sehepunkte 4 (2004), Nr. 11

Richard Lourie: Sacharow

Der Mann, der am 13. März 1981 die zahnärztliche Poliklinik der Stadt Gorki betrat, schleppte eine schwere Aktentasche. An die zehn Kilogramm wogen die Papiere, die er mit sich führte. Er wollte sie mit in den Operationsraum nehmen, aber das erlaubte man ihm nicht. "Machen Sie sich keine Sorgen, bei uns kommt nichts weg", beruhigte ihn eine Krankenschwester. Nach der Behandlung jedoch war die Tasche verschwunden. Zwei Männer hätten sie mitgenommen, erklärten wartende Patienten.

Der Bestohlene war der Atomphysiker und Dissident Andrej Sacharow. Im Jahr zuvor war er in das 400 Kilometer östlich von Moskau gelegene Gorki (heute wieder: Nischnij Nowgorod) verbannt worden. Die Tasche enthielt unter anderem drei dicke Notizbücher mit seinen Memoiren. Schon drei Jahre zuvor war ein Teil des Manuskripts seiner Erinnerungen bei einer Durchsuchung seiner Moskauer Wohnung verschwunden, und im Oktober 1982 brachte sich das KGB mit einem fingierten Raubüberfall erneut in den Besitz der von Sacharow mit energischer Zähigkeit von vorne begonnenen Niederschrift. Letztlich trotzte er den Versuchen, "mich [...] meines Gedächtnisses [...] berauben" zu lassen, erfolgreich und führte seine Autobiografie zu Ende. Er setzte die Arbeit zunächst in der Verbannung und dann, nachdem ihn Michail Gorbatschow im Dezember 1986 aus dem unrechtmäßigen inneren Exil befreit hatte, in Moskau fort, inmitten einer Überfülle von politischen Verpflichtungen in der aufregenden Perestrojkazeit. Unmittelbar vor seinem Tod am 14. Dezember 1989 schloss er sie ab. Auch eine amerikanische Ausgabe war schon in Arbeit; der Übersetzer, Richard Lourie, stand in persönlichem Kontakt mit Sacharow. Jetzt hat Lourie eine eigene Biografie Sacharows vorgelegt.

Es ist nicht sehr verwunderlich, dass diese sich eng an die (im immer kurzatmiger werdenden deutschen Buchhandel nicht mehr lieferbaren) Memoiren anlehnt und manchmal ganze Passagen paraphrasiert. Als zweiten Aufguss kann man sie dennoch nicht bezeichnen, denn Lourie verdeutlicht als Kenner Russlands und des Milieus, in dem Sacharow sich bewegte, dem westlichen Leser manche Hintergründe, die in der Autobiografie als selbstverständlich vorausgesetzt werden, und er hat auch eine Reihe weiterer Quellen herangezogen, insbesondere die Erinnerungen Jelena Bonners, Sacharows zweiter Frau, sowie die vom Sacharow-Zentrum der Brandeis-Universität in Massachusetts gesammelten KGB-Akten zum Fall des Dissidenten Nummer 1. Herausgekommen ist eine flüssig geschriebene - und ebenso übersetzte - Sachbuchdarstellung.

Andrej Sacharow wurde am 21. Mai 1921 in Moskau geboren. Sein Vater unterrichtete Physik an einer pädagogischen Hochschule und schrieb Lehrbücher. Der Großvater väterlicherseits war Anwalt und Aktivist der liberalen Konstitutionellen Demokraten gewesen. Obwohl er bereits Ende 1918 an Typhus starb, übte er durch einen von ihm herausgegebenen Sammelband mit Beiträgen gegen die Todesstrafe noch postum Einfluss auf seinen Enkel aus. Andrejs Mutter, eine fromme, doch der Moderne gegenüber aufgeschlossene Generalstochter, und sein Vater führten einen kultivierten Haushalt, aus dem aber nach Revolution und Bürgerkrieg die Politik vollständig verbannt war. Früh zeigte sich Sacharows naturwissenschaftliche Begabung, bereits im Alter von 17 Jahren nahm er an der Moskauer Universität das Studium der Physik auf. Er beendete es mit Auszeichnung im turkmenischen Aschchabad, wohin seine Fakultät nach dem deutschen Überfall vom 22. Juni 1941 evakuiert worden war. Eine Aspirantur am Lehrstuhl für theoretische Physik lehnte er ab, weil es ihm wichtiger erschien, einen Beitrag zu den Kriegsbemühungen zu leisten. In der Munitionsfabrik, der er zugeteilt wurde, entwickelte er bald wesentlich verbesserte Verfahren zur Qualitätsprüfung der Geschosse. Im Werkslabor lernte er Klawa, seine erste Frau kennen. Ende 1944 kehrte er auf Einladung seines akademischen Mentors Igor Tamm als Aspirant am Physikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften in die Wissenschaft zurück. Nach ersten wissenschaftlichen Erfolgen als theoretischer Physiker fand sich Sacharow schon wenige Jahre später als Mitarbeiter im sowjetischen Atombombenprogramm wieder. Er leistete einen wichtigen Beitrag zum Bau der ersten sowjetischen Atombombe (1949) und den entscheidenden für die erste Wasserstoffbombe der UdSSR, die 1953 gezündet wurde. Er wurde mit Prämien und Ehrungen überhäuft, unter anderem mit 32 Jahren zum jüngsten Akademiemitglied der Geschichte ernannt.

Politische Bedenken hatte Sacharow damals nicht, aber der unangenehme Händedruck Berijas am Ende einer Besprechung ließ ihn ahnen, dass er es mit einem "schrecklichen Menschen" zu tun hatte. Allerdings war er, wie mehrere andere Kollegen, energisch gegen die Diskriminierungen jüdischer Physiker im so genannten "Objekt" von Arsamas-16, dem sowjetischen Los Alamos, aufgetreten, als Anfang der 50er-Jahre Stalins Paranoia eine antisemitische Tönung annahm. Sacharows erste unmittelbare Konfrontation mit dem Sowjetregime erwuchs wenig später unmittelbar aus seiner Arbeit.

Es war ihm bewusst geworden, welch hohe Zahl an Menschenopfern der radioaktive Fall-out bei den Testexplosionen verursachte. Als die sowjetische Führung solche Tests als politische Muskelspiele im Kalten Krieg einsetzte, machte er seit Mitte der 50er-Jahre seinen ganzen Einfluss geltend, um einen Verzicht zu erwirken. Sacharow wurde so einer der Paten des Abkommens über den Stopp oberirdischer Atomwaffentests, das im Sommer 1963 zwischen den USA und der UdSSR abgeschlossen wurde. Auch die nächste Konfrontation hing unmittelbar mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zusammen. Als im Sommer 1964 ein Gefolgsmann des von Stalin geförderten Pseudogenetikers Lyssenko in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen werden sollte, exponierte sich Sacharow als Kritiker und trug maßgeblich dazu bei, den Kandidaten Nikolaj Nushdin "abzuschießen".

Mit dem Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 bekamen jedoch die Stalin-Nostalgiker wieder Oberwasser. Die Entstehung der Dissidentenbewegung Mitte der 60er-Jahre resultierte nicht zuletzt aus der Tatsache, dass vieles, was in Zeiten des "Tauwetters" möglich war, jetzt kriminalisiert wurde. Sacharow unterzeichnet gemeinsam mit Dmitrij Schostakowitsch, Wladimir Wojnowitsch, Igor Tamm und anderen im Herbst 1966 einen Appell gegen einen neuen Artikel im sowjetischen Strafgesetzbuch, der die Verleumdung des sowjetischen Staats- und Gesellschaftssystems unter Strafe stellte. Seine "Karriere" als Menschenrechtler begann. Als er dann für verfolgte Dissidenten eintrat, bekam er bald den Druck des Regimes zu spüren. 1967 verlor er seine Abteilungsleiterstelle und seine Bezüge wurden um 45 Prozent gekürzt. Sacharow ließ sich davon aber nicht beirren. 1968 veröffentlichte die New York Times seine "Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit". Lourie meint, in diesem politischen Grundlagenpapier, das sich mit der Gefahr des Atomkriegs, ökologischen Problemen, Hunger, Überbevölkerung und Rassismus auseinander setzte, habe Sacharow teilweise das Augenmaß verloren. Dass er von den USA eine Verringerung des wirtschaftlichen Wachstums forderte, mag aus der Sicht der gegenwärtigen wachstums- und konkurrenzorientierten Globalisierungsperiode verfehlt erscheinen, aber man sollte sich erinnern, dass vier Jahre nach Sacharow auch der "Club of Rome" mit weltweiter Resonanz die Frage der Grenzen des Wachstums thematisierte und damit zur Entstehung eines ökologischen Bewusstseins beitrug.

Die Rolle, die Sacharow in den folgenden knapp anderthalb Jahrzehnten zuwuchs, war allerdings nicht die eines politischen Analytikers oder Intellektuellen. Dafür fehlte in der Sowjetunion als zentrale Voraussetzung die Meinungsfreiheit. Gerade diese war für Sacharow eine unerlässliche Bedingung für die Lösung der Menschheitsprobleme, die komplexe Erkenntnisprozesse voraussetzte. Sacharows Verteidigung der Meinungsfreiheit nahm sehr konkrete Formen an. Er schrieb und unterstützte unzählige Appelle zu Gunsten politisch Verfolgter und war, wo er nur konnte, vor Ort präsent, wenn Dissidenten den schweren Gang vor Gericht antreten mussten. Im Herbst 1970 lernte der seit anderthalb Jahren verwitwete Sacharow bei einer solchen Mission seine zweite Frau Jelena Bonner kennen. Die Tochter eines Kominternfunktionärs jüdischer Herkunft, dessen Name sich auf einer der vielen von Stalin persönlich unterzeichneten Erschießungslisten der Jahre 1937/38 findet, war mit 14 Jahren praktisch Waise geworden, da auch ihre Mutter verhaftet und in ein Lager verschickt worden war. Den Zweiten Weltkrieg hatte sie als Sanitäterin mitgemacht, danach studierte sie Medizin. Die geschiedene Mutter zweier Kinder wurde Sacharows Kampf- und Leidensgefährtin und ist bis heute die Bewahrerin seines Vermächtnisses. Fast die Hälfte seines Buches widmet Lourie der gemeinsamen Geschichte von Sacharow und Bonner, die sich zu großen Teilen mit der Geschichte der sowjetischen Dissidentenbewegung und deren rücksichtsloser Bekämpfung durch den KGB unter Jurij Andropow deckt. Dieser hatte Sacharow, nachdem er 1975 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, zum "Staatsfeind Nummer eins" erklärt. Als Sacharow sich 1980 gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan und für die Absage der Olympischen Spiele in der Krieg führenden Sowjetunion aussprach, wurde er in die Verbannung geschickt, in die ihm Jelena Bonner folgte. Es nicht ohne Ironie, dass es der von Andropow in seiner Zeit als Parteichef (1982-84) geförderte Michail Gorbatschow war, der Sacharows Verbannung aufhob. "Kehren Sie zu Ihrer patriotischen Arbeit zurück", forderte er ihn telefonisch auf. Sacharow bedankte sich und forderte im selben Atemzug die Freilassung noch in Haft befindlicher politischer Gefangener. Gorbatschow gewann mit Sacharow einen Unterstützer, aber er handelte sich zugleich einen scharfen Kritiker der Halbheiten seiner Perestrojka ein.

Der Westen hat Sacharow oft als einen der Seinen betrachtet und trifft sich damit paradoxerweise mit den Anschauungen mancher Sowjetnostalgiker oder russischer Nationalisten. Zweifelsohne war Sacharow ein typischer russischer Westler, etwa im Gegensatz zu dem slawophilen Solschenizyn, zu dem er nie eine besonders enge Beziehung entwickelte, doch vor allzu oberflächlichen Vereinnahmungen sollte man sich hüten. Louries Beschreibung eines russischen Lebensweges ist dabei hilfreich.

Rezension über:

Richard Lourie: Sacharow. Biographie. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, München: Luchterhand Literaturverlag 2003, 637 S., ISBN 978-3-630-88008-2, EUR 30,00

Rezension von:
Jürgen Zarusky
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zarusky: Rezension von: Richard Lourie: Sacharow. Biographie. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, München: Luchterhand Literaturverlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/11/3829.html


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