sehepunkte 4 (2004), Nr. 3

Moritz Föllmer: Die Verteidigung der bürgerlichen Nation

Im Kontext der inzwischen umfangreichen Nationalismusforschung stellt sich Moritz Föllmer eine lohnende Frage: Er untersucht bürgerliche Eliten in Deutschland und Frankreich über die politischen System- und Epochenschwellen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hinweg und fragt nach Kontinuitäten und Brüchen des Leitbildes Nation. Wie interpretierten die jeweiligen bürgerlichen Eliten die Nation? Welche Deutungen der Wirklichkeit eröffneten sich ihnen durch ihre nationalen Vorstellungen? So plausibel die Beschränkung auf zwei soziale Gruppen - Industrielle und hohe Beamte - ist, so zurückhaltend ist jedoch auch die Begründung der Auswahl der untersuchten Akteure und publizistischen Organe. Föllmers Untersuchungsregionen (Düsseldorf und Württemberg, Lyon und die Region Lille) enthalten klassische strukturelle Differenzierungen (Exportorientierung versus Schutzzollorientierung). Mit seinen Quellen versucht der Autor vier Handlungsbereiche zu erfassen: Verbandsschrifttum, Verwaltungsakten, Selbstdarstellungen von Unternehmern und Unternehmen sowie stadtgeschichtliche Materialien.

Das Material ist heterogen - was per se kein Nachteil ist. Integriert werden können derartig diversifizierte Bestände durch eine klare Fragestellung sowie durch überlegtes methodisches Vorgehen. Föllmer schließt sich an die inzwischen weithin akzeptierte Erkenntnis der Konstruiertheit von Nation an, er folgt hier Anderson, Lepsius, Hobsbawm und anderen. Ob die Traditionen hierbei nur 'erfunden' werden (12), kann jedoch bezweifelt werden. Föllmer betont die "universelle Anpassungsfähigkeit der Nation" als Leitidee (13), darin liege geradezu ihre entscheidende Erfolgsbedingung. Seine Ausgangsüberlegung besteht darin, nach der Persistenz bürgerlicher Deutungsfiguren über die Krisen und Umbrüche seit 1914 hinweg zu fragen. Dieser Zugriff ist sicherlich ohne jeden Zweifel sinnvoll und potenziell fruchtbar. Denn allzu viele Studien sozial- wie kulturgeschichtlichen Zuschnitts verlassen das Prokrustesbett der politischen Epocheneinteilung nicht. Föllmer argumentiert letztlich teils explizit, teils implizit gegen zwei große Interpretationen an: zum einen gegen die These des Niedergangs bürgerlicher Überzeugungen und Werte im 20. Jahrhundert, zum andern gegen das Modell des deutschen Sonderwegs.

Hinderlich ist es bei diesem Ziel jedoch, die theoretischen und methodischen Erläuterungen mehr als karg zu gestalten. Einerseits bemüht Föllmer den Begriff "Selbstdeutung" an zentraler Stelle, um sein Vorgehen zu beschreiben. Andererseits aber fehlen Hinweise, in welchem theoretischen Rahmen und mit welchem methodischen Instrumentarium er Selbstdeutungen von Gruppen untersuchen will. Allzu oft werden hier deshalb einzelne Äußerungen als Beleg für die untersuchten Gruppen genommen. Die kritischen Studien hatten bisher bei vielen den Ruf der Theorielastigkeit - diesen 'Vorwurf' kann man dem Autor sicher nicht machen. Doch ob in dieser Genügsamkeit ein Gewinn liegt, kann bezweifelt werden.

Föllmers zentrale These lautet, dass der "massive Durchbruch völkischer Deutungsmuster", der in Deutschland zu beobachten sei und den zentralen Unterschied zu Frankreich markiere, "infolge der Kriegserfahrungen der Nachkriegszeit" stattgefunden habe (299). Aufgeworfen ist damit die Frage, wie langfristige Bedingungen und kurzfristige Konstellationen ein Phänomen erklären können. Der Autor entscheidet sich, dezidiert gegen alte Deutungen des deutschen Sonderwegs Stellung nehmend, für die Betonung kurzfristiger Faktoren. Das hat einiges für sich - darin ist aber nicht alles enthalten. Denn Föllmer hebt selber - durchaus überzeugend - hervor, dass in Deutschland schon vor 1914 gerade die Beamten zu völkischen Sichtweisen neigten, dass der Partizipationsgedanke mit imperialistischen Zielen eng verbunden wurde, dass hier der Anspruch auf Einheit stark ausgeprägt war. Ebenso nahmen in Deutschland bereits im Krieg völkische Deutungen zu, erfuhren die Bürokratie und damit der Staat einen deutlichen Legitimationsverlust und formten sich utopische Erwartungen an die 'Nation' umso mehr, als die Kriegszielhoffnungen als illusionär erkennbar wurden. Das unterschied Vorstellungen der Nation in Deutschland bereits bei Kriegsende von den analogen Konzeptionen in Frankreich, das war die Grundlage für die Wirkung, die die Erfahrung des Sieges im einen Fall und die Erfahrung der Niederlage im andern hervorrufen konnte. In Frankreich sahen sich die Eliten in ihrem Selbstverständnis nach 1918 gestärkt, das stabilisierte die politische Ordnung ebenso wie die durch den Krieg herbeigeführte Abschwächung der rigiden Trennung in ein katholisches und ein laizistisches Lager. In Deutschland hingegen beförderte die Staatszertrümmerung eine nicht nur als politisch wahrgenommene Krisenerfahrung. Der Rekurs auf das "Volk", welches zunehmend biologistisch gedeutet wurde und welches zur "Volksgemeinschaft" werden sollte, erschien hier als Ausweg. Semantisch wird die Radikalität der Krisendeutung auch daran deutlich, dass einerseits der Rekurs auf das Volk als Mittel der Erneuerung beschworen, doch andererseits der 'Volkskörper' selbst schon als krank gedeutet wurde.

Die Einzelinterpretationen Föllmers sind durchaus überzeugend, skeptisch kann man gegenüber seinen zwei Hauptthesen bleiben.

1. Er betont, dass sowohl im Krieg als auch danach bürgerliche Werte eher eine Stabilisierung oder gar Stärkung erfahren hätten. Er lehnt deshalb gängige Deutungen von der Auflösung des Bürgertums ab; das gelte für Frankreich wie für Deutschland gleichermaßen. Bürgerlichkeit umfasste eben weit mehr an Werten als Ordnung, Sauberkeit und Arbeit, die hier zitiert werden. Vor allem aber: die von Föllmer zitierten Quellen sprechen von "deutscher Arbeit" (202 und öfter). Das spricht eher dafür, dass der Wert der Arbeit nationalisiert, mit völkischen Deutungen aufgeladen wurde. Gerade im Kontakt mit Angehörigen anderer Bevölkerungsgruppen konnte Bürgerlichkeit kein nationsübergreifendes Band mehr stiften, vielmehr durchdrangen völkische Kategorien die traditionellen bürgerlichen Werte.

2. So überzeugend es ist, die Wirkungen der Niederlage von 1918 für die Entwicklung in Deutschland zu untersuchen, so bleibt es doch fraglich, den Durchmarsch des völkischen Denkens nur als Folge der Niederlage zu deuten. Denn Föllmer zeigt ja auch eine beeindruckende Kontinuität des Denkens in Deutschland. Ein krasser Bruch in den Werten, Vorstellungen und Deutungen der Nation ist nicht zu erkennen.

Eine abschließende Bilanz zu dem Band bleibt deshalb ambivalent. So überzeugend die parallele Beschreibung der Elitenäußerungen in Deutschland und Frankreich vorgenommen wird, so wichtig der politische Zäsuren übergreifende zeitliche Horizont der Arbeit ist - so begrenzt die theoretische Kargheit der Studie doch ihren Interpretationsraum. Umso wichtiger wird es sein, dass weitere Studien ebenfalls den von Föllmer beschrittenen Weg gehen, über die Grenzen der politischen Systemzäsuren hinweg zu forschen.

Rezension über:

Moritz Föllmer: Die Verteidigung der bürgerlichen Nation. Industrielle und hohe Beamte in Deutschland und Frankreich 1900-1930 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft; Bd. 154), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2002, 352 S., ISBN 978-3-525-35168-0, EUR 44,00

Rezension von:
Manfred Hettling
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Hettling: Rezension von: Moritz Föllmer: Die Verteidigung der bürgerlichen Nation. Industrielle und hohe Beamte in Deutschland und Frankreich 1900-1930, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 [15.03.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/03/2865.html


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