Rezension über:

Gerald Lamprecht (Hg.): Jüdisches Leben in der Steiermark. Marginalisierung - Auslöschung - Annäherung (= Schriften des Centrums für Jüdische Studien; Bd. 5), Innsbruck: StudienVerlag 2004, 293 S., ISBN 978-3-7065-1794-2, EUR 32,00
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Rezension von:
Martha Keil
Institut für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Martha Keil: Rezension von: Gerald Lamprecht (Hg.): Jüdisches Leben in der Steiermark. Marginalisierung - Auslöschung - Annäherung, Innsbruck: StudienVerlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/6641.html


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Gerald Lamprecht (Hg.): Jüdisches Leben in der Steiermark

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Der von Gerald Lamprecht herausgegebene Band ist ein erster Überblick über die nur in Teilbereichen erforschte Geschichte der Juden in der Steiermark von den Anfängen bis in die Gegenwart und daher ein verdienstvolles Unternehmen, das für weitere Forschungen eine gute Ausgangslage bietet. Leider beschränken sich die Untersuchungen zum jüdischen Leben im Herzogtum Steier im Mittelalter auf das heutige österreichische Bundesland Steiermark, wodurch die Befunde verfälscht werden. Denn dadurch fehlt (Wiener) Neustadt mit seiner bedeutenden jüdischen Gemeinde, was allenfalls mit der umstrittenen Zugehörigkeit des Pittener Gebiets gerechtfertigt werden kann. Mit dem Weglassen der damaligen Untersteiermark im heutigen nördlichen Slowenien fällt aber vor allem Marburg / Maribor weg, geistiges und juridisches Zentrum der steirischen Juden im Mittelalter. Die mittelalterliche Synagoge wurde kürzlich restauriert und ist ein einmaliges bauliches Zeugnis.

In Marburg hatte der über die Grenzen und Generationen hinaus berühmte Rabbi Isserlein bar Petachja (1390-1460) im Wechsel mit Wiener Neustadt seinen Wohn- und Lehrsitz, seine Verwandten waren dort so wie in Graz und Judenburg Gemeindevorsteher und Rabbiner. Er hinterließ eine umfangreiche Sammlung von Rechtsgutachten, sein Schüler und Diener Joseph bar Mosche verfasste ein biografisches Werk mit detaillierten Angaben zu Recht, Ritus und Alltagsleben der Juden in diesem Gebiet. [1] Auch wenn diese herausragenden Quellen nicht vollständig übersetzt sind, gibt es doch genügend ältere und jüngere Arbeiten, die sie rezipieren und in Auswahl zitieren. [2] Mit der Nichtbeachtung dieser Quellen fehlt grundsätzlich die "innerjüdische" Sicht, die Darstellung jüdischen Lebens wird christlichen, meist obrigkeitlichen Quellen überlassen. Damit verengt sich die Darstellung auf eine Außensicht und perpetuiert die Reduzierung von Juden im Mittelalter auf Geldleiher, Händler und Opfer von Gewalt. Von innerjüdischen Interessen, Lebenswelten, Fragen und Problemlösungen nach "steirischem Brauch" und Gewohnheitsrecht ("Minhag Steier") erfahren wir nichts.

Vier Beiträge beschäftigen sich entweder ausschließlich oder teilweise mit dem Mittelalter. Markus Wenninger setzt seine Forschungen zur Anlage und Veränderung von Judenvierteln in mittelalterlichen deutschen Städten fort und zeigt am Beispiel Graz, wie das "Ghetto im Kopf" späterer Historiker die Rekonstruktion mittelalterlicher Judenviertel beeinflusste. Stephan Laux stellt die einzelnen Schritte zur Vertreibung der Juden sehr genau und im Kontext der politischen und ökonomischen Entwicklungen im Herzogtum Steiermark dar. Er hätte aber sicher einiges anders gewichtet, wäre ihm, wie er in Anmerkung 1 anführt, der 1993 erschienene Artikel von Inge Wiesflecker-Friedhuber zum Thema bereits vor Fertigstellung zur Kenntnis gelangt. Ein Hinweis der Lokalhistoriker-Kollegen oder des Herausgebers wäre hier hilfreich gewesen. Hermann Kurhas müht sich für Radkersburg durch die einzelnen Geschäftsurkunden; den sensationellen Inhalt des zitierten Vergleichs der Jüdin Seld und ihrer Familie in Steuerangelegenheiten (59) erkennt er, wie sämtliche Editoren und Bearbeiter dieser Urkunde vor ihm, nicht: Seld erweist sich nämlich damit als die bisher einzige bekannte weibliche Steuereinnehmerin Österreichs. [3]

Positiv fällt der Umgang mit dem Mittelalter im Beitrag Michael Schiestls über die Juden von Judenburg auf: Er nimmt Gedächtnisspuren in Ortsnamen, Legenden und baulichen Zeugnissen zum Anlass, die Perpetuierung von judenfeindlichen Vorurteilen und Fehlmeinungen aufzuzeigen. Seine detaillierte Beschreibung des nicht mehr erhaltenen "Lebenden Kreuzes" von St. Andrä in Leoben-Göß (98 f.), das an hasserfüllter Drastik kaum mehr zu überbieten ist, hätte gut durch eine Abbildung des in der Motivik und vielleicht sogar Ausführung identen gleichzeitigen Freskos von Thörl in Kärnten (ca. 1485-1489) illustriert werden können. [4] Kurhas wie Schiestl führen die Darstellung ihrer Gemeinden auch anhand von Einzelschicksalen bis in die NS-Zeit weiter.

Gerald Lamprecht bearbeitet die Wiederansiedlung der Juden in Graz, die wie in der gesamten Steiermark und in Niederösterreich durch die Toleranzpolitik Josephs II., den Verbesserungen durch die Revolution 1848 und dann in der bürgerlichen Gleichstellung nach dem Staatsgrundgesetz von 1867 sowie im Ausbau des Eisenbahnnetzes begründet war. Die Zuwanderung erfolgte zum größten Teil aus dem westungarischen Raum (heutiges Burgenland), aus Ungarn und zum geringen Teil aus Böhmen, Mähren und Galizien. Vor allem Kleinhändler suchten durch Geschäftsgründungen eine sichere Existenz, eine Hoffnung, die sich in den kleineren Städten oftmals nicht erfüllte und zur Abwanderung führte. Während in Judenburg und Radkersburg zwar ein reges religiöses und soziales Vereinsleben entstand, entwickelte sich nur in Graz eine eigene Organisation ("Israelitische Corporation") und schließlich, nach heftigen Streitigkeiten, 1869 eine Kultusgemeinde. Heimo Halbrainers Beitrag über die jüdischen Sportvereine "Makkabi" und "Hakoa" stellt diese in das Umfeld der allgemeinen politischen "Besetzung" von Körper, Männlichkeit und Nationalismus, verbunden mit der Stärkung jüdischer Identität in Abwehr des erstarkenden Antisemitismus. Der kurze Beitrag von Robert Breitler über die 1928 gegründete Grazer Loge der "B'nai B'rith" ist eine der seltenen Untersuchungen zu diesem bedeutenden internationalen Humanitätsverein. Wie bei den Sportvereinen war ein Motiv der Kampf gegen den Antisemitismus, getragen von Angehörigen der bürgerlichen Oberschicht wie dem Rabbiner und Historiker David Herzog und dem Nobelpreisträger Otto Loewi.

Zur NS-Zeit sind bisher die meisten Arbeiten erschienen, daher widmen sich ihr nur zwei Beiträge ausschließlich. Eduard Staudingers penibel recherchierte Untersuchungen über die "Arisierungen" ist eine trockene Aneinanderreihung von Beispielen menschlicher Niedertracht. Aussagen von Betroffenen wären eine gute Ergänzung gewesen. Dieter A. Binders kritischer Beitrag hat den Umgang der offiziellen Steiermark und deren Bewohnern mit ihrer jüdischen Vergangenheit zum Thema, der Jahrzehnte wie in ganz Österreich von Schweigen und Verleugnung geprägt war. Die Kultusgemeinde Steiermark, Kärnten und Burgenland ist laut Zählung von 2001 mit 115 (!) Mitgliedern immerhin die zweitgrößte Gemeinde nach Wien. Ihre erfolgreiche Existenzbehauptung manifestierte sich 2000 mit dem Neubau der Synagoge, der im Beitrag von Gertraud Strempfl aus architektonischer Sicht dargestellt wird. Den Abschluss des Bandes bildet Eleonore Lappins Beitrag über die Todesmärsche ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter durch die Steiermark. Nicht zuletzt durch ihre Forschungen und die Aktivitäten der "Gedenkjahre" 1988 und 2005 kam dieses völlig verdrängte Kapitel hundertfachen vorsätzlichen Mordes wieder ins Bewusstsein.

Struktur und Strategien jüdischen Lebens von der Wiederansiedlung bis zur Vernichtung inklusive der diversen Konflikte sind in ihren Grundzügen ident mit den niederösterreichischen Verhältnissen. Dieser Band bietet eine gute Grundlage für detailliertere und vergleichende Untersuchungen, die vermehrt auch lebensgeschichtliche Erinnerungen steirischer Juden erfassen und berücksichtigen sollten.


Anmerkungen:

[1] R. Isserlein bar Petachja: Sefer Terumat haDeschen, hg. von Shemuel Abitan, Jerusalem 1991; Josef bar Mosche: Leket Joscher, hg. von Jakob Freimann, Berlin 1903, ND Jerusalem 1964. Eine zentrale Quelle, Steuerordnung und Eidformel einer steirischen Rabbinerversammlung von 1415/16, ist sogar in zeitgenössischer Übersetzung vorhanden: Arthur Zuckerman: Unpublished Materials on the Relationship of Early Fifteenth Century Jewry to the Central Government, in: S. W. Baron Jubilee Volume, Jerusalem 1974, 1059-1095.

[2] Abraham Berliner: Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter, zugleich als Beitrag für deutsche Culturgeschichte. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen, Berlin 1900; Shlomo Eidelberg: Jewish Life in Austria in the XVth century, Philadelphia 1962; Shlomo Spitzer: Bne Chet. Die österreichischen Juden im Mittelalter. Eine Sozial- und Kulturgeschichte, Wien / Köln / Weimar 1997; Martha Keil: Kulicht schmalz und eisen gaffel - Alltag und Repräsentation bei Juden und Christen im Spätmittelalter, in: Grenzen und Grenzüberschreitungen: Kulturelle Beziehungen zwischen Juden und Christen im Mittelalter, in: Aschkenas 14/1 (2004), 51-81.

[3] Martha Keil: Geschäftserfolg und Steuerschulden. Jüdische Frauen in österreichischen Städten des Spätmittelalters, in: Frauen in der Stadt, hg. von Günther Hödl, Fritz Mayrhofer und Ferdinand Opll (= Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas, Bd. XVIII / Schriftenreihe der Akademie Friesach; Bd. 7), Linz 2003, 37-62, hier 60-62.

[4] Abbildung in: Klaus Lohrmann (Hg.): 1000 Jahre österreichisches Judentum, Ausstellungskatalog, Eisenstadt 1982, Bildanhang Abb. 87, Text 113 f., Nr. 45.

Martha Keil