Rezension über:

David Gugerli / Daniel Speich: Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich: Chronos Verlag 2002, 264 S., ISBN 978-3-0340-0548-7, EUR 29,90
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Rezension von:
Ute Schneider
Institut für Geschichte, Technische Universität, Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Martina Heßler
Empfohlene Zitierweise:
Ute Schneider: Rezension von: David Gugerli / Daniel Speich: Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich: Chronos Verlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15.05.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/05/1846.html


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David Gugerli / Daniel Speich: Topografien der Nation

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Vor einem Jahr noch forderte Karl Schlögel im Merkur einen "spatial turn" und die Berücksichtigung von Raumdarstellungen etwa auf Karten durch die Historikerinnen und Historiker. Sein Plädoyer - und es ist nur eines unter vielen - ist umso erstaunlicher, als Benedict Anderson seit der zweiten Auflage seiner "Erfindung der Nation" auf die Bedeutung von Landkarten für die Entstehung von "imagined communities" wie Nationen hinweist. Aber offensichtlich sind Karten eine schwierige Quellengattung, an die sich Historikerinnen und Historiker nicht so schnell trauen. Außerdem werden sie vielfach als "objektiv" betrachtet, was einem kritischen Umgang mit ihrem Status als Quelle entgegensteht.

David Gugerli befasst sich seit einigen Jahren mit topografischen Karten als Repräsentationen des Raumes. Gegenstand seiner Untersuchungen ist die so genannte Dufourkarte, die zwischen 1833 und 1865 auf Grund topografischer Vermessungen der Schweiz entstand. Das Besondere daran ist, dass es zu Beginn der Arbeiten die Schweiz als politische Einheit und Staat überhaupt nicht gab, sie gleichsam im Prozess der Vermessung und Kartenerstellung diskursiv und zeichnerisch zusammengefügt wurde. Als die Schweiz schließlich 1883 auf der ersten schweizerischen Landesausstellung ihren Bürgern die Dufourkarte in voller Größe präsentierte, konnte jeder die gesamte Nation in den Blick nehmen und zugleich seinen eigenen Ort oder Platz in dieser lokalisieren.

Die Geschichte der Dufourkarte ist nach Gugerli und Speich im "Dreiecksverhältnis zwischen Macht, Wissen und Raum" (15) angesiedelt und damit Bestandteil einer "politischen Gesellschaftsgeschichte" (15). Dementsprechend beleuchten die Autoren in drei großen Abschnitten die Entstehung der Karte im Kontext der politischen Entwicklungen in der Schweiz ("Die Karte und der Bundesstaat"), die Zusammenarbeit und das Selbstverständnis der Kartografen ("Perspektivenwandel") und schließlich die Bewältigung des Raumes und der Landschaft realiter sowie auf dem Papier durch die vermessenden Ingenieure ("Tücken der Landschaft").

Auch in der Schweiz gab es bereits im Ancien Régime erste Projekte einer kartografischen Landesaufnahme. Abgesehen davon, dass sie meist privater Natur waren und an den kantonalen Grenzen endeten, wurden sie mit großer Skepsis betrachtet. Kartografie als Staatsaufgabe, wie bereits von den benachbarten aufgeklärten Monarchien betrachtet und praktiziert, konnte sich in der Schweiz erst in der Folge der napoleonischen Zeit durchsetzen. Die Transformation der Eidgenossenschaft im Zuge napoleonischer Politik stand gewissermaßen im zweifachen Sinne Pate an der Wiege der Dufourkarte: Es war das Militär, das über 1815 als einzige zentrale Instanz fortbestand, und somit der Generalstab, der zu einem "Nukleus" (46) der späteren Bundesregierung wurde. Außerdem hatte Guillaume-Henri Dufour (1787-1875), der Namensgeber und Motor des Projektes, seine Ausbildung in Frankreich erhalten. Er war es, der im Geflecht kantonaler Interessen und Differenzen für dessen Finanzierung, für standardisierte Vermessungsregeln und die Entwicklung eines Raumabbildes aus der Vogelschauperspektive sorgte.

Diese Entwicklung verlief keineswegs linear und ohne Differenzen mit Kollegen und Mitarbeitern. Vielmehr standen am Beginn des Projektes konkurrierende Akteure und Netzwerke, die einander belauerten und auszuschalten suchten. Nachdem Dufour sich schließlich hatte durchsetzen können, zog er einen personellen, administrativen und technischen Strich unter die Vorarbeiten und schuf dadurch die Legitimation für einen Neubeginn. Zentraler Bestandteil war ein neues Verfahren der Landesaufnahme, das sowohl die Arbeitsweise als auch die Wahrnehmungsformen grundlegend änderte. Dabei wurde das bisherige Verfahren auf den Kopf gestellt, indem nicht mehr die einzelnen Aufnahmen zu einem Bild zusammengefügt werden sollten. Stattdessen ging man nun von einer Einheit des Landes aus, die mittels eines Netzes der trigonometrischen Vermessung den Rahmen für gleichförmige Detailvermessungen und Einfügungen in eine Karte bot (117). Politisch gesprochen, entstand hier die Schweiz als Einheit auf einer "mental" und später als "real map" Jahre vor der Entstehung des Bundesstaates.

Mit diesem Perspektivenwandel war einerseits die Entdeckung der Alpen als Landschaft verbunden, die schließlich auf der Karte in einer Weise als Raum abgebildet wurden, wie sie die Menschen erst Jahre nach Abschluss des Projektes überhaupt sehen konnten. An diesen Blick musste sich das Publikum erst gewöhnen, ebenso wie an die Konventionen und Nomenklatur, die mit dem "Blick auf Ganze" nötig wurden. Es gab nämlich nicht nur Konflikte über Vermessungstechniken und Darstellungsformen unter den Kartografen, auch die "Schweizer" waren keineswegs immer einverstanden mit dargestellten Grenzverläufen und insbesondere der Wiedergabe von Ortsnamen.

Über diese Konflikte, die in ihrer diskursiven Aushandlung als Bestandteil nicht allein des Kartenprojektes, sondern ebenso der Ausbildung einer Nation im Sinne einer "imagined community" verstanden werden könnten, hätte die Rezensentin gern mehr erfahren. Auch die Frage der "Lesefähigkeit" von Karten und Sehgewohnheiten wie der Zusammenhang von "mental" und "real maps" wird von den Autoren zwar gelegentlich angerissen, aber nicht ausgeführt.

Nicht allein deshalb bleibt bei und nach der Lektüre ein zwiespältiger Eindruck. Das Thema ist ohne Zweifel wichtig und spannend, zumal sich bisher wenige Historikerinnen und Historiker mit dem Zusammenhang von Kartografie und Nationen befassen. Aber zu vieles haben diejenigen, die sich für solche Fragen interessieren, aus der Feder Gugerlis bereits an anderen Orten gelesen. An den Gabelungen jedoch, wo die Leserin Neues entdeckte, führen die Pfade ins Leere. Dies ist vornehmlich dann der Fall, wenn es um die Bevölkerung und ihr Verhältnis zum Projekt, zum Raum des Landes, um seine Wahrnehmung und seine Repräsentationen geht. Die Rezensentin jedenfalls hatte unter einer "politischen Gesellschaftsgeschichte" mehr erwartet, Gugerli und Speich sind aber bei einer Expertengeschichte stehen geblieben, die bei der Lektüre zwar zu Wiedererkennungseffekten führte, aber eben nicht zur Entdeckung neuer Welten.

Ute Schneider