sehepunkte 5 (2005), Nr. 9

François Beilecke: Französische Intellektuelle und die Dritte Republik

Die vorliegende Dissertation von François Beilecke wurde an der Universität Kassel bei Hans Manfred Bock erstellt. Sie untersucht beispielhaft eine Gruppe von Intellektuellen in Frankreichs Dritter Republik: die 1892 gegründete Union pour l'Action Morale, die 1905 in Union pour la vérité umbenannt wurde und bis 1939 aktiv war. Im Verlauf ihrer knapp fünfzigjährigen Geschichte engagierten sich Persönlichkeiten wie Célestin Bouglé, Léon Brunschvicg, Ferdinand Buisson, Paul Desjardins, Arthur Fontaine, Charles Gide, Daniel Halévy, Alfred Loisy, Hubert Lyautey, Alexandre Millerand, Gabriel Monod, Jean Schlumberger und Pierre Viénot in der Union. Ziel der Dissertation Beileckes ist die "intellektuellenhistorisch sowie sozial- und zeithistorisch kontrollierte Rekonstruktion von republikanischen Diskurstypen" sowie die "Kategorisierung und Interpretation von republikanischen Ideologien als Bestandteil eines modèle républicain" (41). Hierbei geht es dem Autor auch darum, die "Rolle und Funktion intermediärer Gruppen im politisch-kulturellen Vermittlungsprozess zwischen Staat und Zivilgesellschaft" (27) zu untersuchen: Anspruch seiner Arbeit ist es, zu überprüfen, "ob und mit welchen Sinnangeboten sowie Argumentationszusammenhängen republikanische Intellektuelle spezifische politisch-gesellschaftliche Konzepte entwickelt und propagiert haben, die als Beitrag für die Grundlegung der französischen Republik als eigenständiges politisches Modell gedient haben" (355).

Um diese Fragestellung zu bearbeiten, greift Beilecke auf eine von Dietrich Busse entwickelte diskursanalytische Verfahrensweise zurück, die es ermöglichen soll, sprachlich vermittelte Sinnzusammenhänge im Kontext ihrer Entstehungsbedingungen zu untersuchen. Dementsprechend erhalten diese Bedingungen im Aufbau der Dissertation einen ebenso wichtigen Stellenwert wie die eigentliche Rekonstruktion der Union-Diskurse: Nach einer Einleitung und einem ausführlichen Theorieteil (Kapitel I und II) stellt der Autor zunächst die Dritte Republik als zeit- und sozialhistorischen Rahmen zur Vereinsgeschichte der Union pour l'Action Morale bzw. Union pour la vérité dar (Kapitel III). Als nächsten, engeren Kreis der Entstehungsbedingungen untersucht der Autor die Union-spezifischen, d. h. die intellektuellensoziologischen Aspekte der Union (Kapitel IV).

Kapitel V, der inhaltliche Kern der Arbeit, ist der Rekonstruktion republikanischer Diskurstypen in den Verbandsorganen der Union (dem Bulletin, den Libres Entretiens und der Correspondance) gewidmet. Beilecke unterscheidet vier Typen, die sich in chronologischer Folge ablösen: In den Jahren 1892 bis 1897 vertrat die Union das Projekt einer parlamentarisch-demokratischen Republik, die auf der moralpädagogischen Aufklärung der Bürger fußen sollte. Im Zuge der Dreyfus-Affäre kam ein neuer Typus auf, der die Republik auch als patriotisch-solidaristisches Projekt der Volksbildung fasste (1898-1914). In den Jahren 1914 bis 1926 bewegte sich der Union-Diskurs zwischen geistiger Mobilisierung für die französische Kriegspropaganda im Sinne einer Union sacrée und völkerrechtlichen Zukunftsvisionen für den Frieden in Europa. Von 1926 bis 1939 dominierte in der Union pour la vérité ein Diskurs, der versuchte, die Republik als pluralistisch-deliberatives Reformprojekt zu fassen: Im Gegensatz zu den vorhergehenden Typen basierte dieser letzte nicht auf einem endgültigen und universellen Wahrheitsbegriff, sondern zielte auf die Herstellung einer vernunftgetragenen "Synthese vielfältiger Meinungen, Analysen und Wahrheiten" (306).

Ausgehend von der Rekonstruktion dieser vier Diskurstypen untersucht Beilecke in einem abschließenden Kapitel VI die Rolle der republikanischen Intellektuellen bei der Konstituierung und Stabilisierung des modèle républicain. Hierbei kommt er zu dem Schluss, dass der Union-Diskurs nicht nur als "konstituierender Bestandteil des republikanischen Intellektuellenmilieus" (351) sowie als "ideolologisches Sicherheitsventil im innergesellschaftlichen Dialog" (353) fungierte, sondern dass die Union vor allem auch eine "zivilgesellschaftliche Intermediärinstanz zur Sicherung des modèle républicain" (354) war. Damit habe sie die Stabilität der Dritten Republik befördert und die "Anfälligkeit der französischen Gesellschaft für totalitäre Ideologien" (356) vermindert.

Positiv hervorzuheben ist vor allem der Anspruch der Arbeit, die ideengeschichtliche Untersuchung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten: Dem Autor geht es nicht nur um die Rekonstruktion von Ideen und ihrer Entwicklung, sondern auch um die Träger dieser Ideen und deren Wirkung auf die politische Kultur der Dritten Republik. Allerdings ist genau dieser Punkt auch eine der größten Schwächen der Dissertation: Der in Kapitel II aufgebaute theoretische Anspruch wird im Folgenden nur sehr bedingt eingelöst. Die Kapitel III und IV gehen auf weiten Strecken über eine deskriptive Bestandsaufnahme der Vereinsgeschichte nicht hinaus - was zur Folge hat, dass die analytische Verknüpfung der verschiedenen Untersuchungsebenen schwach bleibt. Dies zeigt sich besonders in Kapitel V, das zwar eine umfassende und detaillierte Rekonstruktion der Diskurse in den Verbandsorganen der Union bietet, dabei jedoch nur wenig Verbindungen zur Politik- und Sozialgeschichte der Dritten Republik zieht. Beispielsweise untersucht der Autor an keiner Stelle, welche für die jeweilige Zeit brisanten Themen im Union-Diskurs nicht zur Sprache gebracht wurden. Weiter stellt sich in Bezug auf das Kapitel V die Frage, ob überhaupt ein Unterschied dieser "Diskursanalyse" zu einer politik- und sozialgeschichtlich rückgekoppelten Ideengeschichte besteht. Dass die methodische Vorgehensweise sich, wie im Theorieteil angekündigt, grundlegend von der Ideengeschichte unterscheidet und auf eine "computer-gestützte Erfassung des gesamten Textkorpus" (53) fußt, wird für den Leser nicht ersichtlich.

Wenngleich also der im Theorieteil erhobene diskursanalytische Anspruch ein wenig zu hoch gegriffen scheint, sind die unterschiedlichen republikanischen Diskurstypen im Kapitel V dennoch sorgfältig herausgearbeitet. Demgegenüber bleibt die Frage nach der Rolle des Union-Republikanismus innerhalb des modèle républicain nur recht oberflächlich beantwortet. Die sechseinhalb Seiten des Kapitels VI, die sich mit diesem Aspekt befassen, reißen das Thema eigentlich nur an, anstatt wie behauptet "differenzierte Aussagen [...] zu formulieren" (351). Auch ist besonders an dieser Stelle zu bedauern, dass nur sehr begrenzt auf die deutsche Intellektuellensoziologie (z. B. Lepsius) zurückgegriffen wird, die in dieser Hinsicht instruktive Ansätze bietet.

Trotz der oben genannten Kritikpunkte ist Beileckes Buch durchaus lesenswert: Es befasst sich mit dem bisher noch kaum umfassend und systematisch untersuchten republikanischen Intellektuellenmilieu Frankreichs und bildet somit einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Dritten Republik. Auf einer allgemeineren Ebene hat Beileckes Buch das Verdienst, sich eingehend mit der Rolle von "Diskursen" und der Bedeutung ihrer Produzenten, in diesem Fall der Intellektuellen, für die politische Kultur moderner Gesellschaften auseinander zu setzen - eine Fragestellung, die mit Sicherheit nicht nur für Frankreichs Dritte Republik von Relevanz ist.

Rezension über:

François Beilecke: Französische Intellektuelle und die Dritte Republik. Das Beispiel einer Intellektuellenassoziation 1892 - 1939 (= Campus Forschung; Bd. 854), Frankfurt/M.: Campus 2003, 422 S., ISBN 978-3-593-37270-9, EUR 49,00

Rezension von:
Eva Oberloskamp
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Eva Oberloskamp: Rezension von: François Beilecke: Französische Intellektuelle und die Dritte Republik. Das Beispiel einer Intellektuellenassoziation 1892 - 1939, Frankfurt/M.: Campus 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/09/7690.html


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