sehepunkte 4 (2004), Nr. 9

Jörg Engelbrecht u.a. (Hgg.): Rheingold

Welche Assoziationen erweckt ein Buch mit dem Titel 'Rheingold'? Richard Wagner? Nibelungen? Eisenbahnluxuszug? Den Leser erwartet nichts dergleichen bei der Lektüre des Sammelbandes. Stattdessen enthält er eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte des Rheinlandes. Absicht der Autoren war dabei, nicht eine konventionelle Darstellung des historischen Ablaufs und geschichtlicher Perspektiven zu geben, sondern zu untersuchen, "aus welchen Bestandteilen sich das Rheinlandbild zusammensetzt, was daran mit den tatsächlichen historischen Verläufen in Einklang zu bringen ist und was als Konstrukt erscheint" (3).

Diese Aufgabe wird dadurch erschwert, dass die Autoren ihr Untersuchungsgebiet unterschiedlich abgrenzen. Außerdem diskutiert nur Jörg Engelbrecht ausführlich die Frage, was unter 'Rheinland' zu verstehen ist, und entscheidet sich dann nachvollziehbar für den heute zu Nordrhein-Westfalen gehörenden Teil der alten preußischen Rheinprovinz, so wie es auch andere Autoren tun. Doch in einigen Beiträgen wird die gesamte Rheinprovinz in den Blick genommen, so bei Wolfgang Herborns Untersuchung des Städtewesens. Diese Erweiterung hat gerade bei seinem Thema gute Gründe, doch diese hätten offen gelegt und diskutiert werden sollen, um den Leser nicht zu verwirren und ihm andererseits zu demonstrieren, dass es in der Tat schwierig, wenn nicht überhaupt unmöglich ist, eine allgemein gültige Definition der Begriffe 'Rheinland' oder 'Rheinlande' zu geben. In diesem Zusammenhang erweist es sich auch als ein großer Mangel, dass das Buch keine Karte enthält, die dem Leser eine Orientierung ermöglicht und dabei zugleich das Abgrenzungsproblem verdeutlicht hätte. Bedauerlich ist außerdem, dass nicht alle Beiträge in wünschenswertem Umfang Anmerkungen und Literaturhinweise enthalten, wobei sich letztere mit der Ausnahme des Beitrags von Georg Mölich auf die Zeit bis 1999 beschränken. Das ist unbefriedigend für ein Buch, das 2003 erschienen ist, wenn vermutlich auch erheblich später als ursprünglich vorgesehen. Manchmal entfallen angekündigte Literaturangaben sogar ganz, wie in dem zweiten Beitrag von Jörg Engelbrecht, der wohl fälschlich durch eine Unachtsamkeit der Herausgeber nicht an den Anfang der Aufsatzreihe gestellt worden ist. Auch an mehreren anderen Stellen ist ein Mangel an redaktioneller Sorgfalt zu beobachten.

Der einführende Beitrag Jörg Engelbrechts thematisiert Struktur und Identität des Nordrheinlandes und seiner Menschen (3-49). Er macht nachvollziehbar, dass es notwendig ist, zwischen südlichem und nördlichem Rheinland zu differenzieren. Doch selbst der nördliche Teil, der häufig unter der Bezeichnung 'Niederrhein' subsumiert wird, stelle kein homogenes Gebiet dar, sondern weise eine Vielzahl eigener Identitäten auf, wie zum Beispiel eine Untersuchung der Sprache oder der Rolle Kölns ergibt. Insofern könne es das Rheinland und den Rheinländer gar nicht geben. Dennoch ließen sich Merkmale finden, die typisch für das Rheinland zu sein scheinen, etwa die Offenheit gegenüber fremden Einflüssen, ökonomische Innovationsfreudigkeit oder eine schon frühzeitig ausgeprägte Bürgerlichkeit, die sich auch in einem lebendigen Vereinswesen äußert. Verbindend war aber vor allem der Strom selbst. Mit ihm befasst sich Jörg Engelbrechts zweiter Beitrag (51-79), der längsschnittartig die Geschichte des Stroms und seiner Wahrnehmung untersucht und dem Leser einen knappen geschichtlichen Abriss bietet. Von seinen Hauptgesichtspunkten (Bedeutung des Rheins als Verkehrsweg; politische Funktion des Flusses; der Strom als touristisch-romantisches Phänomen) ist der letzte Aspekt für die Themenstellung des Gesamtbandes am interessantesten. Denn hier wird die Wahrnehmung des Flusses durch die jeweiligen Zeitgenossen thematisiert.

Der Aufsatz von Heinz Günter Steinberg über den Wirtschaftsraum nördliches Rheinland (81-108) behandelt zunächst die naturräumlichen Grundlagen, wendet sich dann der Bevölkerung und schließlich den unterschiedlichen Wirtschaftsräumen zu, wobei die Gliederung des dritten Kapitels unübersichtlich ist. Insgesamt gibt Steinbergs Beitrag einen guten Überblick, allerdings bleiben seine Herangehensweise und die Darstellung konventionell. Daran wäre nichts zu bemängeln, wenn die Herausgeber in ihrer Einleitung nicht als Zielsetzung postuliert hätten, dass die Beiträge nicht Bekanntes in neuem Gewande präsentieren, sondern der Frage nachgehen sollen, aus welchen Bestandteilen sich das Rheinlandbild zusammensetzt. Diesem Anspruch wird Steinberg nicht gerecht, ja, er reflektiert noch nicht einmal die Frage, ob sein Thema es überhaupt zulässt, Rheinland-Typisches herauszuarbeiten. Bernd A. Rusinek hingegen stellt seinen als Essay verstandenen Beitrag über 'rheinische' Institutionen (109-146) genau unter diese Fragestellung. Dabei zeigt er zugleich auf, dass es selbst vielen zeitgenössischen Urteilen an Objektivität mangelt und sie eher das zum Ausdruck bringen, was man sehen möchte und nicht das, was sachlichen Kriterien standhält. Im Übrigen habe sich ein 'Rheinlandbild' erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Es bleibe also wenig wirklich 'Rheinisches' übrig - und zwar weder in Bezug auf die Institutionen an sich noch auf ihre besondere Ausprägung. Dennoch gibt es für Rusinek einige für das Rheinland wichtige Charakteristika, so zum Beispiel die bereits seit der römischen Zeit erkennbare Prägung durch ganz unterschiedliche historische Einflüsse, deren Mischung zu einer Bereicherung führte. Als weiteres Merkmal stellt er die frühe Entwicklung eines unabhängigen Bürgertums heraus sowie als Folge der territorialen Kleinräumigkeit im Ancien Régime ein recht unverkrampftes Verhältnis gegenüber Herrschaftsstrukturen. Dennoch neigt Rusinek als Fazit Joseph Hansens Ausspruch zu, die rheinischen Institutionen und die rheinischen Mentalitäten seien "ein Etwas, was jeder fühlt, aber keiner definieren kann".

In seinem über 80 Seiten langen Beitrag über Frömmigkeit im Rheinland zwischen Spätantike und Postmoderne (147-234) beschreibt Walter Rummel die Christianisierung des Rheinlands und die Geschichte des Katholizismus bis in viele - und oft sehr weit gehende - Einzelheiten; er wählt dabei viele Beispiele aus dem südlichen Rheinland und geht sogar häufig über den rheinischen Bereich hinaus. Den Protestantismus hingegen, der auch im Rheinland eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, beleuchtet er nur äußerst unvollständig. Dabei hätte Rheinland-Typisches gerade am Calvinismus herausgearbeitet werden können, der besonders am unteren Niederrhein nachhaltig Einfluss gewann und Organisationsstrukturen wie auch Frömmigkeitsformen entwickelte, die sich sowohl vom Katholizismus wie vom Luthertum unterschieden. Bei der Bebilderung, die wie im gesamten Buch auch bei Rummels Beitrag sehr reich ist, kommt der Protestantismus sogar überhaupt nicht vor. So entsteht zumindest vom rein Optischen her der Eindruck, das Rheinland sei ausschließlich vom Katholizismus geprägt worden. Hier fehlt die notwendige Ausgewogenheit, die auch von den Herausgebern hätte angemahnt werden müssen.

Wie bereits gesagt wurde, ist es nachvollziehbar, dass Wolfgang Herborn in seinem Aufsatz über die geschichtlichen Aspekte der Städte am Rhein (247-306) das gesamte Rheinland in den Blick nimmt und dabei sogar über das Gebiet der preußischen Rheinprovinz hinausgeht. Auf diese Weise entsteht für den Leser ein recht komplettes und differenziertes Bild der Stadtentwicklung im Rheinland, die teilweise bis in die römische Zeit zurückgeht. Herborn geht dabei auf die unterschiedlichen Stadtgründungstypen und Entstehungsgeschichten ein, diskutiert besondere Ausprägungen von Wirtschaftsformen sowie die Unterschiede in Größe und Bedeutung einzelner Städte. Allerdings wird nicht die Frage erörtert, ob und inwiefern sich die rheinische Stadtlandschaft von anderen Stadtregionen unterscheidet, und in Hinblick auf die Bevölkerung wird die mögliche Ausprägung einer rheinischen Mentalität nicht untersucht. Georg Mölich hingegen widmet sich streng der Zielsetzung und dem Thema des Buches, indem er in seiner Skizze über Mythen und Symbole am Rhein (235-246) auf die Mythenbildung eingeht, die zwar bereits in der Antike begann, ihren Höhepunkt jedoch erst nach 1800 erreichte. Er stellt dar, wie die Ausbildung einer Rheinromantik sich im 19. Jahrhundert bald mit politisch-ideologischen Zielsetzungen verband, so durch Ernst Moritz Arndt und besonders massenwirksam durch die Lieder von Nikolaus Becker und Max Schneckenburger, später dann im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Diese Politisierung manifestierte sich selbst bei der Vollendung des Kölner Doms (1842-1880), der dadurch nicht nur zum Sinnbild für das gesamte Rheinland wurde, sondern als Wahrzeichen des Reichsnationalismus zugleich Bedeutung für ganz Deutschland erlangte.

Insgesamt leistet das Buch nicht überall das, was es durch seine Zielsetzung anstrebt: die Erkundung des Rheinlandbildes und der Besonderheiten rheinischer Mentalität. Dennoch sind die unterschiedlichen und in vielerlei Hinsicht facetten- und inhaltsreichen Beiträge ein Gewinn für den historisch interessierten Leser. Ein Nachteil für die Verbreitung des Buches könnte der irreführende Titel "Rheingold" sein. Der Untertitel des Buchs, 'Menschen und Mentalitäten im Rheinland. Eine Landeskunde', wäre vielleicht passender - wenn auch weniger griffig - gewesen.

Rezension über:

Jörg Engelbrecht u.a. (Hgg.): Rheingold. Menschen und Mentalitäten im Rheinland. Eine Landeskunde, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, 320 S., ISBN 978-3-412-03099-5, EUR 24,90

Rezension von:
Irmgard Hantsche
Universität Duisburg-Essen
Empfohlene Zitierweise:
Irmgard Hantsche: Rezension von: Jörg Engelbrecht u.a. (Hgg.): Rheingold. Menschen und Mentalitäten im Rheinland. Eine Landeskunde, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [15.09.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/09/4866.html


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