sehepunkte 5 (2005), Nr. 6

Volker M. Schütterle: Großbritannien und Preußen in spätfriderizianischer Zeit (1763-1786)

Generationen von deutschen (und auch britischen) Historikern haben das nahe liegende (und auch von vielen deutschen Politikern im 19. und frühen 20. Jahrhundert oft genug beschworene) Bild tradiert, nach dem preußisch-britischen Bruch von 1762 sei das Verhältnis beider Staaten von stärksten Animositäten und Antipathien geprägt gewesen, die es erst in einer beiderseitigen Krisensituation in den mittleren 1780er-Jahren zu einer vorsichtigen und eher halbherzigen Wiederannäherung hätten kommen lassen. Die Heidelberger Dissertation modifiziert dieses Bild erheblich, ja: verkehrt es in sein Gegenteil - der Zeitraum zwischen 1763 und 1786 müsse geradezu als Höhepunkt britischer Borussophilie eingestuft werden (363).

Von ihrem methodischen Ansatz her zwischen Rezeptionsgeschichte, Mentalitätsgeschichte und Sozialgeschichte angesiedelt, dabei eher annalistisch vorgehend (was aber kein Nachteil ist) und stark auch auf innerbritische Differenzen abhebend, schließt die Studie unmittelbar an Manfred Schlenkes Habilitationsschrift von 1963 ab, die die ungeheure Popularität Friedrichs II. auf der Insel unmittelbar vor und während des Siebenjährigen Krieges herausgearbeitet hatte. In dieser Hinsicht, so der überraschende, sich auf ungedrucktes Material sowie die Presse, die Pamphlete-, Memoiren- und wissenschaftliche Literatur stützende Befund des Verfassers, trat in Großbritannien überhaupt kein Bruch ein; vielmehr blieb es bei einer bemerkenswerten Hochschätzung des Preußenkönigs und seines Gemeinwesens in der öffentlichen Meinung des Inselreichs, die konstant war, allenfalls Anfang der 1770er-Jahre eines ökonomischen Streitpunkts wegen kurzfristig etwas abebbte und sich gegen Ende der Regierungszeit des Hohenzollern noch einmal deutlich steigerte. Der Verfasser liefert dafür ein ganzes Bündel von Erklärungsgesichtspunkten, von denen der der religiös-konfessionellen Nähe (Protestant hero) zur Genüge bekannt ist, dem Phänomen zur Gänze aber nicht gerecht wird. Bei der Gesamtwürdigung des Phänomens seien vielmehr noch zahlreiche andere Gesichtspunkte zu berücksichtigen: eine gewisse, geradezu semi-religiöse Formen annehmende Dankbarkeit, dass Preußens Waffenbrüderschaft erst die militärischen Erfolge in Übersee ermöglichte, Hochschätzung von Friedrichs Wiederaufbaumaßnahmen nach dem Krieg (Rétablissement), die zu der Einschätzung führte, dass die beiden Völker sozusagen auf derselben Augenhöhe zueinander stünden, vor allem aber Gemeinsamkeiten auf militärischem Gebiet.

Das vom Verfasser hier zusammengetragene Material ist in der Tat beeindruckend, zeigt es doch, wie sogar die praktische Militärpolitik des Inselstaats sich immer deutlicher am Vorbild Preußens orientierte: die dortigen Militärordnungen übernahm, Offiziere zwecks Weiterbildung nach Berlin entsandte, sogar Kriegsschiffe preußisch zu benennen suchte. Diese mentale Nähe, die einen deutlichen innerstaatlichen "Bellizismus" nach sich zog, scheint in Schottland noch ausgeprägter gewesen zu sein, was sich unter anderem dann auch darin niederschlug, dass unter den zum breiten Strom werdenden Briten, die auf ihrer Grand tour in Preußen Station machten oder eigens dorthin reisten, die Schotten den ersten Platz einnahmen. Die Preußenorientierung der britischen Öffentlichkeit und sogar der Wissenschaft (Adam Smith und viele andere) hat - und hier gewinnt die Studie dann wirklich einen über das rein Beziehungsgeschichtliche hinausgehenden Akzent - offenbar sogar im Staatsdenken tiefe Spuren hinterlassen, in dem "preußische" Werte (Freiheit!) plötzlich einen ganz neuen Stellenwert gewannen und sogar eine deutliche Tendenz sich abzeichnete, das preußische fürstenorientierte Herrschaftsmodell für überlegener und zukunftsträchtiger zu halten als das eigene. Selbst Georg III. und die königliche Familie konnten sich diesem "Prussifizierungsprozeß" nicht entziehen und veränderten seit den frühen 1780er-Jahren ihre persönlich-dynastischen Beziehungen zu den Hohenzollern und ihre Außenpolitik gegenüber dem nordostdeutschen Aufsteiger-Staat erkennbar.

Die Fülle des vom Verfasser zusammengetragenen Materials aus ganz unterschiedlichen Sphären erlaubt es nicht, an der Schlüssigkeit der These von der ungebrochenen Preußennähe der britischen Öffentlichkeit auch nach dem Abschluss des Siebenjährigen Krieges zu zweifeln, die sich wohl erst um 1813 zum Negativen hin veränderte. Das Bild ist eindeutig, obwohl man sich natürlich darüber im Klaren sein muss, dass Gegenstimmen hier gar nicht oder allenfalls am Rande zum Tragen kommen. Ob man das als zeitweisen "Rechtsruck" des Inselstaats bezeichnet (378), den Vorgang als "drittes Mirakel" des Hauses Brandenburg einstuft (27) oder nicht: die Befunde scheinen Clarks revisionistische These von dem viel größeren Fundus an substanziellen Gemeinsamkeiten zwischen Großbritannien und den "absolutistischen" kontinentalen Staaten von einer überraschenden Seite her zu bestätigen. Leider konnte sich der Verfasser dieser auch gut lesbaren, durch eine Reihe von Beilagen (Preußentourismus, britische Nachrufe auf Friedrich) zusätzlich an Gewicht gewinnenden Studie nicht entschließen, ihr ein Register beizugeben.

Rezension über:

Volker M. Schütterle: Großbritannien und Preußen in spätfriderizianischer Zeit (1763-1786) (= Heidelberger Abhandlungen zur Mittleren und Neueren Geschichte. Neue Folge; Bd. 13), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2002, XIV + 542 S., ISBN 978-3-8253-1460-6, EUR 64,00

Rezension von:
Heinz Duchhardt
Institut für Europäische Geschichte, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Heinz Duchhardt: Rezension von: Volker M. Schütterle: Großbritannien und Preußen in spätfriderizianischer Zeit (1763-1786), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2002, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/06/7220.html


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