sehepunkte 5 (2005), Nr. 6

Corinna Treitel: A Science for the Soul

In einer okkulten Lehre wie etwa der Astrologie, so schrieb Adorno einmal, "spiegelt sich, zu welchem Maß wissenschaftliches Denken zwangsläufig die Totalität der Erfahrung [...] spaltet. Scheinhaft, wie mit einem Schlag fügt [die Astrologie] das Getrennte wieder zusammen, verzerrte Stimme der Hoffnung, das Auseinandergerissene sei doch zu versöhnen". Diese Sätze hätten sich gut als Motto für Corinna Treitels Geschichte des deutschen Okkultismus geeignet. Denn das Okkulte, dessen verschiedene Erscheinungsweisen in Deutschland zwischen 1870 und 1940 Treitel untersucht, repräsentierte weder eine antiwissenschaftliche noch eine antimoderne Flucht des Bürgertums in die Sphären der Magie, des Mythos und des Übernatürlichen. Vielmehr war der Okkultismus - so die Hauptthese des Buches - seinen Anhängern ein Medium der eigenen Anpassung an die Moderne durch die Harmonisierung von Widerspruchserfahrungen, die Verwissenschaftlichung des Unwissenschaftlichen und die Rationalisierung des Irrationalen.

Dass die vielen verschiedenen okkultistischen, monistischen und neureligiösen Bewegungen im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht nur Reaktionen auf gesellschaftliche Modernisierungskrisen waren, sondern vor allem auf ein zunehmend dominantes wissenschafts- und technikzentriertes Weltbild reagierten, war schon Zeitgenossen wie Max Weber klar. Und auch die heutige Forschung verweist auf diesen Zusammenhang, allerdings meist in Form einer schlichten Entgegensetzung des modernen wissenschaftlichen und des antimodernen okkulten Weltbilds. Dabei hatte schon Max Weber 1919 den eigentlichen Ursprung des Okkultismus in der modernen Wissenschaft selber verortet, deren fortlaufende "Entzauberung der Welt" zur Folge habe, dass man nun auch das der Wissenschaft nicht Zugängliche - das Monumentale, das Religiöse, das "prophetische Pneuma" - nach Maßgabe der Wissenschaft zu "ergrübeln" versuche. Es ist diese Perspektive (abzüglich der Weber'schen Kulturkritik), die sich Treitel zu Eigen macht, um sie an einer Fülle von Beispielen zu belegen und zu plausibilisieren.

Schon der Beginn einer breiteren, auch öffentlich diskutierten Okkultismusbewegung in Deutschland in den 1870er- und 1880er-Jahren hing eng mit der Herausbildung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammen: der Psychologie. Von Wilhelm Wundt und Hermann von Helmholtz bis zu Eduard von Hartmann und schließlich Sigmund Freud war die frühe Psychologie von Überlegungen und Experimenten geprägt, die sich immer wieder mit Phänomenen des Okkulten befassten, mit den Effekten spiritistischer Sitzungen, mit Hypnose, menschlichen Medien oder mit Konzepten einer "vierten Dimension" oder einer "Geistwelt." Diese Debatten wiederum wurden rasch von den zahllosen anderen sozialkulturellen Bewegungen des fin-de-siècle aufgegriffen, von großen Teilen der Reform- ebenso wie der völkischen Bewegungen, die sich faktisch sowieso weit überlappten und ihrerseits einen Anspruch auf die wissenschaftliche Fundiertheit ihrer Forderungen und Programme erhoben.

Spätestens um 1900, so Treitel, lässt sich vom Okkultismus als einer Massenbewegung sprechen. So soll es nach offizieller Schätzung 1901 allein in Berlin etwa 600 Personen gegeben haben, die sich als 'Medien' zur Kontaktaufnahme mit jenseitigen Welten anboten. Trotz, oder besser: gerade wegen der regelmäßigen Skandale, die mit der Aufdeckung von Schwindlern einhergingen, erhielten die okkultistischen Vereine auch weiterhin regen Zulauf. Allein in den deutschen Großstädten zählt Treitel zwischen 1870 und 1935 über 200 solcher Vereinigungen, von der 'Gesellschaft für parapsychologische Forschung' über den 'Bund der Wahrheitskämpfer' bis zum 'Gralorden'. Auch mit Blick auf die Organisationsgeschichte des Okkultismus betont Treitel seinen modernen Charakter. Inhaltlich mögen viele seiner Anhänger der modernen Marktökonomie kritisch gegenüber gestanden haben, die Popularisierung ihrer eigenen Ideen aber gehorchte ganz den Regeln der modernen Konsumkultur.

Die politische Orientierung des deutschen Okkultismus untersucht Treitel vor allem am Beispiel der Theosophie, einer auf westlicher Wissenschaft und einem modernisierten Buddhismus beruhenden Lehre der Selbstentdeckung und Menschheitsverbesserung, die in Deutschland sowohl die Anthroposophie Rudolf Steiners als auch die "Ariosophie" völkischer Provenienz beeinflusste. Statt das Phänomen aber - wie es lange üblich war - entlang dieser politischen Varietäten zu typologisieren, rückt Treitel die Macht des Okkultismus, parteipolitische Grenzen zu überspringen, in den Vordergrund. So kann sie überzeugend zeigen, auf welche Weise halb wissenschaftliche, halb spirituelle Vorstellungen unterhalb der Ebene politischer und auch sozialer Konflikte nicht nur überleben konnten, sondern zu einem Medium der übergreifenden, kollektiven Selbstverständigung im deutschen Bürgertum wurden, die im politischen Raum kaum mehr denkbar war. Zu Recht zieht Treitel daher am Ende des Kapitels eine Parallele zur Eugenik, die bis 1933 in ähnlicher Weise so populär wie politisch uneindeutig war.

Noch deutlicher wird dieser Aspekt, wenn Treitel die Wege rekonstruiert, auf denen theosophische ebenso wie andere Formen des Okkultismus auch den kreativen Geist der Jahrhundertwende und die als 'klassische Moderne' bekannte künstlerische Avantgarde beeinflusst haben. Und schließlich wirkte der Okkultismus ausgerechnet auf jene Bereiche der 'seriösen' Wissenschaft zurück, die ihre eigene Fortschrittlichkeit durch konkrete Anwendung zu beweisen suchten. Im Kontext einer übergreifenden "Verwissenschaftlichung des Sozialen" bemühten sich Kriminologen, Psychologen, Bevölkerungswissenschaftler, Ingenieure und Sozialmediziner um neue Techniken der Beobachtung, Erklärung und Regulierung sozialen Handelns. Und gerade sie rekurrierten zumindest versuchsweise auf okkulte Phänomene und Praktiken.

Unter dem Titel "Policing the Occult" wirft Treitel schließlich einen Blick auf die Gegner des Okkultismus und ihre Versuche, das Phänomen unter Kontrolle zu bringen: der Staat, der meist im Zusammenhang mit Betrugsverfahren auftrat (allein das bayerische Strafgesetz kriminalisierte die so genannte "Gaukelei" offiziell), und die Kirche, die sich über die Verbreitung falscher Gottesvorstellungen sorgte und ihre Autorität in Glaubensfragen gefährdet sah. Den Abschluss bildet ein Kapitel über die Zerschlagung der Okkultismusbewegung im 'Dritten Reich'. Während sich der Okkultismus in der Weimarer Zeit, so Treitel, grundsätzlich darauf verlassen konnte, im Namen der Offenheit einer liberalen Gesellschaft ein Recht auf seine Existenz und sein alternatives Weltbild zu haben, seien das NS-Regime und besonders die SS konsequent und schonungslos gegen jede Form des Okkultismus vorgegangen.

Es ist allein dieses letzte Kapitel in Treitels Buch, das den Leser ein wenig unbefriedigt lässt. Denn die Motive der Nazis, den Okkultismus "auszumerzen", werden nicht wirklich deutlich, und Treitel hängt einem wenig komplexen Bild des Dritten Reichs als einem totalitären Machtstaat an, der 1933 errichtet wurde und die deutsche Gesellschaft nach seinem Willen umgestaltete. Der dem Nationalsozialismus eigene Okkultismus wird so wenig behandelt, dass eine mögliche Motivation der Verfolgung - die Ausschaltung von Konkurrenz - nicht thematisiert wird. Von hier aus wird ein weiteres Problem der Studie deutlich: Ein gewisser Widerspruch besteht zwischen Treitels überzeugender Analyse des Okkultismus als einem vielfach ausstrahlenden und einflussreichen Phänomen einerseits und seiner Präsentation als eine dann doch geschlossene 'Bewegung', die man zerschlagen konnte, andererseits.

Wenn Treitels These zutrifft, dass der Okkultismus ein Schlüsselphänomen der Reaktion deutscher Bildungsbürger auf Modernisierungserscheinungen war ("meeting the challenge of living meaningful lives in their 'disenchanted' age," 28) und die therapeutische Funktion einer Versöhnung von Wissenschaft und Mystik hatte, dann erscheint es verfehlt, ihn als eine Bewegung zu betrachten, mit einem Anfang und einem eindeutigen Ende. Gerade die von Treitel überzeugend hervorgehobene Modernität des Okkultismus und seine Verflechtung mit Religion, Wissenschaft, Kunst und auch dem politischen Denken der Zeit machen sein plötzliches Verschwinden (trotz Verfolgung) zweifelhaft. Zumindest hätte man sich eine genauere Untersuchung jener Verflechtungen und Einflüsse auch für die Zeit nach 1933 gewünscht. Und dies umso mehr, als der Okkultismus auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert virulent blieb und heute unter dem Namen 'New Age' eine unübersehbare Renaissance erlebt.

Trotz dieser Einwände aber bleibt Treitels Studie unbedingt lesenswert, insofern sie insgesamt eine so umfassende wie detaillierte und in ihren Grundthesen überzeugende Analyse des Okkultismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert darstellt.

Rezension über:

Corinna Treitel: A Science for the Soul. Occultism and the Genesis of the German Modern, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2004, X + 366 S., 14 Abb., ISBN 978-0-8018-7812-1, USD 46,95

Rezension von:
Christian Geulen
Universit├Ąt Koblenz-Landau
Empfohlene Zitierweise:
Christian Geulen: Rezension von: Corinna Treitel: A Science for the Soul. Occultism and the Genesis of the German Modern, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/06/6500.html


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