Rezension über:

Philip Conner: Huguenot Heartland. Montauban and Southern French Calvinism during the Wars of Religion (= St Andrews Studies in Reformation History), Aldershot: Ashgate 2002, XIV + 257 S., ISBN 978-0-7546-0762-5, GBP 47,50
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Rezension von:
Jan-Friedrich Mißfelder
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Jan-Friedrich Mißfelder: Rezension von: Philip Conner: Huguenot Heartland. Montauban and Southern French Calvinism during the Wars of Religion, Aldershot: Ashgate 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3 [15.03.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/03/4290.html


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Philip Conner: Huguenot Heartland

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Als Gegenbewegung zum notorischen Zentralismus hat sich in Frankreich stets eine Haltung des betonten Regionalismus artikuliert, die kaum präziser charakterisiert werden kann als in den Worten des Dorfältesten Methusalix, er habe nichts gegen Fremde, doch diese Fremden seien anders, denn sie seien nicht von hier. Historiografisch entspricht dieser Tendenz nicht nur eine sehr vitale Lokalgeschichtsschreibung, sondern seit circa zwanzig Jahren auch in der Reformationsgeschichte ein veritabler "localist turn", der die Eigenheiten der französischen Provinz hervorhebt und somit die Paris- und hofzentrierte Historiografie mehr und mehr unterläuft. Ausgehend von der Diagnose der Reformation als "urban event" bildet hier die (Provinz-)Stadt die Analyseeinheit. Die vielfältigen Eigenheiten und Ungleichzeitigkeiten in Verlauf, Trägerschaft und Ergebnis der Reformation verunmöglichen mehr und mehr die Rede von einer einheitlichen "Reformation in Frankreich" zugunsten lokal und regional sehr verschiedener Einzelgeschichten.

Die Studie Philip Conners zu Montauban ordnet sich daher auf der einen Seite in diese Tradition ein, indem sie mit der südfranzösischen Hugenottenhochburg eine einzelne Stadt als Untersuchungsgegenstand wählt und zugleich die Besonderheit des Midi als "a world apart" (1) herausstreicht. Auf der anderen Seite beansprucht Conner aber zugleich, historiografisches Neuland zu betreten. Dass die Geschichte der Reformation und der Religionskriege südlich der Loire "a largely untold story" (2) sei, die nun mit Montauban als Fallbeispiel erzählt werden könne, ist aber angesichts der Existenz detaillierter Studien zum Beispiel zu La Rochelle, Nîmes, Avignon, Toulouse, Marseille, Limoges, Lyons, Grenoble, zum Languedoc oder zum Béarn - gelinde gesagt - leicht übertrieben. Gleichwohl erweist sich diese Tatsache als die Bedingung der Möglichkeit des historiografischen Ansatzes. Denn wer sagen will, was an einer Situation spezifisch war, muss wissen, wie es sich andernorts verhielt. So greift denn auch Conner eher stillschweigend auf die zitierten Forschungen zurück, um seinen Fall vergleichend zu konturieren. Überdies legt die besondere Situation in Montauban ein solches Vorgehen nahe. Denn hier fehlen dem Historiker fast alle zentralen Quellen einer abgeschlossenen städtischen Reformationsgeschichte, vor allem Rats- und Konsistorialprotokolle. Stattdessen kann er von den Erfahrungen im Umgang mit den vorhandenen Notariatsakten profitieren, die vor allem für Rouen und La Rochelle eine eigene Form der Sozialgeschichte möglich gemacht haben. [1] So macht Conner aus der Not der Quellenarmut die Tugend der Komparatistik. Immer wieder entwickelt er seine Fragestellungen aus den Befunden der Forschung zu anderen französischen Städten, aber auch zur Rolle des städtischen Calvinismus in den Niederlanden. Dies ermöglicht es ihm, flexibel auf die durchaus prekäre Quellensituation zu reagieren und offensichtlichen Lücken offensiv zu begegnen.

Mit der durch die Quellensituation gebotenen Vorsicht gelingt es Conner, die Geschichte Montaubans gleichsam zu umkreisen und auf verschiedenen Gebieten Sonden in die Tiefe der städtischen Gesellschaft zu senken. So erhält das Buch zwar manchmal eher den Charakter einer Geschichte in Aspekten denn einer stringenten Narration. Gleichwohl lässt sich eine Reihe von Punkten festhalten. Die Durchsetzung der Reformation in Montauban wird als Revolution von oben charakterisiert, in der die städtischen Eliten des Konsulats (Rat) auf die wachsenden Spannungen in der Bevölkerung reagierten, indem sie sich an die Spitze der Bewegung stellten. Auf diese Weise gelang es der Elite nicht nur, ihre Position auch über den Bruch der Reformation hinweg zu sichern, sondern auch von ihr zu profitieren. Analysen der Notariatsakten hinsichtlich der gesellschaftlichen Vernetzung über Patenschaften und Namensgebung ergeben für Conner, dass "the Reformation provided impetus for the fusion of blood, kinship and confessional identity" (38). Auf diese Weise fungierte das Konsistorium als dritte sozialintegrative Institution neben dem Konsulat und dem Gerichtshof des Sénéchal. Dies wurde vor allem dadurch ermöglicht, dass auch der reformierte Klerus überwiegend aus der eigenen Bevölkerung rekrutiert werden konnte, ohne auf die kolonisatorische Unterstützung durch Genf angewiesen zu sein. Conner beschreibt die städtische Gesellschaft als in hohem Maße über das gemeinsame reformierte Bekenntnis integriert. Der Calvinismus erhält dabei gerade durch seine enge Kopplung mit lokalen Traditionen und Institutionen seine identitätsstiftende Kraft. Conner diskutiert in diesem Zusammenhang die Rolle der konfessionellen Identität in einer Majoritätssituation. Waren reformierte Kirchen fast überall sonst in Frankreich deshalb so inklusiv, weil man sich gegen die feindliche Umwelt zu verteidigen hatte, so war die Lage in Montauban durch die annähernde Kongruenz von stadtbürgerlichem Status und reformiertem Bekenntnis eine andere. In diesem Kontext wirkte nach Conner vor allem der direkte katholische Nachbar Toulouse als das gemeinsame Außen, das die Integration als Abwehrhaltung sicherte: "In Montauban, urban religious identity came to be shaped as much by external insecurity as by internal security" (219). Die innere Kohäsion entlang der konfessionellen Markierung gelang vor allem durch eine rigide Politik der Disziplinierung. Conner kann zeigen, dass die gottgefällige Gemeinde Montauban ihre Sozialkontrolle mehr und mehr verstärkte, indem weltliche und kirchliche Disziplinar- und Justizorgane eng zusammenarbeiteten.

Das Leitmotiv der relativen Autonomie Montaubans nach außen wird in doppelter Hinsicht thematisiert. Zum einen diskutiert Conner die Funktion der Stadt als regionales Zentrum in der reformierten Landschaft des Midi, mithin die Rolle Montaubans als "mother church" (89). Die Stadt war dabei zum einen über reformierte Adlige mit ihrem unmittelbaren Umland vernetzt und übte zum anderen auf regionalen Kolloquien der reformierten Kirche prominente Funktionen aus. Gerade in der Situation der immer wieder aufflackernden konfessionellen Bürgerkriege und der relativen Nähe zum radikal-ligistischen Toulouse fungierte Montauban als Zentrum eines Netzwerkes von kleineren Kirchen und Stadtgemeinden und sicherte so deren Existenz. Diese vor allem räumlich limitierte Funktion der Stadt nutzt Conner darüber hinaus für ein viel weiter gehendes Argument und eine scharfe Polemik gegen die Rekonstruktion der so genannten "Provinces-unies du Midi". Einen solchen von der Forschung vor allem im Anschluss an Janine Garrisson rekonstruierten hugenottischen Bund gegen die Autorität des Königs vor allem auf stadtgemeindlicher Grundlage nach niederländischem Vorbild, einen Staat im Staate, habe es faktisch nie gegeben. Vielmehr handle es sich hierbei um eine "historiographical fabrication" (141), die durch die liberale, anti-klerikale Historiografietradition des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach Traditionen nicht-zentralistischer republikanischer Politik lanciert worden sei. Conner hält diesem Modell als These entgegen: "Rather than a Huguenot republic with all its associations of a distinct geographical region, Huguenot strategy was much more localised" (126). Selbst die 1574 in Millau verabschiedete vermeintliche Verfassung der "Provinces-unies" weise eher auf die lokal organisierten katholischen Ligues der 1580er- und 1590er-Jahre voraus als auf einen eigenen Staat, was immer das sei. Obwohl Conner hier gewichtige Argumente gegen die Überbewertung dieser Assoziation liefert, sind die "Provinces-unies" jedoch keineswegs "nonsense" (165). Vielmehr entfalteten sie ihre politische Wirkung vor allem in der Rezeption in der katholischen und royalistischen Polemik gegen jegliche politische Organisation der Hugenotten bis weit ins 17. Jahrhundert hinein. [2] Conners Argument für die starke Integration der Stadtgemeinde Montauban ließe sich hier variieren. Gerade die Verbindung von politischer Assoziation und konfessioneller Identität ließ (mit dem Schreckbild der Niederlande im Hintergrund!) die faktisch vergleichsweise dezentrale Praxis reformierter Vereinigungen umso bedrohlicher erscheinen. Diese Perspektive lässt Conner allerdings gänzlich außen vor.

Auch in Bezug auf die calvinistische Internationale kann Conner seine These von der relativen Autonomie Montaubans verfolgen. Zwar zeigt er überzeugend, dass der französische Süden vor allem durch den Mangel an eigenen Druckerpressen mit dem internationalen Buchhandel und damit auch mit der ideologischen Meinungsführerschaft Genfs und La Rochelles notgedrungen vernetzt sein musste. Doch bewirkte wiederum die starke indigene Natur der Geistlichkeit eine gewisse Unabhängigkeit von diesen Einflüssen. Vor allem war Montauban beinahe gänzlich von der konfessionellen Migration innerhalb der calvinistischen Internationalen ausgenommen. Dies hatte - so argumentiert Conner überzeugend - nicht nur soziale, sondern vor allem auch ideologische Folgen. Die "acute experience of exile, massacre and martyrdom" (215) blieb der Stadt erspart, sodass die konfessionelle Identität ein weiteres Mal vor allem in lokaler Abgrenzung zum katholischen Umland mit seinem Zentrum Toulouse entworfen werden musste.

Philip Connors umsichtige, methodisch reflektierte und dabei angenehm unaufdringliche Studie belegt somit vor allem die Notwendigkeit zu differenzieren: zwischen lokalen, regionalen und überregionalen Entwicklungen. So erweist sich Montauban als ein weiterer ganz spezifischer Fall in der immer vielschichtigeren Geschichte der französischen Religionskriege. Dass eine solche Differenzierung aber zugleich erst vor dem Hintergrund der umfassenden Kenntnis der anderen ganz spezifischen Fälle möglich ist, zeigt Connors souveränes Buch en passant auch noch.

Anmerkungen:

[1] Vergleiche Philip Benedict: Rouen during the Wars of Religion, Cambridge 1981; Kevin C. Robbins: City on the Ocean Sea: La Rochelle 1530-1650. Urban Society, Religion and Politics on the French Atlantic Frontier, Leiden u.a. 1997.

[2] Vergleiche Arthur Herman: The Huguneot Republic and Antirepublicanism in Seventeenth-Century France, in: Journal of the History of Ideas 53 (1992), 249-269.

Jan-Friedrich Mißfelder