Rezension über:

Wojciech Bałus: Krakau zwischen Traditionen und Wegen in die Moderne. Zur Geschichte der Architektur und der öffentlichen Grünanlagen im 19. Jahrhundert (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa; Bd. 18), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2003, 133 S., 93 Abb., ISBN 978-3-515-08344-7, EUR 38,00
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Rezension von:
Beate Störtkuhl
Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg
Redaktionelle Betreuung:
Marco Wauker
Empfohlene Zitierweise:
Beate Störtkuhl: Rezension von: Wojciech Bałus: Krakau zwischen Traditionen und Wegen in die Moderne. Zur Geschichte der Architektur und der öffentlichen Grünanlagen im 19. Jahrhundert, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 12 [15.12.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/12/7575.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Wojciech Bałus: Krakau zwischen Traditionen und Wegen in die Moderne

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Wojciech Bałus, Kunsthistoriker an der Krakauer Jagiellonen-Universität, hat in diesem Band mehrere bislang unpublizierte Tagungsbeiträge zur Architektur und Gartenkunst des 19. Jahrhunderts in Krakau zusammengefasst. Auch wenn diese innerhalb des Buches deutlich eigenständige Kapitel bilden, sind sie doch durch einen durchgehenden thematischen Schwerpunkt - der Frage nach der Rolle der Kunst innerhalb der Suche nach nationaler und/oder lokaler Identität - miteinander verklammert; somit mangelt es dem Band keineswegs an Stringenz.

In den einführenden Kapiteln skizziert der Autor die politische und wirtschaftliche Situation der Stadt im Untersuchungszeitraum, der sich von der letzten Teilung Polens 1795 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, also über die gesamte Teilungszeit, erstreckt. Krakau, die traditionsreiche Residenz der polnischen Monarchen, wurde zu einer Provinzstadt im Habsburgerreich degradiert (Hauptstadt der Provinz Galizien war Lemberg) und durch die Errichtung einer österreichischen Festung in seiner städtebaulichen Entwicklung eingeschränkt. Doch bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts begann die Stadt auf Grund ihrer Vergangenheit, die Rolle der "geistigen Hauptstadt" des geteilten Polen zu übernehmen. Die relative Freizügigkeit, die seit der galizischen Autonomie 1867 im österreichischen Teilungsgebiet herrschte, ermöglichte es, diese Funktion unter anderem durch die Gründung der Polnischen Akademie der Wissenschaften (1873) sowie durch eine Reihe groß angelegter patriotischer Feiern zu untermauern. Krakau galt als "Reliquiar nationalen Erinnerungsgutes", das Schätze wie den Wawel mit der Krönungskathedrale, die Marienkirche und die Tuchhallen barg.

Bałus legt dar, wie in diesem Kontext zeitgenössische Architekten auf die historischen Krakauer Bauten rekurrierten, um eine Kontinuitätslinie von der glorreichen Vergangenheit in die Gegenwart zu ziehen. Dabei gab es durchaus verschiedene Nuancen: Feliks Księżarski, der Architekt des Collegium Novum der Universität, verwendete sowohl Elemente der "internationalen" Neogotik als auch Zitate der mittelalterlichen Architektur Krakaus. Jan Sas Zubrzycki entwickelte hingegen in mehreren Schriften ein theoretisches System, wobei er die Krakauer Gotik als "Weichselstil" bezeichnete und mithin zum polnischen Nationalstil erklärte.

Im folgenden Kapitel "Eine 'Perle der Renaissance diesseits der Alpen'" untersucht der Verfasser die Beschäftigung von Architekten und Theoretikern mit der Krakauer Renaissance, die in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts einsetzte und eine noch weit größere Wirkung entfaltete als die (Wieder-)Entdeckung der Gotik. Dabei verschwieg man keineswegs, dass der Arkadenhof des Schlosses oder die Sigismund-Kapelle auf dem Wawel von italienischen Baumeistern entworfen worden waren. Die Verbreitung charakteristischer Motive wie der Attika der Tuchhallen in der Adelsrepublik des 16. und 17. Jahrhunderts rechtfertigte jedoch deren Interpretation im Sinne einer nationalen, vor allem aber auch lokalen Bautradition. So wurden Forderungen laut, die Erneuerung der Krakauer Baukunst auf den genius loci zu gründen - und damit zugleich den Anspruch Krakaus als historische Hauptstadt und "Zentrum des Polentums" zu festigen.

Innerhalb dieser spezifischen, durch die Rolle Krakaus im geteilten Polen bestimmten Variante des Historismus nahm der Architekt Teodor Talowski eine Sonderstellung ein; der Autor widmet ihm daher ein eigenes Kapitel. Lateinische Inschriften und allegorische Darstellungen verlangen vom Betrachter ein eingehendes "Lesen" der Fassaden seiner Wohnhäuser. Bałus entschlüsselt die Ikonografie dieser Bauten und zeigt, wie auch sie sich in das Konzept der städtischen Identität Krakaus als "Reliquiar nationaler Überlieferungen" einfügten. Diese Vergangenheitsbezogenheit der Stadt hemmte letztlich im Bereich der Baukunst den Aufbruch in die Zukunft: Die Errichtung des Künstlerhauses, das Franciszek Mączyński in Jugendstilformen projektierte, stieß auf den Widerstand des Stadtrats.

Raum für Reformansätze bot sich eher im Bereich der Gartenkunst, welcher der zweite Abschnitt des Bandes gewidmet ist. Der Autor stellt in chronologischer Reihenfolge die öffentlichen Grünanlagen des 19. Jahrhunderts vor, beginnend mit den Vergnügungsgärten der ersten Jahrhunderthälfte, die heute nicht mehr existieren. Ein eigenes Kapitel behandelt die "Planty", den Grüngürtel rings um die Altstadt, der an Stelle der ehemaligen Befestigungsanlagen entstand. Diese grüne "Ringstraße" diente nicht allein der Erholung im städtischen Raum, sondern verfolgte auch ein patriotisches Programm: Denkmäler bedeutender Persönlichkeiten der polnischen Geschichte und Kultur oder Gestalten der Nationalliteratur säumten die Wege.

Büsten bedeutender Männer und Frauen der polnischen Historie gehörten auch zum didaktischen Programm des Stadtparks, der 1888/89 vom Krakauer Arzt Dr. Henryk Jordan eingerichtet wurde und bis heute dessen Namen trägt. Jordan verband moderne Tendenzen der Lebens- und Gesundheitsreform mit patriotischen Ideen: Sein Park sollte in erster Linie Kindern und Jugendlichen offen stehen, die durch Sport und Spiel ihren Körper trainieren sollten. Dabei sah das Konzept auch militärische Übungen vor, um die Jugend auf den Kampf für die Unabhängigkeit des Landes vorzubereiten. So gewann auch in diesem reformerischen Kontext die politische und gesellschaftliche Situation des geteilten Landes und seiner heimlichen Hauptstadt eine wesentliche Bedeutung.

Der Band ist sorgfältig und reich illustriert und durch ein Personenregister erschlossen. Eine zusammenfassende Bibliografie gibt es nicht; ausführliche Literaturhinweise - auch dies ein Hinweis auf die Genese des Bandes - finden sich jedoch in den einzelnen Kapiteln.

Beate Störtkuhl