Rezension über:

Trevor Murphy: Pliny the Elder's Natural History. The Empire in the Encyclopedia, Oxford: Oxford University Press 2004, X + 233 S., ISBN 978-0-19-926288-5, GBP 50,00
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Rezension von:
Heinrich Schlange-Schöningen
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Heinrich Schlange-Schöningen: Rezension von: Trevor Murphy: Pliny the Elder's Natural History. The Empire in the Encyclopedia, Oxford: Oxford University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/6839.html


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Trevor Murphy: Pliny the Elder's Natural History

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Die umfangreiche "Naturgeschichte" Plinius' des Älteren, der als Angehöriger des Ritterstandes eine erfolgreiche Laufbahn militärischer und ziviler Ämter absolvierte, Vespasian und Titus als Ratgeber diente, zuletzt die kaiserliche Flotte von Misenum kommandierte und bei dem Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Christus ums Leben kam, stellt die erste überlieferte Enzyklopädie der Antike dar. Die Gattung selbst ist eine römische Erfindung, die mit der Etablierung des monarchischen Regiments unter Augustus zusammenfällt. Für das verfügbare Wissen will Plinius mit seiner naturalis historia "Schatzkammern" (thesauri) bereitstellen, und so versammelt er in 37 Büchern, wie er selbst in seiner Einleitung feststellt, 20.000 "Gegenstände, die der Aufmerksamkeit wert sind". Das Werk erschließt sich dem Leser nur mit Mühe, da neben der groben Gliederung in Kosmologie, Geografie, Anthropologie, Zoologie, Botanik, Medizin, Mineralogie und Kunstgeschichte eine jeweils innere Ordnung nicht konsequent umgesetzt wird. Immer wieder lässt sich Plinius von einem Thema ablenken, und die durch Assoziationen ausgelösten Einschübe nehmen dabei mitunter die Gestalt großer und eigenständiger Kapitel an. Korrespondierend zu der assoziativen Binnenstruktur des Werkes, trifft der Leser auch auf eine unruhige Sprachform, die bisweilen meanderartige Sätze mit häufigem Subjektswechsel produziert und die Stilkritiker zu harschen Urteilen über Plinius veranlasst hat (34-36).

Murphy nähert sich dem Werk mit einem strukturalistischen Ansatz, und in der Tat wird hier wieder einmal deutlich, welcher Erkenntnisgewinn durch diese Methode zu erzielen ist. Murphy geht von der Annahme aus, dass Enzyklopädien die zeitgenössische Weltsicht spiegeln, sich in der Auswahl und Gestaltung ihrer Einträge also die moralischen Wertungen und kulturellen Systeme wieder finden lassen, in denen sich die Autoren und ihre Leser bewegt haben. So gesehen, müsste sich die "Naturgeschichte" als ein Dokument des römischen Weltherrschaftsverständnisses, wie es seit Augustus propagiert wurde, erweisen und zudem die inneren Strukturen der Macht im römischen Imperium widerspiegeln. Um diese Annahme zu verifizieren, untersucht Murphy, nachdem er eingangs die Gestalt der "Naturgeschichte" (29-48) und die Bedeutung von "Wissen" als eines "Wertgegenstandes" in der frühen römischen Kaiserzeit (49-73) erörtert hat, die von Plinius in die Darstellung der Geografie beziehungsweise der Botanik eingesetzten ethnografischen Berichte, in denen der kulturelle und ideologische Hintergrund der "Naturgeschichte" besonders deutlich wird (77-193).

Die die Lektüre erschwerenden Besonderheiten der "Naturgeschichte", deren Inhalt über Assoziationen, Analogien und Kontraste entwickelt wird und die folglich zur Orientierung des Lesers eines ausführlichen Inhaltsverzeichnisses bedarf (39), überraschen umso mehr, als Plinius ausdrücklich ankündigt, seinen Stoff ohne Abschweifungen präsentieren zu wollen. Gleiches gilt für die Wundergeschichten, auf die der Autor verzichten will, die er dann aber doch recht häufig ins Spiel bringt. Murphy erklärt diese Inkonsequenzen mit Plinius' Absicht, den Leser an den Stoff zu fesseln, wofür er seine Enzyklopädie der antiken Mirabilien-Literatur annähern musste (18-22; 38-41).

Eine weitere Besonderheit der "Naturgeschichte" besteht in dem auffälligen Zurücktreten des Autors hinter seinem großen Werk. So verzichtet Plinius nicht nur darauf zu erläutern, nach welchen Prinzipien er arbeitet (32); er beseitigt auch nicht die Widersprüche in der Bewertung der Glaubwürdigkeit des vom ihm Berichteten (9 f.). Hier wie auch sonst stellt Plinius nicht seine eigenen Überlegungen, sondern seine Quellen in den Vordergrund, wobei er in einer für die antike Literatur ungewöhnlichen Regelmäßigkeit auch die Autoren nennt, aus deren Werken er geschöpft hat (53 f.). Plinius erklärt es sogar zu seiner Pflicht, die in Form von Wissen erhaltenen "Gaben" dadurch zu kompensieren, dass der Geber namentlich in seinem Werk erscheint (62-66). Hier wird, wie Murphy erläutert, der freundschaftsbetonte Austausch innerhalb der römischen Aristokratie auf den Bereich der Wissensvermittlung angewandt, wobei dann aber letztlich der spätere Kaiser Titus, dem Plinius die "Naturgeschichte" widmete, die Wissenssammlung legitimieren und dadurch ihr Fortleben sichern sollte (54-61). Da bedeutender Wissensgewinn, wie Murphy etwa am Beispiel der Erforschung der Nilquellen deutlich macht (141-144), allein der herrschaftlichen Autorität zustand, musste Plinius zu vermeiden suchen, durch zu starke eigene Präsenz im Werk den Widerspruch des Prinzen herauszufordern. Für Murphy stellt das Zurücktreten des Autors also eine geschickte Strategie zur Überlebenssicherung des eigenen Werkes dar (203-211). Diese These hat viel für sich, bedarf aber sicherlich der weiteren Diskussion, da die Prinzen oder Kaiser ja keineswegs die einzige Instanz darstellten, von der das Schicksal eines literarischen Werks abhing. Plinius fühlte sich Titus, mit dem er bei der Belagerung von Jerusalem 70 nach Christus das Zelt geteilt hatte, persönlich eng verbunden, und der Prinz stand darüber hinaus im Ruf großer geistiger Fähigkeiten und Interessen. Auch die bemerkenswerte Nachricht, Plinius sei während der Abfassungszeit der "Naturgeschichte" von einem gewissen Larcius Licinius das Angebot gemacht worden, seine Stoffsammlung für 400.000 Sesterzen zu verkaufen (54 f.), zeigt, dass Plinius' Zurückhaltung als Autor nicht als zeittypisch gelten kann.

Wenn mit diesen Ausführungen bereits die übergreifende Deutung der "Naturgeschichte" als einer auf den Kaiser ausgerichteten Datensammlung zusammengefasst ist, zu der Murphy im Verlauf seiner Arbeit gelangt, so muss kurz auch noch auf die Zwischenstufen seiner Argumentation eingegangen werden, die den Charakter zumindest des ethnologischen und geografischen Wissens, das in der "Naturgeschichte" gesammelt ist, als imperial und "triumphal" bestimmen. Dieser Charakter kommt nicht nur dadurch zu Stande, dass aus Plinius' Sicht ein gewichtiger Teil des verfügbaren Wissens als Ertrag der römischen Expansion zu verstehen und römischen Feldherrn oder Angehörigen der kaiserlichen Dynastien zu verdanken ist (130; 141 f.; 163), oder dadurch, dass Plinius Geografie als Eroberungsgeschichte und als Beschreibung eines Herrschaftsraumes behandelt (129-164). Deutlich wird vielmehr auch, dass das römische Wertgefüge, als dessen höchster Wächter sich ein jeder Prinzeps seit Augustus zu verstehen hatte, tief greifende Auswirkungen auf die Berichterstattung hat, wie an den Informationen über fremdländische Waren sichtbar wird, die auf dem römischen Markt angeboten wurden. Dass in die Informationen über einzelne Waren moralische Wertungen eingewoben sind, zeigt sich zum Beispiel an Plinius' Behandlung des arabischen Weihrauchs, der sich im Verlauf eines langwierigen Handelswegs aus einem in seinem Herkunftsland als Opfergabe verwendeten, also religiös konnotierten Naturprodukt in einen seiner ursprünglichen Bedeutung beraubten, damit eigentlich funktionslos gewordenen und nur durch die Mühe seiner Beschaffung wertvollen Luxusartikel verwandelt (96-105). Übermäßiger Luxus jedoch führt nicht nur zu einer für Rom negativen Handelsbilanz, sondern bedroht auch die innere Stabilität Roms (97). Murphy erwähnt in diesem Zusammenhang, dass Plinius' Luxuskritik auf der Linie der flavischen, an Augustus anknüpfenden Herrschaftsideologie liegt, doch hätte man sich hier eine tiefer gehende Analyse gewünscht.

Ein moralischer Bewertungszusammenhang liegt dann auch den Berichten über die Lebensweisen fremder Völker zu Grunde. Ob es sich dabei um die Einwohner der geheimnisvollen Insel Taprobane (Ceylon) handelt, die als "Primitive" in einer Art verkehrter Welt unbeschwert einen naturgegeben Reichtum konsumieren und damit die grundsätzliche Vereinbarkeit eines gemäßigten Luxus mit einer gerechten Herrschafts- und Gesellschaftsform demonstrieren (105-108; 110-113), um die Essener, die in denkbar negativer Weise eine weltabgewandte und weltverachtende Askese betreiben (113-118), um die glücklichen Hyperboreer, die ihrem Leben allein aus Sattheit schließlich selbst ein Ende setzen, womit sie den Selbstmord als entscheidende Grundlage persönlicher Freiheit erweisen und zu einem positiven Vorbild für jene römischen Aristokraten werden, die den Mut zum Widerstand gegen tyrannische Kaiser fanden (118-128), oder schließlich um die Chauken, die im unwirtlichen Norden Germaniens, das heißt an den chaotischen Rändern der Welt, ein aufgrund der natürlichen, klimatischen Gegebenheiten außerhalb jeder Zivilisationsmöglichkeit stehendes Leben führen (166-174), auf positive oder negative Art zielt die ethnografische Darstellung bei Plinius immer wieder darauf ab, das römische Weltverständnis, in dem das eigene Machtzentrum als Ordnungsinstanz für den gesamten Kosmos verstanden wird, zu exemplifizieren: Extreme Lebensbedingungen oder Lebensweisen veranschaulichen dem Leser das Spektrum alles dessen, was möglich ist, und sie unterstreichen dabei zugleich die naturgegebene Führungsrolle, die Rom zukommt und deren Erhalt von der Durchsetzung der moralischen Prinzipien abhängt. Wie sehr Rom als Ordnungsmacht in der "Naturgeschichte" präsent ist, zeigt sich schließlich auch an der positiven Bewertung, die Plinius der cloaca maxima zukommen lässt: Im Untergrund des caput mundi ist durch den römischen Genius ein Fundament geschaffen worden, dass den Naturgewalten trotzt und damit die zivilisatorische Ordnung garantiert (188-193), eine Leistung, zu der etwa die Chauken schon naturbedingt nicht in der Lage sind.

Wenn Plinius seine Ethnografie aber an dem zuerst von Vergil formulierten Leitsatz der augusteischen Weltherrschaftsideologie, Rom verfüge über ein imperium sine fine, ausgerichtet hat (174-176), so wäre vor diesem Hintergrund auch eine Untersuchung der Frage interessant gewesen, welche Stellung denn dem Partherreich in der "Naturgeschichte" zugewiesen wird. Hatte sich die augusteische Propaganda, wie etwa bei Horaz festzustellen ist, noch alle Mühe gegeben, das östliche Weltreich als schwächliches und friedensbedürftiges Gegenüber zu minimalisieren, so war doch im weiteren Verlauf der frühen Kaiserzeit hinreichend deutlich geworden, dass von einer Unterwerfung der Parther nicht die Rede sein konnte. Plinius reagiert auf diese Situation durchaus angemessen, wenn er von Rom und dem Partherreich als den beiden summa imperia spricht (NH V,88), und bezeichnenderweise stellt er beide Reiche auch im Hinblick auf die negativen Wirkungen des Handels mit Luxusgütern nebeneinander (VI,162).

Dass man sich für diese und ähnliche Fragen noch weiterführende Überlegungen des Autors wünscht, zeigt nur, dass Murphy eine anregende Studie vorgelegt hat, bei der es sich um einen wichtigen Beitrag zur Plinius-Forschung handelt. Zusammen mit einigen weiteren, in jüngerer Vergangenheit erschienenen Untersuchungen macht Murphys Arbeit deutlich, dass die "Naturgeschichte" nicht nur als Steinbruch für einzelne, mitunter recht skurrile Informationen verwendet, sondern als ein literarisches Werk eigener Größe rezipiert werden sollte, das es verdient, in seiner Gesamtkonzeption analysiert und interpretiert zu werden.

Heinrich Schlange-Schöningen