Rezension über:

Alessandra Contini: La reggenza lorenese tra Firenze e Vienna. Logiche dinastiche, uomini e governo (1737-1766) (= Accademia Toscana di Scienze e Lettere 'La Colombaria'; CXCIX), Florenz: Leo S. Olschki 2002, XXVIII S., EUR 46,00

Rezension von:
Renate Zedinger
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Renate Zedinger: Rezension von: Alessandra Contini: La reggenza lorenese tra Firenze e Vienna. Logiche dinastiche, uomini e governo (1737-1766), Florenz: Leo S. Olschki 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 4 [15.04.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/04/4765.html


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Alessandra Contini: La reggenza lorenese tra Firenze e Vienna

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Nach jahrelanger Forschungsarbeit und einer Reihe von einschlägigen Aufsätzen in Tagungs- und Sammelbänden, die dem Übergang der Herrschaft von den Medici an die Lothringer im Großherzogtum Toskana gewidmet waren, legt Alessandra Contini nunmehr eine Gesamtdarstellung zur Regierungszeit Franz Stephans von Lothringen vor; es handelt sich dabei um den Zeitraum von 1737 bis 1765.

Wenn "die Historiographie zugleich Ausdruck einer indirekten Auseinandersetzung mit dem Geist der Zeit" (Gontier-Louis Fink) sein soll, können die erst seit rund dreißig Jahren unternommenen Forschungen zur 'Reggenza lorenese' diese Aussage bestätigen; alles, was mit dem Haus Habsburg in Verbindung gebracht werden konnte, war stillschweigend übergangen worden. Die Beschäftigung mit der glanzvollen Epoche der Medici war wesentlich unproblematischer, jene mit dem Königreich Italien viel ergiebiger. Die dazwischen liegende Lücke von rund 170 Jahren füllte die 'Reggenza lorenese', zu deren Erforschung auch Alessandra Contini einen wesentlichen Beitrag leistet. Die heute in der italienischen Historiografie als Lothringische Herrschaft bezeichnete Periode fand ihren Abschluss 1860 durch die Vereinigung der Toskana mit dem neuen Königreich Italien. Die vorliegende Untersuchung ist dem mühevollen Beginn dieser Ära gewidmet.

Den Ereignissen rund um den Herrschaftswechsel war ein zähes Ringen der europäischen Großmächte vorausgegangen, wobei nationale Interessen, familiäre Bindungen und das Streben nach dem Gleichgewicht der Kräfte die Herrscher, deren Diplomaten und Kabinette beschäftigten. Die Thronfolge im Wahlkönigreich Polen hatte 1733 den Konflikt ausgelöst, der zum Krieg eskalierte; mit einem umfangreichen Ländertausch konnte er beendet werden: Stanislaus Leszczinski, der Kandidat Frankreichs, verzichtete auf den polnischen Thron zu Gunsten des habsburgischen Favoriten und erhielt dafür das Herzogtum Lothringen. Für die Abtretung seiner Territorien sollte Franz Stephan von Lothringen, der Schwiegersohn Karls VI. und spätere Kaiser, nach dem Tod des letzten, kinderlosen Medici mit dem Großherzogtum Toskana entschädigt werden. So wie es die europäischen Großmächte geplant hatten, konnte nach dem am 9. Juli 1737 eingetretenen Tod des Gian Gastone de' Medici die 'Reggenza lorenese' ihren Anfang nehmen.

Die im Titel programmatisch angekündigten Schwerpunkte führen als Leitfaden durch die Untersuchung. Ein besonderes Anliegen der Autorin war es, die vielfältigen Interessen der einzelnen Mächte, die Verflechtungen der Höfe und Dynastien, die Strategien der Kriege und der Diplomatie aufzuzeigen. Auch andere italienische Staaten, wie die Lombardei, Neapel oder Parma und Piacenza, erlebten im 18. Jahrhundert dynastische Veränderungen mit unterschiedlichen Auswirkungen; am Beispiel der Toskana sollte auch aufgezeigt werden, dass trotz anfänglicher Ablehnung des neuen Herrscherhauses und unterschiedlicher Herkunft der handelnden Personen in einem synergetischen Prozess Übereinstimmung im sozialen, kulturellen und politischen Leben gefunden werden konnte.

Alessandra Contini teilt ihre Darstellung in drei Abschnitte ein: Der erste Teil ist dem Beginn der lothringischen Herrschaft gewidmet, dem Hof und den Repräsentanten des neuen Großherzogs, den ersten Regierungserfahrungen sowie dem gewaltigen Umzug. Von Lothringen nach Florenz übersiedelte der gesamte Hof, die Menschen, die Tiere, die Möbel, die Sammlungen, die Archive und die Bibliothek. Große Teile des lothringischen Adels, aber auch Gelehrte, Künstler, Wissenschaftler, Handwerker und Bauern folgten ihrem legitimen Herrscher in eine ungewisse Zukunft. Der bevollmächtigte Minister Marquis de Beauvau-Craon ließ sich die Rückzugsmöglichkeit offen: Zwar repräsentierte er Franz Stephan von Lothringen in der Toskana, doch empfand er den Ländertausch durchaus nicht als irreversibeln Schachzug im Spiel der Mächtigen. Jedenfalls behielt er seine lothringischen Güter und pflegte gute Kontakte zum Hof in Versailles. Für die Mehrzahl der Emigranten war der Abschied jedoch endgültig, und sie hatten sich in die neue Umgebung einzufügen. Hilfreich für eine schnellere Integration erwiesen sich Nobilitierungen; damit sahen sich die lothringischen Beamten den einheimischen Funktionären gleich gestellt, auf deren Mitarbeit nicht verzichtet werden konnte. Allerdings wurden die Spitzenpositionen, vor allem im Finanzwesen, mit verlässlichen und erfahrenen Lothringern besetzt - galt es doch, das bankrotte Großherzogtum schnellstens zu sanieren. Anlässlich seines Besuches 1739 hatte der Großherzog die entsprechenden Anordnungen getroffen. Die Wahl Franz Stephans von Lothringen zum Kaiser im Jahr 1745 veränderte erneut die Lebenswelt mancher Lothringer, die nun nach Wien gerufen wurden. Ungewöhnlich sind auch die sich daraus ergebenden Konsequenzen, denn nun gab es zwei lothringische Höfe: einen in Florenz und einen in Wien.

Das zweite Kapitel ist der Darstellung der Regierungsgeschäfte vor dem Hintergrund des Österreichischen Erbfolgekrieges gewidmet. Diese Jahre der Reggenza lorenese waren gekennzeichnet durch das Ringen um den eigenständigen Weg, durch die Abgrenzung von der offiziellen habsburgischen Politik, durch das Bemühen des Großherzogs, die Toskana aus den kriegerischen Ereignissen herauszuhalten. Die Situation war für Franz Stephan von Lothringen zwiespältig, da er einerseits an der Neutralität der Toskana festhielt, andererseits aber an der Spitze der habsburgischen Militärhierarchie stand. Tatsächlich zeigte sich nach Abschluss der Friedensverhandlungen von Aachen, dass durch die gemeinsamen lothringisch-toskanischen Bemühungen, die das Großherzogtum zwar finanziell belastet, aber kriegerisch nicht betroffen hatten, ein neues Identitätsbewusstsein entstand.

Im dritten Kapitel macht Contini den strukturellen Wandel bewusst, der sich bereits abzuzeichnen begonnen hatte. Die Stellung der neuen Dynastie war gefestigt, die generellen Linien der Politik waren vorgegeben, auch der Siebenjährige Krieg beeinflusste den autonomen Kurs der Toskana nicht mehr. Mit dem neuen bevollmächtigten Minister Antoniotto Botta Adorno wurde die lothringische Führungsriege abgelöst und durch ortsansässige oder zumindest italienische Funktionäre ersetzt. Die Rivalitäten und Differenzen zwischen der einheimischen und zugewanderten Bevölkerung nahmen ab und ebneten den Weg für einen neuen Regierungsstil; unter dem Nachfolger Pietro Leopoldo wurde die Legitimität der lothringischen Dynastie nicht mehr infrage gestellt.

Dem ambitionierten Anliegen wird die Publikation weitestgehend gerecht, die übersichtlich gestaltete Darstellung bietet gut lesbare Informationen und veranschaulicht facettenreich die Schwierigkeiten und Probleme jener Jahre. Einige, für die 'Reggenza lorenese' besonders signifikante Tabellen zum wirtschaftlichen Aufschwung sowie zum militärischen Potenzial des Großherzogtums runden das Bild ab; die ebenfalls im Anhang edierten Archivdokumente sind teilweise schon in deutschsprachigen Publikationen zu finden, stellen aber sicherlich für den italienischen Leser eine wertvolle Ergänzung dar. Wünschenswert wäre ein Quellen- und Literaturverzeichnis gewesen. Die von Alessandra Contini verwendeten Archivalien sowie die benützte Literatur sind lediglich in den Anmerkungen ersichtlich, die Suche nach dem Erstzitat ist mühsam; soweit feststellbar, hat die Autorin neben Florenz auch in Prag und Wien gearbeitet, die erstrebenswerte Zusammenstellung des "lothringisch-toskanischen Archivbestandes im europäischen Raum" bleibt jedoch ein Forschungsdesiderat.

Renate Zedinger