Rezension über:

Robert Fowler (ed.): The Cambridge Companion to Homer, Cambridge: Cambridge University Press 2004, XVII + 419 S., ISBN 978-0-521-01246-1, GBP 18,99
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Rezension von:
Karl-Wilhelm Welwei
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Wilhelm Welwei: Rezension von: Robert Fowler (ed.): The Cambridge Companion to Homer, Cambridge: Cambridge University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/7715.html


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Robert Fowler (ed.): The Cambridge Companion to Homer

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Der Sammelband enthält ein breites Spektrum vorzüglicher Homerinterpretationen, die nach der Konzeption des Herausgebers und der Autoren der einzelnen Beiträge sowohl Anregungen für die Forschung als auch wichtige Informationen für Studierende der Altertumswissenschaften bieten sollen. Allerdings wird bereits in der Einleitung darauf hingewiesen, dass das Kompendium sich primär an Leser im angelsächsischen Sprachraum wendet und dementsprechend Sekundärliteratur in anderen Sprachen nur ausnahmsweise im Anmerkungsapparat und im Literaturverzeichnis berücksichtigt werden kann. Die selektiven Literaturangaben entsprechen einem leider verbreiteten Trend, der letztlich zu einer erheblichen Einschränkung der wissenschaftlichen Kommunikationsmöglichkeiten führt und jedenfalls nicht mit einem generell hohen Standard der offenbar vor allem aus sprachlichen Gründen bevorzugten Publikationen gerechtfertigt werden kann. Der Herausgeber bringt übrigens hierüber andeutungsweise sein Bedauern zum Ausdruck.

Im ersten Teil des Bandes werden in mehreren Aufsätzen Aspekte der epischen Erzählkunst erörtert. Donald Lateiner (11-30) betont, dass man die homerischen Epen im Kontext ihrer zeitgenössischen Wertvorstellungen lesen muss, um die Emotionen und Verhaltensweisen der handelnden Personen zu verstehen. Michael Silk (31-44) verdeutlicht die Fülle der Erfahrungen, die von den unterschiedlichsten Gesellschaften in der Zeit der epischen Dichter gemacht werden konnten. Ruth Scodel (45-55) ist der Auffassung, dass das unbefangene heutige Publikum die homerischen Erzählungen genießen möchte und sich vom Diskurs der "Unitarier", der "Verteidiger" der Einheit der Epen, und der "Analytiker", die verschiedene Entstehungsphasen annehmen und die 'Ilias' und 'Odyssee' in eine Mehrzahl von Gesängen gliedern, ebenso wenig beeindrucken lässt wie von den Anhängern einer strukturalistischen Methode oder von einer generellen Problematisierung der epischen Darstellungsweise.

Im zweiten Teil wird die epische Charakterisierung von Göttern und Menschen interpretiert. Emily Kerans (59-73) analysiert die Unterschiede in der Darstellung der Götter in der 'Ilias' und in der 'Odyssee', während Michael Clarke (74-90) Beispiele für die Motive heroischen Handelns herausragender epischer Gestalten erläutert und hieraus Rückschlüsse auf vorgegebene soziale und psychologische Handlungsmuster in der Entstehungszeit der Epen zu ziehen versucht. Als Ergänzung zu dieser Betrachtungsweise ist wohl die Studie zu den Geschlechterrollen sowie zu den epischen Frauengestalten und zur Bewertung der Brutalität des Krieges von Nancy Felson und Laura M. Slatkin zu sehen (91-114). In diesem Beitrag ist die Verengung des Blickwinkels durch die Literaturauswahl besonders bedauerlich. Man vermisst etwa die Berücksichtigung des Urteils von Christa Wolf über die epische Charakterisierung Achills. [1]

Thema des folgenden dritten Teiles des Bandes sind mehrere Aufsätze zu formelhaften epischen Wendungen, zum Versmaß, zu den Gleichnissen und zu den Reden in den Epen. Der zentrale vierte Teil enthält zweifellos die ergiebigsten Beiträge. John Miles Foley (171-187) ordnet die homerischen Epen als Literaturgattung in einen weltweiten Kontext ein, um Gemeinsamkeiten epischer Dichtungen in allen Kontinenten aufzuzeigen. Er betont aber zugleich auch die Einzigartigkeit und Sonderstellung der 'Ilias' und der 'Odyssee'. Ken Dowden (188-205) unternimmt den Versuch, die homerischen Epen über die mykenische Palastkultur bis auf eine so genannte indo-europäische Dichtung zurückzuverfolgen, räumt aber ein, dass sich die Spuren im "Nebel der Vorgeschichte" verlieren. "Homer" hat nach seiner Auffassung in "aristokratischen" Häusern sein Werk vollendet und im Rahmen religiöser Feste in der Entstehungszeit der Polis vorgetragen. Insofern vertritt Dowden einen unitarischen Standpunkt, den er indes nicht detailliert begründet. Eine kurz gefasste Strukturanalyse der Gesellschaft in dieser bedeutenden Formierungsphase der frühen griechischen Gemeinwesen legt Robin Osborne vor (206-219). Er bezieht aber in seine Reflexionen auch die Palastkultur der Späten Bronzezeit ein und skizziert sowohl die Grundzüge der mykenischen Herrschaftssysteme als auch die im Gräberkult sich manifestierende Ahnenverehrung und das in Freskendarstellungen zum Ausdruck gebrachte Selbstverständnis der Burgherren. Des Weiteren kontrastiert er hiermit den langen gesellschaftlichen Transformationsprozess in den "Dunklen Jahrhunderten", der zumindest in Umrissen aus dem archäologischen Befund zu erschließen ist. Ferner weist er mit Recht darauf hin, dass die Ausweitung der Kontakte und der hiermit verbundene Austausch von Gütern und neuen Erfahrungen und Ideen auch für die Entstehung der Epen große Bedeutung gewonnen hat. Er wertet die homerische Poesie als "highly political" und Spiegel ihrer Zeit (211). Des Weiteren erinnert er daran, dass Autorität und Machtstellung der Leiter der Gemeinwesen durchaus prekär waren und durch Misserfolge infrage gestellt werden konnten, während andererseits in homerischer Zeit erfolgreiche Kriege als Mittel zur Gewinnung größerer Ressourcen sowie eines höheren sozialen Status galten und im Übrigen die Herausbildung einer gesamthellenischen "Adelskultur" nicht ausgeschlossen haben. Osborne ergänzt seine Ausführungen über Gesellschaftsstrukturen und Entwicklungslinien im "homerischen" Griechenland durch den wichtigen Hinweis, dass die epische Dichtung in der vorliegenden Form auch "soziale Erinnerung" in den damaligen Gemeinwesen voraussetzt.

Die hiermit angedeutete Thematik ist ein Teilaspekt der so genannten homerischen Frage, die Robert Fowler erörtert (220-232). Es handelt sich um das seit Langem kontrovers diskutierte Problem, von wem und auf welche Weise die 'Ilias' und die 'Odyssee' geschaffen wurden. Fowler skizziert in einem konzisen Forschungsüberblick die Positionen der Unitarier und der Analytiker und betont in Sonderheit die Bedeutung der von Milman Parry inaugurierten "Oral Poetry-Theorie". Nach eingehender Diskussion der unterschiedlichen Argumente kommt Fowler zu dem Schluss, dass die 'Ilias' und die 'Odyssee' erstaunlich viele innovative Elemente in der Präsentation des Stoffes und in ihrer Zielsetzung haben. Er wertet dies als Reaktionen auf ältere Traditionen und vertritt die Auffassung, dass die Dichtungen als neue Textgattung von mündlich vortragenden Dichtern konzipiert worden seien (230). Die Vorstellung, dass die Dichter die Texte geschrieben und gleichsam "mit der Feder in der Hand" korrigiert hätten, sei anachronistisch. Er hält es aber für möglich, dass sie längere Passagen nach vorausgehender gedanklicher Konzeption fixierten und die traditionelle Art der Komposition beim Vortrag nicht "über Nacht" aufgaben.

Der Schlussteil des Bandes enthält eine Reihe von Essays zur Rezeptionsgeschichte der homerischen Epen. Die Spannbreite reicht vom Homerbild in der griechisch-römischen Welt über die Bedeutung der Dichtungen für die englische Epik und für die Romantik bis zur Wahrnehmung der großen Epen in der Gegenwart. Hervorgehoben seien neben den Reflexionen von Vanda Zajko (311-323) über den Einfluss der 'Odyssee' auf den 'Ulysses' von James Joyce die Beiträge von James I. Porter (324-343) zur Idealisierung Homers in der europäischen Geistesgeschichte und von Lorna Hardwick (344-362) zur gegenwärtigen Homerrezeption. Porter betont die Zeitlosigkeit Homers in der altertumswissenschaftlichen Forschung und in der allgemeinen Bildungsgeschichte. Er weist aber auch darauf hin, dass die Schrecken der beiden Weltkriege und die Vietnam-Erfahrung eine Neuinterpretation der Thematisierung der Gewalt in den Epen evoziert haben. Lona Hardwick führt aus, dass eine kritische Analyse der von Homer repräsentierten Werteordnung auch ein Indiz für einen kulturellen Wandel sei. Sie begrüßt es, dass die Homerrezeption in der Literatur und Kunst nach wie vor aktuell ist, bedauert aber, dass die Vertrautheit mit den epischen Texten nicht mehr als zentrales Bildungsgut gesehen wird.

Das vorliegende "Companion" ist vor allem für Studierende der Altertumswissenschaften von einigem Nutzen. Jeder Artikel bietet im Anhang wichtige Literaturhinweise zu der jeweils behandelten Thematik. Die rezeptionsgeschichtlichen Beiträge vermitteln auch für einen breiteren literarisch interessierten Leserkreis viele Anregungen.


Anmerkung:

[1] Christa Wolf: Kassandra, Darmstadt / Neuwied 1983. Vgl. B. Effe: Der Homerische Achilleus. Zur gesellschaftlichen Funktion eines literarischen Helden, in: Gymnasium 95 (1988), 15 f.

Karl-Wilhelm Welwei