sehepunkte 2 (2002), Nr. 10

Elisabeth Weinberger: Waldnutzung und Waldgewerbe in Altbayern im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert

Nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die soziale und kulturelle Bedeutung des Waldes ist in den letzten Jahren verstärkt ins Blickfeld der Geschichtswissenschaft geraten. Neben der Umweltgeschichte beschäftigen sich auch die Kultur- sowie die Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit der Geschichte des Waldes. Letzterer Richtung fühlt sich die Autorin der an der Universität München am Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte bei Walter Ziegler entstandenen Dissertation verpflichtet. Sie untersucht in ihrer Arbeit die ökonomischen und sozialen Prozesse, die mit den traditionellen und heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Waldnutzungen wie pecheln, Pottasche sieden oder Kalk brennen verknüpft waren. Die Verfasserin konzentriert sich dabei auf Altbayern (ohne die Oberpfalz) im 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Im Gefolge der tatsächlichen oder vermeintlichen "Holznot" im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert wurde zunehmend zwischen Haupt- und Nebennutzungen des Waldes, also zwischen Holzgewinn einerseits und landwirtschaftlicher oder gewerblicher Nutzung andererseits, unterschieden. Damit verbunden war eine Abwertung traditioneller Waldgewerbe, die sich nun den Vorwürfen ausgesetzt sahen, mitschuldig an der Verschlechterung des Waldzustandes zu sein und der "Holznot" Vorschub zu leisten. Restriktive obrigkeitliche Forst- und Holzordnungen sollten den großen Holzverbrauch der in direkter Konkurrenz zum Brenn- und Bauholzbedarf stehenden Waldgewerbe rigoros beschränken. Dabei erzeugten diese Gewerbe bis ins 19. Jahrhundert unentbehrliche Grundstoffe wie Pech, Teer, Pottasche, Brandkalk oder Holzkohle. Sie wurden etwa benötigt zur Herstellung von Bier, Arzneimitteln, Glas oder Leder. Mit Ausnahme der Pechler übte die Mehrheit der Waldgewerbetreibenden, die vor allem aus den klein- beziehungsweise unterbäuerlichen Schichten stammten, ihr Handwerk im Nebenerwerb aus. Dennoch diente der Wald den meisten als Hauptexistenzgrundlage, der ihnen ein - wenn auch geringes - Auskommen sicherte. Dieses sah man durch die zunehmende Reglementierung der Waldnutzung bedroht, und es überrascht nicht, dass das Verhältnis zu den Forstbeamten als Vertreter der landesherrlichen Obrigkeit im Wald geprägt war von zahlreichen Konflikten.

Die Arbeit ist gegliedert in sechs Kapitel. Der erste Abschnitt dient dazu, Untersuchungsobjekt, Forschungsstand und Methode zu erläutern. Die Autorin unterscheidet zwischen gewerblichen sowie landwirtschaftlichen Waldnebennutzungen und stellt die heute zumeist unbekannten Techniken des Pechelns, Pottaschesiedens oder Kalkbrennens kurz vor. Sie verwirft für ihre Arbeit einen umweltgeschichtlichen und stützt sich vielmehr auf einen mentalitätsgeschichtlichen Ansatz, der von zwei unterschiedlichen "Wirklichkeitswahrnehmungen" (46) ausgeht, jener der Obrigkeit und jener der Untertanen. Diese beiden Perspektiven stellt die Verfasserin in ihrer Arbeit einander gegenüber. Ein zentraler Quellenbestand sind die Mitte des 18. Jahrhunderts in den Rentämtern München, Landshut, Burghausen und Straubing durchgeführten Bestandsaufnahmen zum Pecheln und Pottaschesieden, die im Vorfeld von entsprechenden Mandaten entstanden sind. Neben Angaben zur Gesamtzahl und sozialen Herkunft der Pechler geben diese Akten auch Aufschluss über Verdienst und Absatzmöglichkeiten sowie über die praktische Umsetzung der Vorschriften. Der Quellenlage ist auch die Konzentration auf das Pecheln und das Pottaschesieden in der Arbeit zuzuschreiben, da dieser Bereich der Waldnebennutzung sehr gut dokumentiert ist.

Das zweite Kapitel widmet sich den "strukturgeschichtlichen Rahmenbedingungen und dem historischen Umfeld". Hier stützt sich die Autorin vornehmlich auf die einschlägige Sekundärliteratur und die zeitgenössische gedruckte Literatur, ebenso wie im dritten Abschnitt, der sich ausführlich mit der "Technologie der Rohstofferzeugung" beschäftigt. Zusammenfassend führt die Verfasserin aus, dass man sich schon im 18. Jahrhundert durchaus des "Konflikt[es] zwischen dem Wissen um die negativen Folgen und der unbestrittenen Unentbehrlichkeit der Produkte, die diese Gewerbe erzeugten" (145), bewusst gewesen sei. Diesem versuchte der bayerische Staat durch zunehmende Reglementierung der Waldgewerbetreibenden zu begegnen.

Im vierten Kapitel geht es dann um die "Verbreitung und ökonomische Bedeutung der gewerblichen Waldnebennutzung". Die Quellenlage erlaubt keine umfassenden quantifizierenden Aussagen, aber aus frühen statistischen Erhebungen des 18. Jahrhunderts und überlieferten Rechnungsserien, unter anderem des Hofbräuhauses München, lässt sich die Bedeutung gewerblicher Waldnebennutzungen innerhalb des Wirtschaftsgefüges immerhin abschätzen.

Im fünften Abschnitt schließlich werden die "normative[n] Grundlagen und obrigkeitlich-landesherrliche[n] Strategie[n]" auf der Grundlage von Forstordnungen und Mandaten in den Blick genommen. Auf den großen Holzverbrauch der gewerblichen Waldnebennutzungen reagierte die landesherrliche Obrigkeit im 18. Jahrhundert mit einer zunehmenden Zahl von Regelungen. Diese wurden meist mit der "Holznot" begründet und spiegelten das wachsende landesherrliche Interesse am Wald. Bei den Betroffenen stießen die Reglementierungen auf Unverständnis und Unwillen, zumal sich Herrscher und Staat bei der Jagd oder beim Bau von repräsentativen Gebäuden einer nachhaltigen Forstwirtschaft selbst nicht verpflichtet fühlten.

Das letzte Kapitel analysiert "Alltagsbewältigung und soziales Umfeld" der Waldgewerbetreibenden, die oft in großer Konkurrenz zueinander standen. Indem sie auf den Stellenwert ihrer Produkte verwiesen und zugleich an die landesherrliche Fürsorgepflicht appellierten, unterstrichen die Waldgewerbe immer wieder ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rang.

Quantitative Aussagen über die ökonomische Bedeutung der Waldnebennutzungen gestattet die Quellenlage in Altbayern leider nicht, aber sie dokumentiert immerhin die Bedeutung der Waldnebennutzungen für das weiterverarbeitende Gewerbe. Auch der bayerische Staat musste dies im Auge behalten, selbst wenn er bestrebt blieb, diese Nutzungen zu Gunsten des Holzproduktionswaldes zurückzudrängen. Ebenso wenig konnte er die zumeist unterbäuerlichen Waldgewerbe vollständig ihrer Existenzgrundlage berauben, ohne massiven Widerstand heraufzubeschwören. Die hohe Konfliktbereitschaft und der Ruf der Unregierbarkeit der Waldgewerbetreibenden einerseits sowie die Machtausweitung des Staates andererseits führten zwangsläufig zu Zusammenstößen, die Kompromisse erforderlich machten. Und so überzeugt eine zentrale These der Studie, dass die landesherrliche Fürsorgepflicht Vorrang hatte vor dem maximalen Holzertrag, durchaus. Der Verfasserin ist eine gut lesbare und überzeugende Arbeit gelungen, auch wenn man sich an manchen Stellen eine Vertiefung umweltgeschichtlicher Fragestellungen gewünscht hätte, beispielsweise den Blick auf die ökologischen Folgen der Nebennutzungen für den Wald.


Rezension über:

Elisabeth Weinberger: Waldnutzung und Waldgewerbe in Altbayern im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; Beiheft 157), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2001, 315 S., ISBN 978-3-515-07610-4, EUR 61,00

Rezension von:
Verena Zimmermann
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Empfohlene Zitierweise:
Verena Zimmermann: Rezension von: Elisabeth Weinberger: Waldnutzung und Waldgewerbe in Altbayern im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 10 [15.10.2002], URL: http://www.sehepunkte.de/2002/10/1482.html


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