sehepunkte 4 (2004), Nr. 12

Christian Rak: Krieg, Nation und Konfession

Die kulturgeschichtliche Erneuerung der modernen Kriegsgeschichte hat sich lange vor allem auf den Ersten Weltkrieg konzentriert. Demgegenüber ist die grundlegende Rolle der preußisch-deutschen Reichsgründungskriege in erster Linie auf die politische Lösung der deutschen Frage bezogen worden. Nun scheint jedoch auch der deutsch-französische Krieg von 1870/71 in einem umfassenderen kulturgeschichtlichen Sinne entdeckt zu werden. Auf Frank Beckers Analyse der bürgerlichen Haltung zu Krieg und Militär folgt Christian Rak mit einer Studie über die Bedeutung konfessionell geprägter Kriegserfahrungen, hervorgegangen aus dem Tübinger Sonderforschungsbereich "Kriegserfahrung".

Rein äußerlich betrachtet, mutet manches etwas befremdlich an. In der katholischen Perspektive der Publikationsreihe umfasst die Zeitgeschichte offenbar eine weit größere Zeitspanne als gemeinhin in der deutschen Geschichtswissenschaft üblich. Und der allgemeine Titel des Buches ist durchaus irreführend, denn es geht keineswegs um "die Erfahrung" des Krieges, sondern ganz konkret um die Erfahrungen evangelischer und katholischer Feld- und Lazarettgeistlicher. Wer sich trotzdem auf das Thema einlässt, wird dann allerdings mit der Lektüre einer vielschichtigen, gründlich gearbeiteten und ergebnisreichen Studie belohnt, die sich insbesondere auf die Auswertung verschiedenartiger, privater, interner und veröffentlichter Berichte stützt. Ihr wichtigster Ertrag liegt nicht nur in der Erkenntnis, dass sich die Militärgeistlichen konfessionsübergreifend als Propagandisten der nationalen Sache verstanden, die in persönlichen und internen Schriftstücken weit differenzierter berichteten als in ihren zur Veröffentlichung bestimmten Schriften und Predigten. Vielmehr kann Rak auch zeigen, wie sehr die Geistlichen selbst nationalen Deutungsmustern verhaftet waren und durch diesen Filter "Erfahrungen" produzierten, die oft in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu ihren eigenen Beobachtungen standen.

Der der Arbeit zugrunde liegende Erfahrungsbegriff verdient eine kritische Würdigung, weil mit ihm nicht nur Stärken, sondern auch manche Blindstellen verbunden sind. In wissenssoziologischer Tradition wird Erfahrung grundsätzlich als ein Verarbeitungsprozess begriffen, den es auf verschiedenen Ebenen zu analysieren gilt: in seinen soziokulturellen Bedingungen, seinen Handlungsbezügen und seinen zeitlichen Entwicklungen. Eine Wirklichkeit jenseits deutender Konstruktionen ist damit aus dem Untersuchungsfeld ausgeschlossen, Rak polemisiert geradezu gegen die naive Annahme, den "ursprünglichen Kern eines authentischen Kriegserlebnisses" erfassen zu können. Erkenntnistheoretisch ist dagegen wenig einzuwenden, und die soziale Konstruktion von Deutungsmustern kann so, wie Rak überzeugend demonstriert, intensiv entschlüsselt werden. Doch für den Historiker stellt sich zugleich die Frage, ob es methodisch nicht trotzdem sinnvoll ist, von einem Spannungsverhältnis zwischen den kritisch analysierbaren Quellen auf der einen, den in ihnen verarbeiteten, durchaus aber realen Formen von Wirklichkeit und Erleben auf der anderen Seite auszugehen, die es zumindest ansatzweise zu erschließen gilt. Denn sonst laufen wir Gefahr, dass unsere Quellen schließlich identisch mit unseren Gegenständen werden. Und diese Problematik spitzt sich noch zu, wenn man, wie Rak mit der Mehrheit der jüngeren deutschen Kulturhistoriker, den Untersuchungsschwerpunkt wie selbstverständlich auf die vermeintlich besonders kulturstiftende Rolle der akademisch gebildeten Eliten legt.

Konkret bedeutet dies hier: Die in den zitierten Quellen immer wieder deutlich zu Tage tretenden Differenzen zwischen den konfessionsspezifisch-nationalen Kriegsdeutungen der Geistlichen auf der einen, den teilweise ganz anders gearteten, von Gewalt, religiöser Indifferenz und sittlicher 'Verkommenheit' unter den deutschen Soldaten, aber auch von französischen Beispielen für Menschlichkeit, Kultur und Moral geprägten Realitäten des Krieges auf der anderen Seite, treten nicht in den Mittelpunkt der Untersuchung. Für Rak sind dies, seinem theoretischen Konzept gemäß, keine Wirklichkeiten und Erfahrungen eigener Qualität, sondern Widersprüche in den konstruierten Kriegserfahrungen der Feldgeistlichen, in deren gründlicher Aufschlüsselung und Durchdringung die Stärke der Untersuchung liegt. Einleitend wird die Organisation der Feldseelsorge in den Armeen der Königreiche Preußen, Bayern und Württemberg erläutert, um dann kapitelweise fünf zentrale Themenfelder in den Blick zu nehmen: die Sicht der Seelsorger auf das Militär, ihre Deutung des Krieges, das französische Feindbild, das deutsche Selbstbild und schließlich das kriegsspezifische Verhältnis der Konfessionen untereinander. Jedes Themenfeld wird dabei unter regionalen und konfessionellen Vergleichskategorien betrachtet und zugleich in eine zeitliche, den nachträglich Erfahrungswandel einfangende Perspektive gerückt. Diese systematische Anlage ist angesichts der vielfältigen thematischen Überschneidungen mit einigen Wiederholungen verbunden, doch sie bietet zugleich die von Rak überzeugend genutzte Chance, die einzelnen Gegenstandsbereiche in differenzierender, Nuancen und Bedeutungsschattierungen auslotender Weise zu durchdringen.

Im Ergebnis stellen sich die Militärgeistlichen insgesamt als eine Gruppe dar, die mit ihren privaten wie öffentlichen Kriegslegitimationen zugleich eine Sinnstiftung ihrer eigenen Rolle und die Propagierung ihrer spezifischen konfessionellen und gesellschaftlichen Interessen verband. "Wir mit Gott", das Gottesgericht des Krieges wurde zu einer Parole, die zugleich gruppenspezifische Werte und Perspektiven in den Mittelpunkt der Kriegsdeutungen rückte. Regionale Unterschiede waren dabei offenbar eher zweitrangig und zeichneten sich nur im Fall des katholischen Bayern klarer ab. Weit deutlicher treten demgegenüber durchgehend die konfessionellen Unterschiede hervor. Während protestantische Pfarrer den Kampf der moralisch überlegenen, eben protestantisch geprägten deutschen Nation gegen die Übel des rückständigen katholischen Frankreich beschworen und so eine neue Verbindung von Protestantismus und Nationalismus vorbereiteten, stellte sich der Krieg in katholischer Deutung ganz anders dar. Katholische Feldgeistliche sahen die 'schwächliche Verdorbenheit' Frankreichs gerade im Abfall der säkularisierten Nation vom traditionellen Katholizismus begründet. Dies führte umgekehrt allerdings kaum dazu, auch die deutsche Nation kritisch zu betrachten. Der Kriegsnationalismus ergriff die katholischen Feldgeistlichen im Zeichen ihrer Kriegserfahrungen vielmehr weit stärker als die an der Frontstellung zum liberalen Nationalismus festhaltende Amtskirche und wies damit auf die Nationalisierung des deutschen Katholizismus nach dem Kulturkampf voraus.

Zusammengefasst: In Raks Untersuchung werden die spezifischen Verarbeitungsformen der Kriegserfahrungen evangelischer und katholischer Feldgeistlicher im Spannungsfeld von konfessionellen und nationalen Prägungen vielschichtig und differenziert herausgearbeitet. Dabei treten en passant zugleich vielfältige Hinweise auf die Kriegserfahrungen anderer sozialer Gruppen und die Realitäten des Krieges zu Tage, die konzeptionell jedoch außerhalb des Untersuchungsfeldes bleiben.

Rezension über:

Christian Rak: Krieg, Nation und Konfession. Die Erfahrung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte. Reihe B: Forschungen; Bd. 97), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004, 455 S., ISBN 978-3-506-71740-5, EUR 69,00

Rezension von:
Wolfgang Kruse
FernUniversität Hagen
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Kruse: Rezension von: Christian Rak: Krieg, Nation und Konfession. Die Erfahrung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/12/5261.html


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