Rezension über:

Julius Posener: Heimliche Erinnerungen. In Deutschland 1904 bis 1933. Mit einem Anhang: In Germany Again (1948). Aus dem Englischen von Ruth Keen, Nachwort Alan Posener, Berlin: Siedler 2004, 485 S., ISBN 978-3-88680-764-2, EUR 24,00
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Rezension von:
Nikolaus Bernau
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Nikolaus Bernau: Rezension von: Julius Posener: Heimliche Erinnerungen. In Deutschland 1904 bis 1933. Mit einem Anhang: In Germany Again (1948). Aus dem Englischen von Ruth Keen, Nachwort Alan Posener, Berlin: Siedler 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 [15.06.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/06/6376.html


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Julius Posener: Heimliche Erinnerungen. In Deutschland 1904 bis 1933

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Zufrieden mit sich selbst war der Mann nicht, der diese Memoiren am Ende der Fünfzigerjahre im malaysischen Kuala Lumpur schrieb, sich Rechenschaft ablegte über ein Leben, dass so ganz und gar nicht mit jener bürgerlichen Ordnung und Sicherheit in Übereinstimmung zu bringen war, die er offenbar doch als Ideal betrachtete. 53 Jahre war der Architekturkritiker und Architekturhistoriker Julius Posener, als er erstmals seine Erinnerungen an die Jugend im wilhelminischen Kaiserreich, das Studium und die erste Arbeitszeit in Berlin der Weimarer Republik und in Paris aufschrieb. Knapp dreizehn Jahre nach dem Krieg war die Erinnerung an diese Zeit noch mehr als heute überdeckt vom Grauen des Holocaust, von den Schrecken der Emigration, des Krieges, der geistigen und physischen Zerstörung Mitteleuropas, vom Kollaps jener deutsch-jüdischen Kultur, deren Untergang damals viele in Deutschland noch gar nicht als Verlust begriffen hatten.

Im letzten Jahr brachte der gleiche Verlag Poseners erschütternden Bericht aus der deutschen Nachkriegszeit heraus, nun folgen die bisher unveröffentlichten Memoiren. Auffällig ist in ihnen der Unterschied zu den schon 1990 erschienenen, ausgesprochen versöhnlichen Erinnerungen "Fast so alt wie das Jahrhundert". Die Memoiren hingegen - die 1933 mit der Emigration nach Paris abbrechen - sind viel emotionaler, dichter, weniger abgeklärt. In beiden aber hört man den charakteristischen Sprachstil Poseners, die durchaus theatralische, auf Wirkung bedachte Ausdrucksweise des begeisterten Lehrers mit schnellen, schier atemlosen Sätzen. Selbst durch die Hürde der Übersetzung aus dem Englischen bleibt dies dank der kongenialen Arbeit von Ruth Keen spürbar.

Denn Posener schrieb den Text in Englisch, die Umgangssprache nicht nur in Malaysia, sondern auch in der eigenen Familie war und die jenes Kulturraumes, in dem er voraussichtlich auch nach der Abreise aus Kuala Lumpur bleiben würde. Er sollte dem Land vor der Unabhängigkeit noch das Fundament für eine eigene Moderne geben. Posener war eine Wahl, wie man sie im britischen Kolonialministerium besser kaum treffen konnte. Kulturell und emotional zutiefst entwurzelt, suchte er in den frühen Fünfzigerjahren nach einer neuen Aufgabe, in der seine wohl einzigartigen Fähigkeiten gebraucht werden konnten: Das kritische Auge für die Architektur als Kunst und als soziale Aufgabe, der Lehreros und die Bekanntschaft mit so ziemlich jedem, der in der Architektur der Moderne etwas zu sagen hatte.

1904 wurde er geboren, seine Mutter war offenbar eine begnadete Musikerin, sein Vater der Maler Moritz Posener, der seinerzeit anerkannt war, später vergessen wurde. Nachdem er dies und jenes ausprobiert hatte, studierte Posener an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg Architektur - ein zunächst traumatisches Erlebnis, dass mit heißer Wut geschildert wird. Posener kam aus Lichterfelde, aus einem aufgeklärten, ganz der Kunst und der modernen Lebensreform verpflichteten und doch zutiefst bürgerlichen, gesitteten Welt. In Berlin nun traf er nicht nur auf die proletarische Masse, sondern auch auf das noch immer lebendige Ausbildungssystem des Historismus, in dem antike Kapitelle und gotische Kirchendetails sklavisch kopiert wurden, die Moderne und schon gar der Individualismus keinerlei Rolle spielten. Gerade vom Individualismus, vom geradezu surrealen Bewusstsein, selbst Genie zu sein - wenn auch die Zielrichtung des Genialen völlig unklar war - davon lebte Posener aber so sehr wie vom bewusst Deutsch sein. Wenn er den sozialen Aufstieg eingewanderter Ostjuden schildert vom Alexanderplatz hin zum Bayrischen Viertel, das hat durchaus etwas Boshaftes, und die ganzen Vorurteile des Bürgerlichen gegenüber den Nichtbürgerlichen stimmen sich da ein mit denen gegenüber der ärmeren "Verwandtschaft". Posener sieht das durchaus kritisch, sieht auch seine Anfälligkeit für den totalitären Weltentwurf, dekonstruiert seine Vorurteile, seine Ängste, die Skepsis gegenüber den Zionisten, die Verehrung für seine Schullehrer, das komplexbehaftete Entdecken der Frauen, die Liebe zu Berlin - das zu lesen ist ein literarisches Vergnügen und eine psychologische Mitnahme.

Sein Erweckungserlebnis wurde das Hauptstudium bei Hans Poelzig, der die Freiheit gab, selbst zu sehen, sogar die, den um 1929 schon historisch gewordenen Landhaus-Architekten Hermann Muthesius weiter zu verehren. Selbst sehen, selbst urteilen: Posener fährt nach Frankreich, entdeckt Paris, die französische Moderne, wird zum Berichterstatter für französische und deutsche Architekturzeitschriften, sieht Landschaften, Ladeneinrichtungen - denen er einen seiner ersten Artikel aus Paris widmete -, Kleidung, Bäume und Wetterstimmungen. Ein Entwerfer war Posener nicht, sondern ein Beobachter und Erklärer. Das Schlingernde in seinem Lebenslauf aber sieht er in den Memoiren noch als den dauernden Abbruch begonnener Projekte; später erst erkennt er, dass es auch die Wurzeln für einen immensen Reichtum an Erfahrungen war.

Der auch wirtschaftlich immer gefährdete Posener, der erst spät zu heiraten und Kinder zu haben wagte, sehnte sich nach der Sicherheit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Und doch sah er auch das zur Entladung drängende Spannungsverhältnis der Klassen, die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Konflikte der Kaiserzeit, ihren Antisemitismus und die kulturelle Arroganz der Eliten genau. Den Untergang der Belle Epoque fand er also nicht nur folgerichtig, sondern - als gutbürgerlicher Salonsozialist, der er offenkundig lebenslang war - auch richtig. Wie sehr er aber dennoch seiner Jugend verhaftet war, und welche kulturellen Qualitäten diese Zeit hatte, die durch die Propaganda der Modernisten als dekadent und stuckverziert-verlogen diffamiert wurde, das entdeckte Posener in diesen Memoiren wieder. Insofern legten sie den Grundstein zu seinem späteren Ruhm, als er, der 1961 zum Professor an die West-Berliner Hochschule für Bildende Künste berufen wurde, für die Villen von Muthesius und die Siedlungen von Taut, für Mietskasernen und Gartenanlagen focht. Keiner seiner vielen Schüler und Enkelschüler wäre seit den Sechzigerjahren auf die Idee gekommen, dass der Schöpfer des 1979 erschienenen epochalen Buches "Berlin auf dem Weg zu einer neuen Architektur", das bis heute unübertroffen das Entstehen der Moderne im Kaiserreich schildert, oder der Professor der umjubelten Vorlesungen, die immer noch vom Verlag Arch+ vertrieben werden, sich selbst zeitweilig als Gescheiterten sah, so sicher war er seiner Sache. Das Schreiben der Memoiren in Kuala Lumpur hatte Posener ein neues Lebensthema für die folgenden vier Jahrzehnte gegeben: die Erzählung des eigenen Lebens.

Nikolaus Bernau