Rezension über:

Roger Chickering: Imperial Germany and the Great War, 1914-1918 (= New Approaches to European History), Second Edition, Cambridge: Cambridge University Press 2004, XVI + 228 S., 3 plates, 12 fig., 12 maps, ISBN 978-0-521-54780-2, GBP 15,99
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Rezension von:
Marcus A. König
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Marcus A. König: Rezension von: Roger Chickering: Imperial Germany and the Great War, 1914-1918, Second Edition, Cambridge: Cambridge University Press 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/7724.html


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Roger Chickering: Imperial Germany and the Great War, 1914-1918

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Roger Chickering, Professor am BMW Center for German and European Studies an der Georgetown University, ist wohl der Experte der Geschichte des deutschen Kaiserreiches in den Vereinigten Staaten. Seit gut drei Jahrzehnten bereichert er die internationale Forschung mit sozial- und kulturgeschichtlichen Arbeiten über das deutsche Reich. Er hat sowohl den Kriegsgegnern als auch den Kriegshetzern eingehende Studien gewidmet. [1] Nun liegt seine 1998 erstmals erschienene Gesamtdarstellung des Krieges aus deutscher Perspektive in einer zweiten, aktualisierten Ausgabe vor.

In einem kurzen Prolog gelingt es Chickering, die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Bedingungen des Kaiserreiches bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges prägnant und eingängig zu skizzieren. Dem Kriegsausbruch selbst - jahrzehntelang im Fokus der Historiografie - widmet er lediglich zwei Seiten. Er verweist hier nur auf Bethmann Hollwegs und Moltkes Fehlkalkulationen und den fatalen Mechanismus der Bündnissysteme. Mehr Raum gibt er der Darstellung des "Geistes" von 1914 und dem Schlieffen-Plan.

Es geht Chickering im Folgenden nicht darum, die Verwicklungen der internationalen Diplomatie und ihre Möglichkeiten zur Friedensanbahnung zu analysieren. Genauso wenig sucht er die Erklärung für das Geschehen des Krieges in den Details der Kampfhandlungen. Die Stärke des Buches liegt vielmehr in der Grundannahme der Interdependenz von gesellschaftlichen Strukturen und militärischem Ereignissen. In Chickerings Fokus liegt folglich die Frage nach der Mobilisierung. In welchem Maße gelang es dem Deutschen Reich, seine ökonomischen und sozialen Ressourcen für den sich ins Totale wendenden Krieg zu nutzen? Diese Fragestellung zieht sich durch den gesamten Text. Zwei Abschnitte des Buches überschreibt Chickering deshalb auch konsequenterweise mit "The war grows total" und "The war embraces all".

Bei der Analyse der gesellschaftlichen Mobilisierung lässt Chickering kaum ein Themengebiet unberührt. Von den rechtlich-konstitutionellen Rahmenbedingungen der Kriegsgesellschaft über die Kriegsfinanzierung bis hin zu den Problemen des Generationenverhältnisses und der Kriminalität integriert er die vielfältigen gesellschaftlichen Erscheinungen in ein überzeugendes Gesamtbild. Einleuchtend zeigt der Text, wie die Mobilisierung in vielen Bereichen hinter den Erwartungen zurückblieb. Chickering nennt beispielsweise das Hindenburg-Programm, dessen weitgesteckte Produktionsziele nie erreicht wurden. Ebenso legt der Verfasser die Mängel der Mobilisierung im Hilfsdienstgesetz, in der Beschäftigung ausländischer Zwangsarbeiter und in der ineffizienten Organisation des Ernährungswesens offen. Viele Zeitgenossen erkannten die überall zu beobachtenden Phänomene der Desorganisation, der Provinzialität und der überbordenden Bürokratie nicht, glaubte man doch in Deutschland über das am besten organisierte Beamten- und Staatswesen zu verfügen. Den Engländern beispielsweise trauten viele nicht zu, eine funktionierende Lebensmittel- und Rohstoffrationierung aufzubauen - ein Irrglaube, der mit zur Überschätzung der Wirkung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges beitrug. In Deutschland hingegen, so versicherte auch die Propaganda, sei alles bestens geregelt. Allein die Tatsache, dass das Deutsche Reich dem preußischen Belagerungszustandsgesetz von 1851 entsprechend von über 50 fast souveränen Militärbefehlshabern regiert wurde, hätte den Zeitgenossen die Augen öffnen müssen. Chickering lässt sich hier nicht von Klischees beirren, die die Deutschen als Organisationsgenies des Militär- und Beamtenstaates porträtieren und anders lautende Erkenntnisse an den Rand drängen.

Neben der Mobilisierung der materiellen Ressourcen beschäftigt sich die vorliegende Darstellung natürlich auch mit der Frage der geistigen Mobilmachung. Chickering hält hier die Sozialimperialismustheorie in modifizierter Form aufrecht. Er löst sie aus dem Zusammenhang der Vorgeschichte des Krieges heraus und nutzt sie als Erklärungsinstrument für die Motive der annexionistischen Kräfte. Der Krieg wurde demnach nicht von der herrschenden Klasse absichtlich herbeigeführt, um das soziale System zu konservieren. Vielmehr versuchten maßgebende Vertreter von Wirtschaft und Militär, die territoriale und ökonomische Expansion des Reiches als eigentliche "Belohnung" des Volkes für die Kriegsanstrengungen zu propagieren. Dieses Ziel wurde freilich verfehlt, denn auch die Aussicht auf Annexionen konnte, wie die kontroverse Rezeption des Friedens von Brest-Litowsk zeigt, den zerstörten Burgfrieden nicht wieder herstellen.

Wie man die Mobilisierungsleistung des Deutschen Reiches beurteilt, hängt natürlich von den Kriterien ab, die man anlegen will. In seinem Epilog lässt Chickering widersprechende Meinungen zu Wort kommen. Geht man vom November 1918 aus, erscheint es eindeutig, dass die Mobilisierung Deutschlands für den totalen Krieg gescheitert war. Trotzdem muss man auch in Betracht ziehen, dass das Deutsche Reich ohne wesentliche Unterstützung der Verbündeten fast im Alleingang gegen eine "Welt von Feinden" vier Jahre lang durchhielt. Insofern könnte die Mobilisierung als gelungen bezeichnet werden. Entscheidend für die Beurteilung des Kriegsverlaufs ist letztlich, dass "the Germans faced a coalition that could [...] outproduce them in every area that was relevant to combat in this mode - whether munitions, machinery, food, or men" (70).

Angesichts des im Ganzen hervorragend gelungenen Versuchs, diese komplexe Thematik im engen Rahmen von 200 Seiten darzustellen, kann als wesentlicher Kritikpunkt nur herausgestellt werden, dass der Text für die zweite Auflage fast nicht verändert wurde. Die beiden Kapitel über den "Geist von 1914" und den Schlieffen-Plan hätten vor dem Hintergrund neuerer Forschungsergebnisse und -kontroversen einer zumindest geringfügigen Überarbeitung bedurft. So erscheint zwar die Arbeit von Terence Zuber über den Schlieffen-Plan in der Fußnote, doch der Leser erfährt nichts über dessen These, dass der deutsche Generalstab nie einen Angriffskrieg über Belgien nach Frankreich vorgesehen habe und der uns als Schlieffen-Plan bekannte Aufmarsch primär den Forderungen nach einer Heeresverstärkung Nachdruck verleihen sollte. Zubers gewagte Argumentation hat zwar inzwischen gut begründeten Widerspruch erfahren und wird sich wohl auf Dauer nicht halten können, doch hätte die aktuelle Diskussion zumindest einen Abschnitt verdient. Bei der Darstellung des Augusterlebnisses haftet Chickering ebenfalls etwas zu sehr am traditionellen Bild der allgemeinen Kriegsbegeisterung. Zwar gibt er dieses nicht ungebrochen weiter, doch hätte dem Text auch hier eine etwas ausgeprägtere Differenzierung auf der Grundlage der neueren Regionalstudien gut getan.

Die Kapitel über die "Mobilisierung der Moral" bleiben hinter den sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Analysen zurück. Während die Frage der Pressezensur noch verhältnismäßig solide und umfassend abgehandelt wird, kommt insbesondere die Propaganda zu kurz. Als Mittel der Propaganda nennt Chickering hier nur patriotische Feste und Predigten, lässt aber die vielfältigen Versuche der militärischen und zivilen Institutionen zur Einflussnahme auf Presse und Öffentlichkeit außer Acht.

Insgesamt kann Chickerings Werk dennoch allen empfohlen werden, die eine kompakte, prägnante, faktenreiche und gut lesbare Geschichte des Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg suchen. Es ist dem Verfasser gelungen, von der Sozialgeschichte ausgehend, einen umfassenden Ansatz zur Geltung zu bringen, der weder die militärische Ereignisgeschichte, noch die Bedeutung der zentralen Persönlichkeiten vernachlässigt. Für interessierte Laien und Studenten bietet die Arbeit einen schönen Überblick; für den Experten ist sie gerade dicht und komplex genug, um neue Anregungen zu geben. Für diejenigen, die sich in die Thematik einarbeiten wollen, rechtfertigt der knapp 20-seitige bibliografische Essay bereits den Griff zu diesem Buch. Autor und Verlag hätten allerdings darauf achten sollen, dass nicht nur die Literaturhinweise, sondern auch der Text an einigen Stellen überarbeitet und auf den allerneuesten Stand gebracht wird. Der deutschsprachige Leser kann deshalb auch getrost auf die 2002 erschienene Übersetzung zurückgreifen und sich die Forschungsergebnisse der vergangenen drei Jahre aus anderen Quellen erarbeiten.


Anmerkung:

[1] Roger Chickering: We Men Who Feel Most German: A Cultural Study of the Pan-German League, 1886-1914, Boston u. a. 1984; ders.: Imperial Germany and a World Without War: The Peace Movement and German Society, 1892-1914, Princeton NJ 1975.

Marcus A. König