sehepunkte 5 (2005), Nr. 12

Rezension: Corpus of Medieval Misericords

Die Chorgestühle der Gotik sind in der kunsthistorischen Forschung schon lange ein beliebtes Thema. Für Deutschland sind die grundlegenden Studien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen, und auch für England, Spanien und die Niederlande lagen die ersten Gesamtdarstellungen eben so früh vor. Von Anfang an haben die Forscher den Miserikordien besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Eine der frühesten Studien erschien schon 1910 [1] und schon hier wurde der Bedeutung der geschnitzten Drôlerien an den 'Erbärmdesitzhilfen' nachgegangen. Ein Gutteil der Themen, die über ganz Europa immer wieder auftreten, wurde schon hier dargestellt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert erfreuten sich die Miserikordien aber einer Popularität, die sich nur aus ihrem Charakter erklären lässt und die in proportional umgekehrtem Verhältnis zu ihrer physischen Präsenz steht: Die Miserikordien sind ja im Normalzustand eines Chorgestühls nicht sichtbar, da sie sich an der Unterseite der Klappsitze befinden. Erst bei der Benutzung des Gestühls im Stehen, wenn die Sitze hochgeklappt werden, treten sie in Erscheinung. Sie sollen den Mönchen eine gewisse Stehhilfe während der langen Offizien gewähren: man kann sich mit 'halbem Gesäß' auf den konsolförmigen Klötzchen abstützen. Auch die Darstellungsinhalte der oft reliefierten Konsolen gehören einer Gegenwelt an. Das kommt schon im Titel einiger der Publikationen zum Ausdruck. [2] Gerade für England liegen noch weitere Publikationen zu Miserikordien vor.

Das jüngste Projekt auf diesem Gebiet ist das 'Corpus of Medieval Misericords' von Elaine C. Block, das auf fünf Bände konzipiert ist. Bisher liegen die Bände zu Frankreich und der Iberischen Halbinsel vor. Beide sind im Wesentlichen sehr umfangreiche Bestandskataloge mit einem fast ebenso umfangreichen Abbildungsteil. Es sind lapidare, aber zugleich äußerst gewissenhaft angelegte, auf Vollständigkeit zielende Materialsammlungen.

Im ersten Band, dem zu Frankreich, werden in einer Einleitung von acht Seiten sehr knapp die allgemeine Entwicklung des Chorgestühls, die Möglichkeiten der Anlage, Grundlegendes zu Aufbau und Darstellungen der Miserikordien behandelt. Block legt ihre praktische Vorgehensweise dar. So erfahren wir, dass der Ausgangspunkt eine handgeschriebene Liste von 338 Kirchen mit mittelalterlichen Chorgestühlen war, die die Verwaltung der Monuments Historiques de France der Verfasserin zur Verfügung gestellt hatte. Kern der Einleitung ist jedoch ein praktischer Leitfaden für die Benutzung des Katalogs. Sie erklärt gewissermaßen die einzelnen Schritte ihres standardisierten Erhebungsbogens, ohne den eine solche Materialfülle nicht zu bewältigen ist: Datum - Schnitzer (selten genauere Angaben) - Auftraggeber - Form des Deckbretts der Miserikordie - Form der Konsole (Träger der Schnitzerei) - Maße der Miserikordien - Anzahl der Stallen, Miserikordien, Fehlstellen - Aufstellungsort in der Kirche - Provenienz bei translozierten Gestühlen - ikonografische Zyklen und deren Quelle - Handknäufe - Abschlusswangen - Dorsalgestaltung - Sitzwangen - Restaurierungen - Geschichte (Schicksale nach Entstehung) - Bibliografie - Liste mit Benennung und Beschreibung aller Miserikordien eines Gestühls.

Der Katalog (Frankreich: 185 Seiten, über 1000 Miserikordien, Iberische Halbinsel 800 Miserikordien) ist alphabetisch nach Départements (entsprechend zu Spanien) und innerhalb dieser alphabetisch nach Orten und Kirchen aufgebaut. Für jedes Chorgestühl ist jede einzelne Miserikordie aufgeführt und ikonografisch benannt. Der Katalog ist somit sehr übersichtlich. Dankenswerter Weise ist nach dem Katalog als fünfter Appendix eine Aufschlüsselung nach ikonografischen Motiven angehängt, sodass es noch eine andere Möglichkeit der Erschließung der Materialfülle gibt als die geografische. Die vier anderen Appendices enthalten Renaissancechorgestühle mit Miserikordien, mittelalterliche Gestühle ohne Miserikordien oder lediglich mit Blattwerk, Belege verlorener Miserikordien und ein Glossar. Der Bildteil fällt im Band Frankreich mit 199 Seiten, im iberischen Band 170 Seiten zu je drei bis sechs, ausnahmsweise acht Abbildungen sehr üppig aus. Eine Bibliografie rundet die Bände ab (Frankreich acht Seiten, Iberische Halbinsel zwei Seiten), doch kommt das Corpus selber weitgehend ohne deren Benutzung aus - abgesehen von Daten, Künstlern und Baugeschichte.

Der Reiz beider Bände liegt in der Fülle amüsanter Miserikordienschnitzereien, und hier wurden für die Abbildungen wohl die einprägsamsten und erstaunlichsten ausgewählt. Es finden sich Fledermäuse und Eulen, Blattmasken oder Narrenköpfe, Pelikane, Drachen, Alttestamentliche Szenen, wie etwa die Geschichte Samsons, Dudelsack spielende Esel, Schweine oder Affen, außerdem Darstellungen von Sprichwörtern, Szenen aus Tierfabeln, harmlose Genreszenen aus dem Alltag von Handwerker und Bauersmann, aber auch Anspielungen auf die Weiberherrschaft, auf bestimmte Laster, meist Unzucht, wie verführende Mönche, nackte Paare im Badezuber und so weiter. Wer aber hätte erwartet, so viele Katzen bei der Körperpflege einer besonderen Stelle zu finden, oder Affen, die sich den Hintern kratzen, 'Exhibitionisten', die ihren Allerwertesten präsentieren und im wahrsten Sinne öffnen, Personen auf dem Nachttopf, andere, die Urin oder Faeces von Kuh und Schwein in einem Topf auffangen und umgekehrt Schweine, die schnüffelnd warten, bis der Bauer sein Geschäft verrichtet hat, die Anwendung eines Klistiers (sic!) bis hin zu einem (angeblich) masturbierenden Engel oder einem nackten Paar in eindeutiger Stellung (wechselseitige orale Stimulation).

Was aus kunsthistorischer Sicht auffällt, ist, dass neben dem Gros von ziemlich derb bis sogar plump geschnitzten Miserikordien auch solche von erlesener Feinheit bestehen, sowohl was das Figürliche und das Detail betrifft, als auch in der Komposition von Szenen auf kleinstem Raum. Dies wird jedoch nicht thematisiert, ebenso wenig wie auf stilistische Fragen oder eine zeitliche Entwicklung überhaupt eingegangen wird.

Das Corpus enthält sich jeglicher Deutung der Darstellungen, und Block setzt sich nicht mit der Fülle an Interpretationsansätzen in den Beiträgen der Forschung auseinander. [3] Dass all diese befremdlichen Darstellungen für das Böse und die Laster stehen, ist eine alte und sicherlich richtige Erkenntnis. Dass jedoch diese von den Mönchen und Nonnen überwunden und zerschlagen wurden, indem sie beim Gebet auf ihnen saßen, ist wohl eine zu stark vereinfachte Schlussfolgerung, die die reichen geistesgeschichtlichen Hintergründe außer Acht lässt. Überzeugend weist Block auf einen Konnex zwischen Exempla aus den Predigten bezüglich der Versuchung und deren Überwindung einerseits und den Darstellungen an den Miserikordien andererseits hin.

Deutlich betont Block ihre Beschränkung auf reine Materialsammlung und Orientierung allein am Objekt: "We hope that the basic data on misericords presented in this book will be used for a myriad of studies on the ideas and beliefs of medieval men and women that will help us to better understand the paths from the Middle Ages to our life in the Space Age" (197).

Beide Studien bekommen eine sehr persönliche Note durch die Beschreibung der Arbeitsumstände der Forscherin. Hier werden aus US-amerikanischer Perspektive (Block ist emeritierte Professorin der City University of New York) alle mehr oder weniger berichtenswerten Erlebnisse und Anekdoten, etwa mit spanischen Dekanen, Prioren und Messnern, erzählt, fast möchte man sagen, genüsslich ausgebreitet.

Zur Beurteilung des Projekts ist zu sagen, dass die Forschung die Miserikordien der meisten der bedeutenderen Chorgestühle schon längst erfasst hat und in die Tiefe geht, wo das Corpus nur sammelt und den ikonografischen Bildvorwurf benennt. Es ist auch nicht so, dass Block wesentliche Objekte präsentiert, welche die bisherige Forschung übersehen hätte. So bietet das Werk "Le Monde Caché des Misericordes" (D. und H. Kraus) eine Übersichtskarte Frankreichs in der die im Corpus behandelten Werke fast ausnahmslos aufgeführt sind. Für Spanien und Portugal werden nur 16 (sehr umfangreiche und reich geschnitzte) Chorgestühle aufgeführt, die alle schon von der früheren Forschung erfasst wurden. Doch was keines der älteren Werke leistet, ist eine flächendeckende Erfassung aller Miserikordien, die statistisch nachprüfbar zeigt, welche Darstellung wie häufig ist, in welcher Zeit beliebt war, wo überhaupt vorkommt und so weiter. Dass das reiche Abbildungsmaterial besonders zu begrüßen ist, versteht sich von selber. Eine anfängliche Skepsis beim Leser, ob es legitim ist, von so komplexen Gebilden wie den großen gotischen Chorgestühlen nur das Detail der Miserikordien herauszupicken, wird weitgehend widerlegt. Das Verhältnis wäre etwa zu vergleichen mit der Beschäftigung mit Kapitellschmuck, wobei die Architektur der Bauten außer Acht gelassen werden kann. Doch legen die Studien das Hauptinteresse auf den ikonografischen Gesichtspunkt, weniger auf den Gesichtspunkt der Bildhauerkunst an sich.

Diese Ausrichtung war auch intendiert: "The material in this volume should enable researchers to expand their horizons since a comprehensive base is presented [...] The author eagerly awaits the use of this work for further research: to identify other motifs, relate motifs to each other, identify as yet unknown sources, relate misericords to manuscript marginalia and clarify underlying iconographic programs amongst others" (7). Blocks Corpus ist ebenso relevant für die Theologiegeschichte, die Volkskunde oder die Motivforschung in der Buchmalerei wie für die Kunstgeschichte mittelalterlicher Skulptur.


Anmerkungen:

[1] Louis Maeterlinck: Le Genre Satirique, Fantastique et Licencieux dans la Sculpture Flamande et Walonne. Les Misericordes des Stalles. Paris 1910.

[2] Christa Gössinger: The World Upside Down. English Misericords, London 1997; Dorothy und Henry Kraus: The Hidden World of Misericords, London 1976, erweitert als Le Monde Caché des Misericordes, Paris 1986; Giovanni Romano (Hrsg.): La Fede e i Mostri. Cori lignei scolpiti in Piemonte e Valle d'Aosta, Turin 2002; Neutralere Titel sind: Isabel Mateo Gómez: Temas Profanos en la Escultura Gotica Española. Las Sillerias de Coro, Madrid 1979; G. L. Remnant: A Catalogue of Misericords in Great Britain, Oxford 1969; M. D. Anderson: Misericords. Medieval Life in English Woodcarving, Harmondsworth 1956.

[3] Siehe dazu etwa den Artikel "Miserikordie" im Lexikon der Kunst im Seeman-Verlag Leipzig.

Rezension über:

Elaine C. Block: Corpus of Medieval Misericords. France. XIII-XIV, Turnhout: Brepols 2003, 452 S., 921 b/w ill., ISBN 978-2-503-51239-6, EUR 195,00

Elaine C. Block: Corpus of Medieval Misericords. Iberia. Portugal-Spain XIII-XVI, Turnhout: Brepols 2004, v + 276 S., ISBN 978-2-503-51499-4, EUR 150,00

Rezension von:
Sybe Wartena
Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, München
Empfohlene Zitierweise:
Sybe Wartena: Corpus of Medieval Misericords (Rezension), in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: https://www.sehepunkte.de/2005/12/8729.html


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