumlik einen Vorwurf daraus zu machen, dass sein Buch nicht den Anforderungen einer zeithistorischen Studie genügt, denn eine solche zu schreiben war nicht seine Absicht. Vielmehr steht im Mittelpunkt die moralphilosophische, auf historische und völkerrechtliche ebenso wie auf gesellschaftspsychologische Argumente gestützte Auseinandersetzung mit der Frage, ob das Zentrum gegen Vertreibungen, wie es von Erika Steinbach und ihren Unterstützern in- und außerhalb des Bundes der Vertriebenen konzipiert worden ist, eine adäquate Form der Auseinandersetzung mit dem "Jahrhundert der Vertreibungen" (Hans Lemberg) darstellt. Brumlik beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Zugleich macht er deutlich, dass er in keiner Weise die Traumatisierung der deutschen Vertriebenen und den verbrecherischen Charakter der Ausschreitungen, deren Opfer sie wurden, in Zweifel zieht. Jedoch unterstreicht er, dass er das Schicksal der deutschen Vertriebenen in einen "Tun-Ergehens-Zusammenhang" (204 und öfter) gestellt sehen will, der die nationalsozialistische Vertreibungs- und Vernichtungspolitik und die Unterstützung des NS-Regimes durch einen Teil der später Vertriebenen als den historischen Kontext erkennen lässt, innerhalb dessen der Gesamtvorgang der gewaltsam herbeigeführten Migrationen um die Jahrhundertmitte zu interpretieren ist. Angefangen mit der Charta der Heimatvertriebenen von 1950 bis hin zur Satzung der Stiftung für das Zentrum gegen Vertreibungen erhebt Brumlik den Vorwurf, dass sich die Funktionäre der Vertriebenenverbände weder ideologisch noch - in den frühen Jahren - personell aus der Kontinuität seit dem Volkstumskampf der Zwischenkriegszeit und seiner rassenideologischen Eskalation durch den Nationalsozialismus gelöst hätten.

Diese Befunde sind zwar nicht unbedingt neu, werden vom Verfasser jedoch in eine komplexe Argumentation eingebracht, welche die Frage des Zentrums als Ort des Gedenkens und der geschichtspolitischen Aufarbeitung auf einer Vielzahl von Ebenen - der moralphilosophischen, kulturellen, politischen und pädagogischen - reflektiert. Im Mittelpunkt steht dabei der politische Vorwurf, dass das Zentrum trotz gegenteiliger Verlautbarungen seiner Befürworter letztlich eine deutschtumszentrisch-völkische Perspektive auf die Vertreibungen festschreiben und ein geschichtspolitisches Gegengewicht zum gerade fertig gestellten Holocaustmahnmal darstellen soll (116 f.).

Für den Fachhistoriker bleibt bedauerlich, dass das Buch keine informierte Zusammenfassung des Forschungsstandes bietet. Seine faktografischen Ungenauigkeiten werden Brumliks Debattengegnern Vorlagen (und Vorwände) für ihre Kritik liefern. Dennoch handelt es sich um den Beitrag eines engagierten und auf hohem Niveau argumentierenden Geisteswissenschaftlers, der sich auch vom Risiko des Irrtums in Einzelfragen nicht von der Teilnahme an einer zentralen gesellschaftspolitischen Diskussion abhalten lässt. Unabhängig davon, wie sich die deutsche Zeitgeschichtsschreibung zu Brumliks Auffassungen im Einzelnen stellt, kann sie davon nur lernen.


Anmerkungen:

[1] Um stellvertretend nur einige der wichtigsten Arbeiten in deutscher Übersetzung zu nennen: Tomáš Staněk: Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien (außerhalb der Lager und Gefängnisse), Wien u. a. 2002 (= Buchreihe des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa; Bd. 8); Włodzimierz Borodziej / Hans Lemberg (Hg.): "Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden..." Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1950. Dokumente aus polnischen Archiven, Bde. 1-4, Marburg 2000-2004 (= Quellen zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas; Bde. 4/I-IV); Bernadetta Nitschke: Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen 1945 bis 1949, München 2003 (= Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa; Bd. 20).

[2] Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, bearb. von Theodor Schieder u. a., Bde. I-V, o. O. [Bonn] 1954-1963, hier Bd. I/1, S. 159 E; im Anschluss an diese Belegstelle beziffert Brumlik die Verluste der deutschen Vertriebenen aus den vormaligen reichsdeutschen Ostgebieten und aus Vorkriegspolen als ein Sechstel der Gesamtbevölkerung (ca. 2 Millionen). Dagegen fehlt beispielsweise eine für das Thema grundlegende Publikation wie: Vertreibung und Vertreibungsverluste 1945-1948. Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974. Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte, Bonn 1989, in der die Gesamtverluste der Bevölkerung aus den vormaligen Ostgebieten auf maximal 600.000 geschätzt werden.

[3] Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem, 1947-1949, Cambridge u. a. 1987.

Rezension über:

Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin: Aufbau-Verlag 2005, 300 S., ISBN 978-3-351-02580-9, EUR 18,90

Rezension von:
Andreas R. Hofmann
Historisches Seminar, Universität Leipzig
Empfohlene Zitierweise:
Andreas R. Hofmann: Rezension von: Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin: Aufbau-Verlag 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/12/9887.html


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