sehepunkte 3 (2003), Nr. 4

Anne Feuchter-Schawelka / Winfried Freitag / Dietger Grosser: Alte Holzsammlungen

Im Museum 'Wald und Umwelt' in Ebersberg (Oberbayern) werden neben vielen anderen Gegenständen einige historische Holzsammlungen zu finden sein, sogenannte Holzbibliotheken. Das Museum ist noch nicht eröffnet. Dafür aber ist eine reich bebilderte Darstellung dieser naturgeschichtlichen Sammlungsform sowie ihrer Vorgänger und Nachfolger erschienen. Sie sucht ihresgleichen, denn was man schon immer über Holzbibliotheken wissen wollte und nie genau wusste, wo es zu fragen galt, wird hier beantwortet. Deshalb fällt es auch weniger ins Gewicht, dass dieses Buch sehr eng auf seinen Gegenstand beschränkt bleibt und die verschiedenen sammlungshistorischen und -theoretischen Ansätze der letzten Jahre zur Interpretation und Einordnung der naturgeschichtlichen Sammlungen weitgehend unberücksichtigt bleiben. Mit diesem Buch schließt sich eine Forschungslücke für all diejenigen, die zu Naturalienkabinetten arbeiten. Für die anderen, die dieses Buch nicht in einem Forschungszusammenhang, sondern aus Interesse am Wald, an Sammlungen allgemein oder an der regionalen Umweltgeschichte lesen, wird ein faszinierendes Panorama eines obskuren Objekts aufgerollt: Holz in Form eines Buches.

Bei einer Holzbibliothek handelt es sich um eine Darstellung von verschiedenen Gehölzarten in Form einer aufstellbaren Buchreihe. Je ein Buch wurde dabei aus dem zu repräsentierenden Holz, beispielsweise der Linde oder der Eibe, gefertigt. In manchen Fällen besteht das Buch aus einem kompakten Holzstück und ist mit der für die Linde oder Eibe typischen Rinde versehen. In den meisten Fällen aber stellte man aus besagtem Holz eine Kassette in Buchform her, deren Inhalt neben handgeschriebenen naturgeschichtlichen Einordnungen auch nachgebildete Früchte des Baumes, Blätter oder Aststückchen enthielt. Es handelt sich dabei also um eine Art dreidimensionales Herbarblatt, in dem die Merkmale des Holzes/Baumes verzeichnet und eingeordnet sind: "es sind kleine hölzerne Kästchen in Bücherform, welche die ganze Naturgeschichte der Bäume und Holzarten enthalten" (31), schrieb Johann Heinrich Campe 1785. Die Holzbibliotheken waren säuberlich etikettiert und ihre Ausstattung zeugt noch heute gleichermaßen von Klassifikationsbestreben wie Einfallsreichtum.

Diese Holzbibliotheken werden in dem von dem Leiter des Museums, Winfried Freitag, der Volkskundlerin und Kunsthistorikerin Anne Feuchter-Schawelka und dem Holzwirt und Biologen Dietger Grosser herausgegebenen Buch umfassend und interdisziplinär untersucht. Nach einer kurzen Einleitung über das Holz als Sammlungsgegenstand folgt ein Kapitel zur Funktion von Holzsammlungen, in dem wissenschafts- wie kulturhistorische Zusammenhänge verständlich erläutert werden. Im Anschluss daran werden verschiedene Holzkabinette des 18. Jahrhunderts vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen die Kasseler Holzbibliothek von Carl Schildbach (1788), die Ebersberger Holzbibliothek von Candid Huber (1791) und die "Deutsche Holzbibliothek", eine kommerziell vertriebene Holzbuchreihe. Die zeitlich nachfolgenden Holzbücher sowie neuere Sammlungen des 19. Jahrhunderts bilden den Abschluss. Ein umfangreicher Bildteil mit Farbfotografien sowie eine Bibliografie runden den Band ebenso ab wie ein beiliegendes Heft, in dem die Gehölzarten der vorgestellten Holzbibliotheken bestimmt werden.

Die Holzsammlungen des 18. Jahrhunderts sind zunächst vor dem Hintergrund der Agraraufklärung und der sich etablierenden Forstbotanik zu sehen. Eine Verbesserung und Funktionalisierung der Landwirtschaft erfuhr von staatlicher Seite höchste Priorität und war innerhalb der Aufklärungsbewegung ein zentrales Anliegen. Zugleich differenzierte sich die Naturgeschichte in verschiedene Spezialbereiche, die wiederum eigene Anschauungsmaterialien hervorbrachten. Naturgeschichte und Agraraufklärung wurden von der "Mittelschicht", dem aufstrebenden Bürgertum, betrieben. Es ist auffällig, dass gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Zahl der privaten und bürgerlichen Naturalienkabinette sprunghaft anstieg. Nicht mehr die exotischen Naturgegenstände standen im Vordergrund, sondern die des eigenen Heimatlandes. Dies hatte zwei Gründe: Zum einen konnte man mit einer Sammlung der heimischen Fauna und Flora seinen Patriotismus unter Beweis stellen. Zum anderen dienten solche Sammlungen als Repräsentation des eigenen Wissenserwerbs und waren ohne größere Umstände zu erhalten, eben weil das Material vor der eigenen Haustür lag. Holzsammlungen wurden deshalb selbst angefertigt oder wie die "Deutsche Holzbibliothek" in Serie hergestellt und verkauft. Im Laufe der Zeit verloren die Holzbibliotheken jedoch ebenso wie die Naturaliensammlungen ihre repräsentative Bedeutung und wurden schließlich seit dem frühen 19. Jahrhundert zunehmend als Lehrmaterial in Schulen und Universitäten überführt.

Als Beispiel ist die Sammlung des Ebersberger Geistlichen Candid Huber (1747-1813) zu nennen. Huber konzipierte die Holzbibliothek zunächst begleitend zu dem berühmten "Forsthandbuch" von Friedrich Anton Ludwig von Burgsdorf (1788) und ergänzte damit später auch seine eigenen Schriften wie die "Kurzgefaßte Naturgeschichte der vorzüglichen baierschen Holzarten" (1793). Ihm ging es dabei um die Kenntnis der einheimischen Holzarten, und er suchte dies entsprechend zusammenfassen: So habe man "alles, was uns die Natur an einem Baume zu bewundern gibt, in einem Kompendium beysammen." (55) Diese Holzbibliothek diente als Lehrmittel, das Huber selbst herstellte und vertrieb. Heute sind insgesamt 38 Abnehmer der Herbar-Bibliothek bekannt, jedoch wird aus Hubers Klagen deutlich, dass er mehr herstellte als er schließlich verkaufen konnte. Zwar konnte sein Projekt anfangs noch als erfolgreich bezeichnet werden - Holzbibliotheken waren in Klöstern, adeligen Häusern, Gelehrtenstuben und privaten Unterrichtszimmern ein willkommener Gegenstand -, es steht aber zugleich am Ende dieses Holzbuchzeitalters.

Der Sammelband zeichnet sich zwar durch besondere Detailgenauigkeit aus, aber dennoch gibt es wichtige Aspekte, die in dieser Darstellung unberücksichtigt bleiben. So vermisst man Bezüge zur Erziehungsgeschichte (die Bedeutung der Realie im 18. Jahrhundert und ihr Zusammenhang mit der Sammlungskultur), zu den Waren- und Samenkabinetten (nicht nur Apotheker stellten Proben und Mustersammlungen her, auch Warenkabinette für den Materialisten erfüllten diese Funktion seit Ende des 17. Jahrhunderts) sowie zur allgemeinen Sammlungsgeschichte (Entwicklung der Naturalienkabinette, Einordnung der Holzsammlungen, Kultur der gelehrten Gesellschaften und Vereinigungen). Auch hätte man gern mehr über die Herstellung der Bibliotheken erfahren. Betrachtet man diesen Einwand jedoch vor dem Hintergrund der einzelnen umfassenden Darstellungen, kann dies vermutlich auf fehlendes Archivmaterial zurückzuführen sein. Schließlich wird zum Beispiel die mediengeschichtliche Bedeutung des Buches in dem Kapitel von Freitag wohl erwähnt, doch der grundsätzliche Horizont der Buchkultur im 18. Jahrhundert nicht thematisiert. [1]

Die Kulturisierung von Natur fand in Kastenform statt. Dies führt zu einer These, die im Buch nicht explizit genannt und lediglich zwischen den Zeilen deutlich wird: Nicht mehr allein um das einzelne naturgeschichtliche Objekt, um die private oder institutionelle Komplettierung einer Sammlungsreihe ging es am Ende des 18. Jahrhunderts. Die gefertigten Objekte der Natur in Buchform konnten - auf gleiche Größe normiert - als eine Art Mustersammlung der Naturgeschichte vertrieben werden. Auf die Darstellung der Natur im Raum durch das Naturalienkabinett, folgte die Miniaturisierung (und Industrialisierung) der Sammlung als Muster: Die Aufklärung kommerzialisierte nicht nur das Holz, sondern auch die es repräsentierende Sammlung.

Holzbibliotheken enthalten nicht nur historische Gehölzarten, sondern sie sind auch ein Zeitspeicher der Dingwelt. Verborgen in ihnen liegen zahllose Schichten der naturgeschichtlichen wie materialen, der ästhetischen wie ökonomischen Verrichtungen, die es zu entziffern gilt. Insofern deckt dieses Buch über "Alte Holzsammlungen" nicht nur die Zeitschichten der Objekte auf, sondern liefert zugleich die dringend benötigte Argumentationsgrundlage für die Erhaltung solcher zunächst obskur anmutenden Gegenstände.

Anmerkung:

[1] Wie etwa bei Roger Chartier nachzuvollziehen: L'ordre des livres. Aix-en-Provence 1992.


Rezension über:

Anne Feuchter-Schawelka / Winfried Freitag / Dietger Grosser: Alte Holzsammlungen. Die Ebersberger Holzbibliothek: Vorgänger, Vorbilder und Nachfolger (= Der Landkreis Ebersberg. Geschichte und Gegenwart; Bd. 8), Stuttgart: Deutscher Sparkassen Verlag 2001, 143 S., m. e. Beilage von Dietger Grosser, ISBN 978-3-933859-08-2, EUR 15,00

Rezension von:
Anke te Heesen
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Anke te Heesen: Rezension von: Anne Feuchter-Schawelka / Winfried Freitag / Dietger Grosser: Alte Holzsammlungen. Die Ebersberger Holzbibliothek: Vorgänger, Vorbilder und Nachfolger, Stuttgart: Deutscher Sparkassen Verlag 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 4 [15.04.2003], URL: https://www.sehepunkte.de/2003/04/1480.html


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