sehepunkte 3 (2003), Nr. 4

Tobias Mörschel: Buona amicitia?

Wer zu Beginn des 17. Jahrhunderts vorausgesagt hätte, dass die italienische Einigung einmal unter der Führung der Herzöge von Savoyen vollzogen würde, wäre ohne Zweifel allgemeiner Heiterkeit anheim gefallen. Allzu unbedeutend war in dieser Epoche das kleine, vom mächtigen Nachbarn Frankreich bedrängte Territorium, als dass man ihm eine große politische Zukunft hätte voraussagen können. Eine von mehreren Gemeinsamkeiten übrigens, die Savoyen mit Preußen und dessen Bedeutung im nationalen Einigungsprozess verbindet. Hier wie dort war man gezwungen, aus der Not eine Tugend zu machen, sprich: die wenig günstigen Ausgangsbedingungen im 17. Jahrhundert durch vergleichsweise intensive "Modernisierung" zu kompensieren. Und für beide Staaten gilt, dass diese frühe Phase, die Vorbereitung gewissermaßen für ihren späteren Aufstieg, von der Geschichtsschreibung lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt worden ist.

Tobias Mörschels Studie sucht nun schärferes Licht zu werfen auf die Politik des Herzogtums Savoyen zu Beginn des 17. Jahrhunderts, genauer: auf seine politischen Beziehungen zur Kurie während des Pontifikates Pauls V. Borghese. Sie geht der Frage nach dem tatsächlichen, praktisch-alltäglichen Ablauf jener Mikropolitik nach, die dank der Arbeiten von Wolfgang Reinhard verstärkt in den Blick genommen wird. Denn in einer Epoche, in der die staatlichen und diplomatischen Strukturen, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert gewohnt sind, sich erst mühsam entwickeln, kommt den informellen Beziehungen zwischen Personen und Staaten eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu, auch und gerade in Fragen der "großen" Politik, der Außenpolitik. Eine Hypothese, die Mörschels quellengesättigte Arbeit eindrucksvoll bestätigt.

Sie tut dies mit aller wünschenswerten Klarheit in Aufbau, Gliederung und sprachlicher Gestaltung. Nach einer verhältnismäßig knappen, sehr präzisen Einleitung zu Fragestellung und Methoden sowie der Situation von Kirchenstaat und Herzogtum Savoyen im Untersuchungszeitraum werden im ersten Teil die Institutionen und Akteure auf beiden Seiten vorgestellt, das heißt die päpstlichen Nuntien in Turin und umgekehrt die savoyischen Botschafter in Rom. Die Arbeit entwickelt hier ein facettenreiches Bild der historischen Wirklichkeit, der Möglichkeiten und Grenzen, die den Diplomaten gegeben beziehungsweise gesetzt waren - und dieses Bild ist nicht nur aufschlussreich, sondern auch überaus farbig, besonders im Hinblick auf die Tätigkeit der päpstlichen Nuntien am Turiner Hof, die es mit Herzog Carlo Emanuele I. keineswegs immer leicht hatten. Über die detaillierte Auswertung der römisch-savoyischen Korrespondenzen gelingt es Mörschel zudem, jene informellen Nebenakteure namhaft zu machen, die ohne institutionelle Funktion dennoch Einfluss auf das Verhältnis zwischen den beiden Staaten nahmen, sowie Art und Ausmaß dieses Einflusses genauer zu bestimmen. Glänzend wird vor allem die Rolle des ehemaligen Kardinalnepoten Pietro Aldobrandini, Neffe Papst Clemens' VIII., herausgearbeitet, der sich auch dann noch, als er von seinem Nachfolger Scipione Borghese aufs politische Altenteil nach Ravenna geschickt worden war, darum bemühte, seine guten Kontakte zum Turiner Hof zu pflegen und zu nutzen; mit abnehmendem Erfolg. Ein entschiedenes Verdienst der Arbeit ist es, dass sie mit der Person Aldobrandinis die politischen Aktivitäten eines Kardinalnepoten in der postpontifikalen Phase detailliert untersucht, die in der Forschung bisher meist recht oberflächlich behandelt wurden, obwohl sie von grundlegender Bedeutung für das Verständnis politischer und sozialer Konstellationen an der Kurie sind.

Nach der mikropolitischen Detailanalyse folgt der Blick auf die wesentlichen politischen Fragen, die das Verhältnis zwischen Rom und Savoyen zu Beginn des 17. Jahrhunderts bestimmten. Zum einen waren dies die beiden großen politischen Krisen des Venedigkonfliktes 1605 bis 1607 und des Monferratokrieges 1613 bis 1618, die in Genese und Verlauf eingehend nachgezeichnet werden, und zwar im Hinblick auf die gegenseitigen Versuche, aus der Krise Kapital zu schlagen. Im Vordergrund des Interesses standen weiterhin Personalpolitik und Pfründenvergaben. Gerade hier gelingt der Nachweis des omnipräsenten do-ut-des-Prinzips als Grundlage politischer Beziehungen besonders präzise, wobei allerdings die Darstellung der Ereignisse hin und wieder ein wenig allzu detailliert ausfällt.

Überhaupt hätte es dem Buch mitunter gut getan, an einigen Stellen ein wenig straffer gestaltet zu werden. Hier und da geraten die Ausführungen zum l'art pour l'art eines Ausbreitens von Quellenerträgen um ihrer selbst willen, ohne dass damit ein wesentlicher Erkenntnisgewinn verbunden wäre. Die damit verbundene Einbuße an Leserfreundlichkeit ist vor allem insofern bedauerlich, als Mörschel sich durchgehend einer unprätentiösen und präzisen Sprache bedient, die immer wieder Sinn für anschauliche Darstellung und auch Komik beweist, etwa bei der Beschreibung eines Streites zwischen dem Dichter Giambattista Marino und einem Konkurrenten (85) oder den Verhandlungen über eine Königskrone für das Haus Savoyen: Ein "Leitmotiv" in der Politik Carlo Emanueles I. sei das Streben nach der zypriotischen Krone gewesen, ein Thema mit Variationen. "Die einzelnen Sätze dieser Kronensuite waren unterschiedlich fein ausgearbeitet und erscheinen im Falle der Kaiserkrone geradezu atemberaubend und kühn. Der Ideenreichtum des Herzogs ist unbestreitbar, am handwerklichen Geschick bei der Durchführung haperte es allerdings zumeist. Da Komponieren aber weit mehr ist als nur das Finden von Themen und Variationen, mutet das von Carlo Emanuele I. einst dargebotene Stück heute recht operettenhaft an" (329). Etwas weniger Detailinformationen, etwas mehr Mut zu den eigenen sprachlich-gestalterischen Fähigkeiten, die, wie gesagt, immer wieder aufblitzen, würden dem Buche vermutlich eine wesentlich breitere Leserschaft erschließen.

Die es, das sei nachdrücklich unterstrichen, unbedingt verdient. Auch dort, wo er sich mit scheinbaren Nebenaspekten seines Themas beschäftigt, beweist Mörschel immer wieder historisches Fingerspitzengefühl, etwa im Kapitel über die Häretiker im Herzogtum Savoyen und ihre Bedeutung für den Ausbau der Staatsgewalt, wobei er sehr anregende Modifizierungsangebote zu Wolfgang Reinhards Konfessionalisierungsparadigma entwickelt. Für die zwischenstaatlichen Beziehungen kann als Ergebnis festgehalten werden: Gerade weil die politischen Beziehungen zwischen Rom und Savoyen für beide Seiten nicht von vitalem Interesse waren, lässt die Nachzeichnung ihrer Funktionsweise im Detail Grundsätzliches erkennen über die Strukturen frühneuzeitlicher Politik. Chancen wie Gefahren in den bilateralen Beziehungen hielten sich in Grenzen, und so konnten - bei allen Konflikten in Einzelfällen - recht kontinuierlich die Kontakte gepflegt werden. Dabei war wesentlich: "Mikropolitik ersetzte die Institutionen nicht, aber ergänzte und unterstützte sie und konnte mitunter korrigierend wirken" (408). Insofern zeigt sich, dass die Beschäftigung mit frühneuzeitlichen Strukturen durchaus auch Erkenntnisgewinne erbringt, die für die heutige Funktionsweise von Politik Gültigkeit beanspruchen können.


Rezension über:

Tobias Mörschel: Buona amicitia? Die römisch-savoyischen Beziehungen unter Paul V. (1605-1621). Studien zur frühneuzeitlichen Mikropolitik in Italien (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abt. für Universalgeschichte; Bd. 193), Mainz: Philipp von Zabern 2002, IX + 436 S., 2 Karten, ISBN 978-3-8053-2996-5, EUR 45,00

Rezension von:
Arne Karsten
Kunstgeschichtliches Seminar, Humboldt-Universität zu Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Arne Karsten: Rezension von: Tobias Mörschel: Buona amicitia? Die römisch-savoyischen Beziehungen unter Paul V. (1605-1621). Studien zur frühneuzeitlichen Mikropolitik in Italien, Mainz: Philipp von Zabern 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: http://www.sehepunkte.de/2003/04/1834.html


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