sehepunkte 4 (2004), Nr. 5

Thorsten Altena: "Ein Häuflein Christen mitten in der Heidenwelt des dunklen Erdteils"

Thorsten Altena beschäftigt sich in dieser Studie - seiner im Jahr 2001 an der Universität Münster eingereichten Dissertation - mit deutschsprachigen protestantischen Missionaren und ihrer Tätigkeit in den afrikanischen Kolonien des Deutschen Reiches. Damit führt er die beiden Themenbereiche Mission und Kolonialismus als Ausgangspunkt seiner Arbeit zusammen, leitet hieraus jedoch nicht seine zentralen Fragestellungen ab. Diese beziehen sich vielmehr auf das "Selbst- und Fremdverständnis" der Missionare, denn Altena möchte den Motivationen und Geisteshaltungen auf die Spur kommen, die deren Arbeit auf dem afrikanischen Kontinent zugrunde lagen.

Mit diesem Interesse entspricht der Autor einem wesentlichen Desiderat der Forschung. Denn im Rahmen der Missionsgeschichte hat sich bislang niemand explizit der Frage gewidmet, wie die Tätigkeit europäischer Missionare in Übersee durch heimatliche Einflüsse geprägt wurde. Altena stellt sich dieser Aufgabe, indem er anhand einer immensen Materialfülle viele Gemeinsamkeiten im sozialen Hintergrund und der Geisteshaltung deutschsprachiger Missionare - das heißt unter Einschluss von Mitarbeitern der Basler Mission - herausarbeitet. Seine Studie verbindet sozial- und mentalitätshistorische Ansätze, wobei der Untersuchungsrahmen durch den Kontext deutscher kolonialer Tätigkeit in Afrika klar vorgegeben wird. Die verwendeten Quellen umfassen eine Vielzahl an unveröffentlichten und veröffentlichten Dokumenten, reichen von Personalakten, Briefen, Komiteeprotokollen und Berichten aus dem "Missionsfeld" bis hin zur Missionspublizistik mit Missionsperiodika und -traktaten. In methodischer Hinsicht beruht die Arbeit auf der Verbindung eines komparativen Ansatzes mit einem kategorisierenden Vorgehen: Die relevanten Fragen werden vergleichend auf alle untersuchten Missionsgesellschaften bezogen und die Gedankenwelt sowie das Verhalten der Missionare durch die Zuordnung zu abstrakten Begriffen erfasst.

Im ersten Abschnitt zeigt Altena, dass sich die deutschsprachigen Missionsgesellschaften auf unterschiedliche Weise mit dem kolonialen Kontext ihrer Arbeit arrangierten. Sie legten in der Heimat ein breites Spektrum von Handlungsweisen an den Tag, "die von einer engen Kooperation mit den Kolonialkreisen bis hin zu einer relativen Emanzipation von denselben" reichten (31). In den "Schutzgebieten" bestimmten die Umstände ihrer Arbeit - die Lebensweise der indigenen Bevölkerung, politische Maßnahmen der deutschen Behörden sowie die Haltung der Afrikaner gegenüber den Deutschen - das Ausmaß der Kooperation mit der jeweiligen Kolonialverwaltung. So begrüßte etwa die Rheinische Mission in Deutsch-Südwestafrika die Proklamation des dortigen "Schutzgebietes". Sie erhoffte sich hiervon eine Erleichterung ihrer Arbeit, die vor 1884 durch die nomadisierende Lebensweise der Einheimischen sowie durch bewaffnete Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien stark beeinträchtigt wurde. In Kamerun kam es hingegen 1898 zum Streit "zwischen der Basler Mission und der Kolonialverwaltung um die Mißhandlung und Enteignung von Einheimischen und von Missionsbesitz" (44).

Vor diesem Hintergrund untersucht Altena in den zwei zentralen Abschnitten seines Buches das Selbst- und Fremdverständnis der Missionare, indem er zunächst wesentliche Elemente ihres "allgemeinen geistigen Hintergrundes" (75) beschreibt. Er zählt hierzu ein biblisch begründetes Sendungsbewusstsein und die Überzeugung, dass wahre Kultur nur in Verbindung mit dem Christentum existiere. In seiner auf begriffliche Systematik ausgerichteten Vorgehensweise unterscheidet Altena drei Kategorien von Afrikabildern, mit denen die Missionare in unterschiedlichen Kontexten operierten: Mit dem negativ-intentionalen Afrikabild warben sie in Kreisen der Missionsfreunde um Unterstützung für ihre Arbeit, deren Notwendigkeit sie mit dem Hinweis auf die Zustände im "heidnischen" und vermeintlich kulturlosen Afrika herausstrichen. Mit dem positiv-intentionalen Afrikabild wiesen sie hingegen, ebenfalls zu propagandistischen Zwecken, auf Erfolge der Missionsarbeit bei bestimmten Ethnien hin. Das positiv-relativierte Afrikabild schließlich, wie es in den ethnologischen und linguistischen Forschungen der Missionare zum Ausdruck kam, spiegelt ein ehrliches Bemühen, die Lebensweise von Afrikanern möglichst vorurteilsfrei zu erfassen.

Erweitert wird die Darstellung in einem nächsten Schritt durch Ausführungen zum persönlichen Hintergrund der Missionare, wobei sich Altena auf einen Komplex geografischer, sozialhistorischer und religiöser Aspekte bezieht. Wie er faktenreich und überzeugend darlegt, stammten die Männer, die von den deutschsprachigen Missionsgesellschaften ausgesandt wurden, aus geografischen Kerngebieten der Erweckungsbewegung und waren von deren spezifischer Frömmigkeit geprägt. Sie waren zumeist "unter- oder kleinbürgerlicher Herkunft" (211), und die ökonomische Basis ihrer Familien lag im landwirtschaftlich-handwerklichen Bereich. Als Quellenbasis dienen hier die mit den "wesentlichen biographischen Angaben" (194) rekonstruierten Lebensläufe aller 371 Missionare der in afrikanischen Kolonien tätigen Gesellschaften - der Rheinischen Mission in Deutsch-Südwestafrika, der Basler Mission in Kamerun, der Norddeutschen Mission in Togo sowie verschiedener Missionsgesellschaften in Deutsch-Ostafrika (Evangelische Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika, Berliner Missionsgesellschaft, Herrnhuter Brüderunität und Leipziger Missionsgesellschaft).

Im letzten Abschnitt zeigt Altena, dass die mentale Prägung der Missionare, die sich in den beschriebenen Afrikabildern sowie in kleinbürgerlichen Vorstellungen von einem idealen Leben afrikanischer Christen ausdrückte, durch die Tätigkeit in den Kolonien zwangsläufig modifiziert wurde. Er gelangt zu dem Schluss, dass der "qualitative Erfolg der Missionsarbeit in Form einer Indigenisierung des Christentums" davon abhing, "wie früh bei den Missionaren vor Ort die Einsicht wuchs, von bestehenden Bildern und Urteilen nötigenfalls Abstand zu nehmen" (420).

Diese solide Studie beschäftigt sich nicht mit prinzipiell neuen Fragestellungen und Thesen. Wer wüsste etwa nicht, dass Missionare ein biblisch geprägtes Sendungsbewusstsein besaßen, und für wen ist es neu, dass sie nicht "an der Richtigkeit ihres Handelns [zweifelten], den Afrikanern den christlichen Glauben und die dazugehörende, spezifische Auffassung einer purifizierten abendländisch-christlichen Kultur zu vermitteln" (413)? Derartige plausible Annahmen sind hier allerdings für den deutschsprachigen Raum zum ersten Mal systematisch untersucht und bestätigt worden, worin der Gewinn von Altenas Arbeit liegt. Ergänzt wird das Buch durch einen mehr als 600 Seiten langen Anhang auf CD-ROM. Er enthält 800 Kurzviten sämtlicher ordinierter und nichtordinierter Mitarbeiter der in den deutsch-afrikanischen Kolonien tätigen Missionsgesellschaften, dazu Chroniken, Karten und Zeitleisten, die ihre Arbeit dokumentieren.

Rezension über:

Thorsten Altena: "Ein Häuflein Christen mitten in der Heidenwelt des dunklen Erdteils". Zum Selbst- und Fremdverständnis protestantischer Missionare im kolonialen Afrika 1884-1918 (= Internationale Hochschulschriften; Bd. 395), Münster: Waxmann 2003, 531 S., 12 Abb., 1 CD-Rom, ISBN 978-3-8309-1199-9, EUR 44,90

Rezension von:
Sonia Abun-Nasr
Basel
Empfohlene Zitierweise:
Sonia Abun-Nasr: Rezension von: Thorsten Altena: "Ein Häuflein Christen mitten in der Heidenwelt des dunklen Erdteils". Zum Selbst- und Fremdverständnis protestantischer Missionare im kolonialen Afrika 1884-1918, Münster: Waxmann 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 5 [15.05.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/05/4459.html


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