sehepunkte 4 (2004), Nr. 5

Sven Keller: Günzburg und der Fall Josef Mengele

"Blieb in Günzburg die Zeit stehen?" titelte die Bildzeitung am 7. Juli 1964 und lenkte damit das Interesse der Öffentlichkeit auf den Heimatort von Josef Mengele, einem der berüchtigtsten nationalsozialistischen Verbrecher.

Von den unvorstellbaren Taten des Arztes erfuhr die Öffentlichkeit erst, als sein Name im Verlauf des im Dezember 1963 in Frankfurt begonnenen Auschwitzprozesses in Zeugenaussagen ehemaliger Häftlinge immer häufiger genannt wurde. Nach 1943 hatte sich Mengele im Vernichtungslager bei zahllosen Selektionen als gnadenloser Vollstrecker der "Endlösung" erwiesen und dort für pseudo-wissenschaftliche Forschungen zahlreiche Menschenversuche, vor allem an Zwillingen, durchgeführt. Mengele war nicht unter den Angeklagten, weil er nach Kriegsende nach Südamerika geflohen war.

Als Journalisten auf der Suche nach weiteren Informationen in den Heimatort Mengeles kamen, entdeckten sie, dass die Mengeles in Günzburg nicht irgendeine Familie, sondern der größte Arbeitgeber des Ortes waren. Das Familienoberhaupt Karl Mengele genoss hohes Ansehen, und viele Bewohner identifizierten sich stolz mit dem Namen der weltweit erfolgreichen Landmaschinenfabrik. Die enge Beziehung zwischen den Günzburgern und den Mengeles wurde zum Problem. Es entstand ein regelrechter "Günzburg-Mythos", der erstmals im oben erwähnten Bildartikel nachzuweisen ist und der bis in die 1980er-Jahre im Kern beinahe unverändert blieb: Die Stadt Günzburg unterstütze und decke Mengele und verhindere somit seine Verhaftung (126).

In seiner Magisterarbeit, die in der angesehenen Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte veröffentlicht wurde, untersucht Sven Keller diesen Mythos und nimmt seine Entstehung, sowie die Folgen für die Stadt in den Blick.

Im akribisch recherchierten ersten Teil der Arbeit steht die Biografie Josef Mengeles im Zentrum. Hier gelingt es dem Autor, einige in der Forschungsliteratur kolportierte Fehler zu korrigieren. Klug differenziert er dabei zwischen der realen Person Josef Mengele und dem virtuellen Mengele, der sich im Verlauf des Auschwitz-Prozesses zu einer Chiffre für das Böse in der modernen Welt entwickelt hatte. Zugleich bietet er einen knappen Überblick über die Medizinverbrechen in Auschwitz und die Bedeutung der Anthropologie im NS-Staat.

Im zweiten Teil seiner Arbeit bindet Keller die Reaktionen der Günzburger Öffentlichkeit auf den Fall Mengele in das Auf und Ab der bundesrepublikanischen Erinnerungskonjunkturen ein. Hierbei bemerkt er zu Recht, dass es "von Anfang an "Skandale" [waren], die in der Bundesrepublik katalytisch auf die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wirkten" (188). Leider tritt bei dieser Analyse das eigentliche Thema des Buches - die Ereignisse in Günzburg - zu sehr in den Hintergrund.

Wie ungleich Keller die einzelnen Teile seiner Arbeit wertet, kann bereits an der verwendeten Literatur abgelesen werden: In den Teilen, die sich mit der Biografie des KZ-Arztes beschäftigen, setzt er sich kritisch mit der Forschung zur Person Mengeles und den Arbeiten zur Medizin im "Dritten Reich" auseinander. Leider bleibt die Arbeit hier über weite Teile rein deskriptiv und versucht nur selten, Mengeles Handlungen zu interpretieren.

Um sich dem "kalte[n] Zyniker und hochgebildete[n] Massenmörder" (so der Titel eines Kapitels) zu nähern, ist es aber nicht ausreichend, über das Geburtsjahr seine "Generation" zu bestimmen - auch wenn dies im Augenblick ein verbreiteter Forschungsansatz ist. Vielleicht wäre es hier hilfreich, die psychologisierende Literatur der 1970er-Jahre zu rezipieren. Ein Blick in Klaus Theweleits Männerphantasien könnte zumindest anregend sein. [1]

Die Geschichte der Stadt Günzburg in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet Keller nur unzureichend. Zwar ist hier die Literaturlage mangelhaft - allein die Arbeit von Zdenek Zofka [2] kann wissenschaftlichen Ansprüchen genügen - aber diese Lücke hätte durch eigene Archivstudien geschlossen werden können. Bedauerlicherweise sichtete Keller im Günzburger Stadtarchiv nur die Akten, die sich direkt mit der Person Mengeles beschäftigen.

Die von Keller vorgenommenen Wertungen sind an einigen Stellen fragwürdig, zum Beispiel wenn er Reaktionen auf die Fernsehserie "Holocaust" parallelisiert: Er sieht die Gedichte des Günzburger Heimatdichters Josef Baumeister, der Mengele "zum Märtyrer des zu Unrecht beschuldigten, gedemütigten und erpressten deutschen Volkes"(189) stilisiert, auf einer Stufe mit der Fernsehserie "Heimat" von Edgar Reitz; in beiden werde die Shoah nicht thematisiert. Diese Kritik ist schwer nachvollziehbar.

Insgesamt steht der Autor der beschönigenden Haltung der Stadt Günzburg im Fall Mengele eher unkritisch gegenüber: So sieht er in der von Bürgermeister Köppler (SPD) 1983 vor dem Stadtrat gehaltenen Rede einen "offensiven Schritt in Richtung einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit" (189). Immerhin liegen zwischen den ersten Vorwürfen an Günzburg und dieser Rede beinahe zwanzig Jahre. Eine einzelne Rede, gehalten vor einem engen Zuhörerkreis - zudem noch zu einem Zeitpunkt, als das öffentliche Interesse an Günzburg abnahm -, scheint mir doch ein schlechtes Indiz für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Und wiederum erst 20 Jahre später erscheint das Buch von Sven Keller, das auch Teil der Auseinandersetzung mit dem "Günzburg-Mythos" ist. Hinzu kommt, dass Keller die 1963 vom dortigen Lehrer Paul Auer veröffentlichte Geschichte der Stadt Günzburg nicht in seine Untersuchung einbezieht. In diesem Buch werden die "Jahre von 1933 bis 1939 [...] auf gerade eineinhalb Seiten abgehandelt. (Man erfährt vom Umzug des Heimatmuseums und der Eröffnung einer Stadtbücherei), die Kriegszeit auf immerhin zweieinhalb Seiten, von denen sich zwei mit den Opfern und Kriegsschäden der Stadt und der Eroberung durch die Amerikaner befassen" (103). Deutlicher kann sich die Weigerung, sich mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen, nicht manifestieren.

Trotz dieser Einschränkungen bleibt am Ende festzuhalten, dass das Buch eine lesenswerte Einführung in die verschiedenen Themenkomplexe darstellt. Es konfrontiert den Mythos Mengele mit der historischen Realität und stellt die Auseinandersetzung der Bundesrepublik mit der NS-Vergangenheit dem konkreten Beispiel Günzburg gegenüber. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, wenn sich Keller in seiner Magisterarbeit auf den ersten Bereich beschränkt und die übrigen Teile im Rahmen eines Dissertationsprojekts intensiver bearbeitet hätte.

Anmerkungen:

[1] Klaus Theweleit: Männerphantasien, Frankfurt am Main 1979.

[2] Zdenek Zofka: Die Ausbreitung des Nationalsozialismus auf dem Lande. Eine regionale Fallstudie zur politischen Einstellung der Landbevölkerung in der Zeit des Aufstiegs und der Machtergreifung der NSDAP 1928-1936, München 1979.

Rezension über:

Sven Keller: Günzburg und der Fall Josef Mengele. Die Heimatstadt und die Jagd nach dem NS-Verbrecher (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte; Bd. 87), München: Oldenbourg 2003, 211 S., ISBN 978-3-486-64587-3, EUR 24,80

Rezension von:
Elke Thran
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Empfohlene Zitierweise:
Elke Thran: Rezension von: Sven Keller: Günzburg und der Fall Josef Mengele. Die Heimatstadt und die Jagd nach dem NS-Verbrecher, München: Oldenbourg 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/05/5899.html


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