sehepunkte 5 (2005), Nr. 3

Ludger Grenzmann / Klaus Grubmüller / Fidel Rädle / Martin Staehelin (Hgg.): Die Präsenz der Antike im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit

Die 15 Beiträge des vorliegenden Bandes gehen auf folgende Tagungen zurück: "Geschichte als Erfindung und Rekonstruktion", "Die christliche Antike im 15. und 16. Jahrhundert", "Imitatio und Textualität", "Autor und Werk". Als ein grundlegendes Phänomen der westeuropäischen Geschichte heben die Herausgeber die "Entdeckung der Diskontinuität" - das heißt die Veränderungen im historischen Bewusstsein der Renaissance, die Erkenntnis der Distanz zwischen Antike und eigener Zeit - hervor. Demgegenüber gelte für die Nachfolge-Staaten Ostroms - für Byzanz und Russland, die verdienstvollerweise Gegenstand je eines Aufsatzes sind - viel stärker ein auf Kontinuität beruhendes Traditionsverhältnis (7 f.).

Der Sammelband ist interdisziplinär angelegt. Im Vordergrund stehen einmal geschichtswissenschaftliche Fragestellungen - unter besonderer Berücksichtigung religions- und kirchengeschichtlicher Aspekte - und zum anderen literatur- und kunstgeschichtliche Probleme. In einem groß angelegten Einleitungsbeitrag untersucht Johannes Helmrath, welche Rolle die Generalkonzilien aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Konstanz (1414-1418), Basel (1431-1449) und Ferrara / Florenz (1438-1443) für die Diffusion des Renaissance-Humanismus spielten. Dabei behandelt er insbesondere die Handschriftenfunde, die Nutzung der Konzilien als Bücher- und Kopiermärkte sowie als Foren der neubelebten antiken Oratorik und schließlich die Begegnung mit Vertretern der griechisch-orthodoxen Kirche und die Bedeutung der philologisch abgesicherten Interpretation spätantiker theologischer Texte für die aktuellen Glaubenskämpfe. In Abgrenzung von älteren Auffassungen warnt der Verfasser vor einer Überbewertung der Konzilien für die Ausbreitung des Humanismus nördlich der Alpen.

Die drei folgenden Beiträge befassen sich mit der Deutung einer historischen Persönlichkeit im 14. bis 16. Jahrhundert. Ulrich Muhlack analysiert die überwiegend positive Bewertung Caesars in der politisch-historischen Literatur italienischer und deutscher Humanisten seit Petrarca, die allerdings - unter dem Aspekt der zeitgenössischen Auseinandersetzungen um Republik und Monarchie - eine Kritik an dem Alleinherrscher nicht ausschließt. Franz Josef Worstbrocks Aufsatz über Lorenzo Vallas "Historia Ferdinandi Aragonum regis" und Bernd Moellers Beitrag über das Bild Karls des Großen im 16. Jahrhundert berühren Fragen der Antikerezeption mehr am Rande.

Auch Johannes Schilling, der die Wiederentdeckung des Evangeliums und die Etablierung eines neuen Geschichtsbildes bei den Wittenberger Reformatoren erörtert, und Volker Reinhardt, der die Bestrebungen der katholischen Kirche vorstellt, Legitimität durch Kontinuität zu bekräftigen, gehen expressis verbis nur wenig auf Spezifika des jeweiligen Antikeverhältnisses ein. Während Wilfried Nippel einen Überblick über Forschungen zur Alten Geschichte in Westeuropa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert gibt und dabei, entgegen einer verbreiteten Vorstellung, die Akzentverlagerung von antiquarischen zu historiografischen Darstellungen bereits vor 1700 ansetzt, verfolgt Christian Hannick Ansätze zum Verständnis einer Weltgeschichte im Russland des 16. Jahrhunderts, bei Iosif Volockij und Maksim Grek. Er weist nach, dass auch in Russland, wo es keine genuine Renaissance gab, von einer Präsenz der Antike gesprochen werden kann, und bezieht sich vor allem auf die byzantinische Theorie der zwei Gewalten, der kirchlichen und der weltlichen, unter dem Namen der Symphonia.

Die nächsten vier Beiträge befassen sich mit literaturgeschichtlichen Fragen. Fidel Rädle schlägt einen großen Bogen zwischen der Spätantike und dem Humanismus als der "zwei historisch pointierte[n], epochale[n] Begegnungen" von Antike und Christentum. Wie die siegreiche christliche Religion die 'heidnische' Antike zwar bekämpft, aber nicht generell abgelehnt und zerstört, sondern wichtige Bestandteile übernommen habe, seien im Humanismus das "erschöpfte, [...] erneuerungsbedürftige Christentum" und "eine wiederbelebte, wiedergeborene Antike" aufeinander getroffen (195, 205). Der Autor hebt als bedeutende Leistungen der christlichen Spätantike Epik, Hymnik und moralische Lehrdichtung hervor und zeigt auf, wie im Humanismus, bei aller Präponderanz der paganen 'klassischen' Autoren, noch eine starke Affinität zur spätantiken christlichen Dichtung bestand - und zwar bei Protestanten wie Philipp Melanchthon und Georg Fabricius stärker als bei den für Bildungsfragen in den katholischen Ländern maßgeblichen Jesuiten.

Die Beiträge von Bodo Guthmüller und Gregor Vogt-Spira lassen deutlich werden, dass es sich bei der Renaissance keineswegs um eine auf bloße 'Wiedergeburt' der Antike bedachte Epoche, sondern um ein höchst vielschichtiges Phänomen handelt, das nicht nur "Nachahmung und Wetteifer", sondern auch "Abkehr und Wende ins Neue" umfasst (231). Lenkt Guthmüller die Aufmerksamkeit auf das Spannungsverhältnis von Antike und Moderne beziehungsweise von Latein und Volgare im Italien des 16. Jahrhunderts im Allgemeinen, so konzentriert sich Vogt-Spira in seinem theoretisch fundierten und sprachlich brillanten Beitrag auf ein (freilich herausragendes) Werk: auf Julius Caesar Scaligers "Poetices libri septem" von 1561. Er arbeitet heraus, dass die für dieses Buch zentrale Kategorie der imitatio kein statischer, sondern ein dynamischer, die 'Verbesserung' eines antiken Autors einschließender Begriff ist und dass "mittels des Instruments einer Nachahmung der Alten etwas ganz anderes entsteht als eine Wiederholung und Fortsetzung der Antike" (253). Primär allerdings sei für Scaliger nicht der Abstand zum, sondern der Anschluss an das Altertum - und zumindest in einem Punkt gerate der frühneuzeitliche Theoretiker an eine unverkennbare Schranke: in der nicht begründeten, sondern einfach gesetzten "Normativität Vergils" (269).

Während in Nicola Kaminskis Interpretation von Johann Fischarts "Geschichtklitterung" als imitatio von und aemulatio mit Rabelais' "Gargantua" der Antikebezug in den Hintergrund tritt, befassen sich die Aufsätze von Doris Carl und von Ulrike Heinrichs-Schreiber sehr detailliert mit Rezeptionsproblemen in Werken der bildenden Kunst: mit dem Programm der Neugestaltung der Sala dei Gigli im Palazzo Vecchio zu Florenz als einer Selbstdarstellung der Florentiner Republik mittels antiker Motive und mit Mathis Gothart-Nitharts (genannt Grünewald) Gemälde des Hl. Sebastian am Isenheimer Altar, an dem sich abermals erkennen lasse, dass imitatio kein "einfaches Abhängigkeitsverhältnis", sondern ein "differenzierter Akt der Distanzierung und Aneignung" sei (383).

Den Abschluss des Bandes bildet Peter Schreiners problemhaltiger Beitrag über Formen von Verständnis und Akzeptanz der Antike in Byzanz. Obwohl der byzantinische Staat seit der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert in der Praxis (wenn auch nicht in der Ideologie und Terminologie) politisch, wirtschaftlich und sozial mit dem antiken Staat "fast vollkommen gebrochen" habe (391), bestünden wesentliche Kontinuitäten in der Sprache, in der Geschichtsschreibung, in Bildung und Literatur sowie in Architektur und bildender Kunst - und zwar über die Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 hinaus bis in die Zeit um 1600. Es sei deshalb nicht berechtigt, die Regeneration der eigenen Geschichte im 9. und im 13. Jahrhundert - also nach dem Ikonoklasmus beziehungsweise nach der Rückgewinnung Konstantinopels - als 'Wiedergeburt' zu bezeichnen. Der pointierte Schlusssatz lautet: "Die 'ewige Antike' war ein Kunstgebilde der byzantinischen Kultur- und Staatspropaganda [...]. Eine 'Renaissance' in Byzanz ist vollends ein Konstrukt der modernen Forschung." (412).

Das vorliegende Buch ist eine materialreiche, theoretisch hoch stehende Publikation zur Antikerezeption in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, die (wie bei den einzelnen Beiträgen vermerkt) vielfach über ältere Forschungsansätze hinausgeht und die Problematik in einer großen Breite und Differenziertheit behandelt. Durch ein Personen- und Werk- sowie durch ein Ortsregister (mit Unterschlagworten) ist sie zudem vorzüglich erschlossen. Etwas verwunderlich mutet es an, dass in mehreren Aufsätzen die 'Präsenz der Antike' keineswegs der zentrale Gegenstand ist und dass in einem Fall die Zeit der Aufklärung mit einbezogen wird. Über die Gründe hätte im (allzu knapp geratenen) Vorwort der Herausgeber informiert werden können. Auch die Reihenfolge der Beiträge ist zwar im Großen und Ganzen, aber nicht immer im Einzelnen einsichtig - hier wären über den lapidaren Satz hinaus, dass sie sich "am sachlichen Zusammenhang" orientiere (8), einige konzeptionelle und kompositionelle Überlegungen durchaus am Platze gewesen.

Rezension über:

Ludger Grenzmann / Klaus Grubmüller / Fidel Rädle / Martin Staehelin (Hgg.): Die Präsenz der Antike im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1999 bis 2002 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-Historische Klasse. Dritte Folge; Bd. 263), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, 427 S., 33 Abb., ISBN 978-3-525-82535-8, EUR 116,00

Rezension von:
Volker Riedel
Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Empfohlene Zitierweise:
Volker Riedel: Rezension von: Ludger Grenzmann / Klaus Grubmüller / Fidel Rädle / Martin Staehelin (Hgg.): Die Präsenz der Antike im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1999 bis 2002, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 3 [15.03.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/03/5545.html


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