sehepunkte 4 (2004), Nr. 2

Roland Vetter: "Kein Stein soll auf dem andern bleiben"

Die zahlreichen Kriege der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts richteten vielfach Verwüstungen an, die denen des Dreißigjährigen Krieges in nichts nachstanden und für lange Zeit tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Bewohner der betroffenen Landstriche hinterlassen haben. Dazu gehört auch der so genannte Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-1697), in dessen Verlauf weite Teile der Pfalz von französischen Truppen verheert und die Städte Frankenthal, Heidelberg, Mannheim, Speyer und Worms beinahe vollständig zerstört wurden.

Im aktuellen historischen Diskurs allerdings spielen diese Kriege kaum noch eine Rolle. Sie werden von der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg überlagert, der sich in einer zunehmend kulturgeschichtlich orientierten Historiografie und Erinnerungskultur zur exemplarischen Kriegserfahrung der früheren Neuzeit verdichtet und dabei die übrigen Konflikte des 17. Jahrhunderts mit ihren Schrecken gleichsam in sich aufgesogen hat. Die national orientierte Geschichtsschreibung des 19. und früheren 20. Jahrhunderts dagegen sah es als ihre Aufgabe an, die Erinnerung an die Zerstörung der Pfalz im Dienst einer nationalistischen, gegen Frankreich gerichteten Politik aufrecht zu erhalten. Dieser antifranzösische Grundtenor ist denn auch nicht nur den so genannten 'Standardwerken' immanent, die bis in die jüngste Zeit wieder aufgelegt wurden, [1] sondern hat weitgehend auch die lokalgeschichtliche Forschungstradition geprägt.

Roland Vetter, der sich in mehreren Veröffentlichungen mit dem Pfälzischen Erbfolgekrieg beschäftigt hat, unternimmt nun in dem vorliegenden Band aus der Schriftenreihe des Stadtarchivs Mannheim den Versuch, die Zerstörung der Stadt 1689 frei von Polemik und unter Heranziehung bislang unberücksichtigter französischer Quellen aus dem Heeresarchiv (Service historique de l'armée de terre) in Vincennes darzustellen. Er verfolgt damit die doppelte Absicht einer stadtgeschichtlichen wie auch einer allgemein (militär-)geschichtlichen Studie zum Vorgehen der Armee Ludwigs XIV., da der pfälzische Kriegsschauplatz in der französischen Historiografie nur eine marginale Rolle spielt.

Ausgehend von einer kurzen Rekapitulation der französischen Expansionspolitik gegenüber dem Reich schildert Vetter auf gut einhundert Seiten in einer quellennahen Darstellung den Gang der Ereignisse, beginnend mit dem Angriff auf die linksrheinische Festung Philippsburg am 25. September 1688. Endpunkt ist die Zerstörung Mannheims im März 1689. Die Stadt fiel, da Hilfsappelle an Kaiser und Reich wirkungslos blieben, nach nur kurzer Belagerung schon am 11. November 1688 in die Hand der Franzosen; sechs Tage später gab der französische Kriegsminister Louvois den (anfangs noch geheimen) Zerstörungsbefehl, auf den hin zunächst jedoch nur mit der Schleifung der Festung begonnen wurde. Beides, die begonnene Einebnung der Befestigungsanlagen wie die geplante Totalzerstörung, diente vermutlich demselben Ziel: im Aktionsradius der nun von den Franzosen gehaltenen Festung Philippsburg keine Gegenwehr aus befestigten Plätzen befürchten zu müssen.

Ab dem Jahreswechsel 1688/89 änderte sich die militärische Lage mit dem Vormarsch kursächsischer Truppen; die Franzosen begannen auf ihrem Rückmarsch, die aufgegebenen Plätze anzuzünden. Im Februar erteilten Louvois beziehungsweise der König Befehl, Heidelberg noch vor Mannheim zu zerstören; während die Neckarresidenz jedoch (für diesmal) noch weitgehend verschont blieb, wurde Mannheim gänzlich niedergebrannt. Auch die von den wenigen verbliebenen Einwohnern, die sich nicht dem Exodus nach Norden angeschlossen hatten, errichtete Neusiedlung wurde Ende Dezember 1691 noch einmal zerstört. Der umfassende Wiederaufbau Mannheims erfolgte erst nach dem Frieden von Rijswijk vom Oktober 1697.

Was die französische 'Politik der verbrannten Erde' betrifft, kann Vetter überzeugend darlegen, dass es sich um Politik im engeren Sinn handelte, das heißt die Zerstörungen entsprangen nicht der militärischen Lage vor Ort, sondern waren von Louvois beziehungsweise dem König angeordnet und wurden von den kommandierenden Offizieren nur widerstrebend - anfangs sogar allenfalls unvollkommen - ausgeführt, wofür diese vom Kriegsminister wiederholt gerügt wurden. Vetters Vorstellung allerdings, die Aktionen seien von Versailles aus "ferngesteuert" worden und Louvois habe die Offiziere wie "Marionnetten" (31) gelenkt, werden den stark von Ehrvorstellungen und Klientelbeziehungen geprägten 'Kommandostrukturen' des adligen Offizierskorps ebenso wenig gerecht wie die Beschreibung dieser Konfliktlage mittels anachronistischer und daher wenig erhellender Kategorien wie "Kadavergehorsam" (14) oder "Schreibtischtäter" (15), selbst wenn man Letztere in Anführungszeichen setzt. Ebenso ist zu bezweifeln, dass Louvois' Handeln ausschließlich mit dessen "zynischem Rechtfertigungsdrang" (17) zu erklären ist, auch wenn es sich dabei um ein übersetztes Zitat André Corvisiers handelt.

Überhaupt neigt der Autor zu plakativen und empatischen Wendungen, die der sachlichen Analyse abträglich sind (zum Beispiel wird des Öfteren "geheuchelt"), und trotz der Absicht, die französische Position neutral zu beurteilen, sitzt er doch bisweilen der Diktion der älteren Literatur auf, die er ebenso gerne und ausgiebig zitiert wie die Briefe der mit dem Bruder Ludwigs XIV. verheirateten pfälzischen Prinzessin Elisabeth Charlotte ("Liselotte von der Pfalz"). Auch lässt der Umgang mit den Quellen an einigen Stellen etwas an Sorgfalt vermissen, wenn zum Beispiel eine Flugschrift mit dem Titel "Entwurff Landauischer Gedenck=Müntz", die durch die brennende Stadt im Hintergrund des Titelkupfers leicht als bittere Satire zu erkennen ist, als ernst gemeinter Entwurf einer Gedenkmünze für den Landauer Gouverneur de Mélac (1636-1704) interpretiert wird (101)! Demgegenüber ist positiv das durchgängige Bemühen um wissenschaftliche Nachprüfbarkeit hervorzuheben, das unter anderem in einem ausführlichen Personen- und einem topografischen Register sowie dem umfänglichen Anmerkungsapparat sichtbar wird.

Der eigentliche Clou des Werkes aber ist die beigelegte CD-ROM, deren Kernstück die Edition von 132 Schriftstücken aus der Korrespondenz Louvois' im Château de Vincennes ist. Angesichts des schier überwältigenden Umfangs dieser so genannten "série A" (allein für das Kriegsjahr 1690 sind 110 dickleibige Bände erhalten!) liegt keine moderne Edition von Louvois' Schriftwechsel vor, und so bieten die hier vorgelegten Dokumente zum Pfälzer Erbfolgekrieg einen bequemen und wertvollen Einblick in das Funktionieren des französischen Kriegsapparates, der ja über die mit weitem Abstand zahlenstärkste Armee der Epoche verfügte. Sorgfältige Editionsgrundsätze, quellenkundliche Schriftproben, ein Glossar und ein Personenverzeichnis machen den Dokumentenanhang darüber hinaus für die Quellenlektüre im Rahmen der universitären oder auch der schulischen Lehre nutzbar, die auch von den technischen Möglichkeiten der CD-ROM (zum Beispiel Umsetzung einer Stadtansicht in eine Filmsequenz) profitieren könnte.

Anmerkung:

[1] So etwa Kurt von Raumer: Die Zerstörung der Pfalz von 1689 im Zusammenhang der französischen Rheinpolitik, München / Berlin 1930, ND Bad Neustadt an der Saale 1982.

Rezension über:

Roland Vetter: "Kein Stein soll auf dem andern bleiben". Mannheims Untergang während des Pfälzischen Erbfolgekrieges im Spiegel französischer Kriegsberichte (= Sonderveröffentlichung des Stadtarchivs Mannheim; Nr. 28), Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel: verlag regionalkultur 2002, 168 S., 27 Abb., 1 CD-ROM, ISBN 978-3-89735-204-9, EUR 16,90

Rezension von:
Markus Meumann
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Empfohlene Zitierweise:
Markus Meumann: Rezension von: Roland Vetter: "Kein Stein soll auf dem andern bleiben". Mannheims Untergang während des Pfälzischen Erbfolgekrieges im Spiegel französischer Kriegsberichte, Heidelberg / Ubstadt-Weiher / Basel: verlag regionalkultur 2002, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 2 [15.02.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/02/2454.html


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