sehepunkte 2 (2002), Nr. 6

Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas

Das Wetter ist eines der alltäglichen Phänomene, die uns wie politische Ereignisse ständig begleiten und von allen als wichtig wahrgenommen werden für die Gestaltung des Alltags - fast alle hören wenigstens einmal täglich nach den politischen Nachrichten einen Wetterbericht -, ohne dass häufiger darüber nachgedacht wird. Gleichwohl ist die Klimaforschung als Folge der öffentlichen Diskussion über die Umweltveränderung stärker in das Bewusstsein der Allgemeinheit gerückt. Dennoch ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben, dass sich in den letzten drei Jahrzehnten eine historische Klimaforschung etabliert hat, die mit einem breiten Methodenspektrum nicht nur verlässliche Aussagen zu vergangenen Klimaereignissen und langfristigen Klimaentwicklungen machen, sondern auch Nutzen für die Modellbildung bei Vorhersagedaten - präzisere Wettervorhersage durch präzise Wetternachhersage - liefern will. Angesichts der noch immer fehleranfälligen Vorhersage fragt sich allerdings, ob der Anspruch der Meteorologen - diejenigen, die in die Himmelserscheinungen Ordnung bringen - eingelöst werden kann, denn die Komplexität des Wetters ähnelt der ökonomischer, sozialer oder politischer Prozesse, an deren Vorhersage sich schon Generationen von Forscher/innen versucht haben und Unmengen von Forschungsgeldern verwendet worden sind. Der geisteswissenschaftliche hardliner sieht mit Genugtuung, dass selbst mit naturwissenschaftlichen Methoden in Bereichen, die nicht durch Versuchsanordnungen technisch kontrollierbar sind, nur bedingt Erfolge bei der Erklärung der Phänomene zu erzielen sind.

Rüdiger Glaser, seit kurzem als Geograf in Heidelberg tätig, hat eine Arbeit vorgelegt, die Respekt vor der forscherischen Leistung und auch vor der Beständigkeit gebietet, mit der über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren Material gesammelt und Methoden entwickelt worden sind. Sie ordnet sich ein in eine Forschungstradition, die nicht erst mit den Arbeiten von Hubert H. Lamb oder Emanuel Le Roy Ladurie beginnt [1], aber von ihnen neu belebt worden ist. Auch in Deutschland gibt es eine Reihe von Forschern, zum Beispiel Hans von Rudloff oder Hermann Flohn, die sich bereits sehr viel früher mit der Rekonstruktion des Klimas beschäftigt und wichtige Vorarbeiten geliefert haben. [2] In der neueren Forschungstradition der Paläoklimaforschung sind vor allem die Arbeiten von Christian Pfister auch methodisch bahnbrechend gewesen, zumal er maßgeblich an den europaweit Forschungsleistung bündelnden ESF-Projekten beteiligt gewesen ist, in deren Zusammenhang auch Rüdiger Glaser seine Forschungen hat vorantreiben können. [3]

Das Hauptergebnis der Arbeit befindet sich auf gerade einmal vier Seiten (58f., 94f.): die grafische Darstellung der thermischen und hygrischen Indizes für die vier Jahreszeiten in Dezennienabschnitten (für die Zeit von 1000 bis 1500) beziehungsweise jährlich (1500 bis 2000) und für das gesamte Jahr. Hinter diesen Abbildungen verbirgt sich die immense Forschungsleistung, die neben Daten aus dem Naturarchiv (zum Beispiel Dendrochronologie, landwirtschaftliche Ertragsziffern) vor allem Daten aus den Archiven - nicht umsonst wird mehrmals auf die staubige und unter ungünstigen klimatischen Bedingungen zu leistende Archivarbeit hingewiesen - auswertet. Regressionsverfahren und Varianzanalyse stellen die wesentlichen statistischen Werkzeuge dar (36-38), mit denen Klimainformationen unterschiedlicher und vor allem unsicherer Art über einen Kalibrierungszeitraum (1951-1980) in ein Modell gebracht werden, das bereits für den Verifikationszeitraum (1921-1950) außerordentlich zuverlässige Ergebnisse gebracht hat.

Die frühen Messdaten, die darunter leiden, dass die Messinstrumente nicht immer mit letzter Sicherheit technisch rekonstruiert werden können und die Ableseorte beziehungsweise -zeiten offensichtlich gewechselt haben, müssen homogenisiert werden. Die sogenannten Mannheimer Stunden (7, 14, 21 Uhr), eine von der über die Kurpfalz hinaus europaweit wissenschaftlich bedeutsamen "Societas Meteorologica Palatina" Ende des 18. Jahrhunderts eingeführte methodische Neuerung, sind ein erstes Beispiel für das Bemühen, homogene Messdaten zu erzeugen. Die anderen Quelleninformationen erfordern andere Schritte der Kalibrierung. So sind Klimabeobachtungen aus Chroniken und Wettertagebüchern zunächst einmal quellenkritisch zu bewerten hinsichtlich des verwendeten Vokabulars (29): Was versteht ein mittelalterlicher Chronist unter einem strengen Winter? Was ist für den frühneuzeitlichen Verfasser eines Wetterjournals ein heißer Sommer? Wie stark spielen in solche Bewertungen die zeitgenössischen naturkundlichen Vorstellungen hinein, die Fragen einer mythologischen Deutung von Klimaphänomenen (30f.)? Instruktiv ist ein quellenkritisches Ablaufschema, mit dem der Prozess der Quellenbewertung klar strukturiert wird (30). Das Modell der Informationszunahme im Zuge des historischen Prozesses ist - obwohl verständlich hinsichtlich des Zieles einer möglichst homogenen, ausreichend quantifizierbaren Klimainformation - etwas zu linear geraten. Wissenschaftsgeschichte und Naturphilosophie hätten etwas Vorsicht geboten bei der Verwendung von Begriffen wie rational, objektiv, mechanistisch (31-36). Die Segnungen postmoderner Erkenntniskritik sind kaum verinnerlicht: Auch Rüdiger Glaser spricht von einem Zusammenhang zwischen Quantifizierung und Objektivierbarkeit sowie hinsichtlich der Schilderung von ökologischen Katastrophenszenarien von irrationalen Bewertungen (3f.). Es sollte deutlich bleiben, dass die heutigen szentistischen Glaubensformen, mit denen wir an die Denkwelt des 18. Jahrhunderts bereits leicht anknüpfen können, eben doch solche des Glaubens bleiben und keineswegs einen höheren Grad der Glaubwürdigkeit unabhängig von gegebenen Referenzbedingungen haben. Von diesem methodologischen Einwand bleiben die empirischen Ergebnisse unberührt, da sie ein höheres Maß an historisch sauberer Quellenkritik zeigen als viele frühere Arbeiten.

Nach den method(ologi)schen Erörterungen werden die einzelnen Daten vorgestellt (38-56). Wichtig sind für das Mittelalter und die frühe Neuzeit die chronikalischen und die Tagebuchaufzeichnungen, wobei letztere im Zuge der landwirtschaftlichen Kalendarien, die während der Renaissance wieder entdeckt und aktualisiert wurden (etwa Johannes Coler), zunehmend zu finden sind. Auch bei diesen bereits recht zuverlässig wirkenden Aufzeichnungen ist Quellenkritik geboten, da die meisten Angaben so nicht in quantitative Werte umzuformen sind. Es bleibt nicht nur die unterschiedliche Bewertung der Jahreszeiten mit einer stärkeren Berücksichtigung der Sommer und Winter, sondern auch das Problem der menschlichen Beobachtung mit ihrer Vernachlässigung beispielsweise der Nachtzeiten. Wichtig ist für die Bewertung der Quelleninformation zum einen die Bestätigung aus anderen Quellenzeugnissen, insbesondere bei Klimaanomalien, zum anderen die Orientierung an Witterungsregelfällen, ein Modell typischer jahreszeitlich gegebener Wetterlagen (42). Neben den schon erwähnten frühen Messdaten sind die so genannten Proxidaten von besonderer Bedeutung für die Klimarekonstruktion: Baumringdaten, Ertragsziffern von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Wein, Heu oder Getreide können wertvolle Informationen liefern, unabhängig von den erstgenannten Aufzeichnungen (43-48). Auch Berichte über den Eisgang sind wertvoll (48-52). Material für die Vervollständigung von Proxidaten (zeitlich, regional) liegt in großer Menge unausgewertet vor, sodass hier noch Möglichkeiten der Vervollständigung der Klimarekonstruktion liegen (52f.).

Im zweiten Hauptteil wird ein chronikalischer Überblick über kurz- (Wetterkatastrophen), mittel- und langfristige Trends der Klimaentwicklung gegeben. Bis 1500 - bis dahin sind nicht alle Jahre mit Klimadaten belegt - werden die jeweiligen Trends der Jahreszeiten mit Schwerpunkt auf Winter und Sommer wiedergegeben; dabei werden vielfach die Zusammenhänge mit Landwirtschaft beziehungsweise Ernährung und Gewerbe kurz erläutert. Ein Schwerpunkt der Darstellung liegt bei den Wetteranomalien, ein Thema, das abschließend nochmals hinsichtlich von Hochwasserkatastrophen aufgenommen wird (183-208). Einzelereignisse wie etwa die Heuschreckenplage 1338 (65f. mit Karte) oder die Sturmfluten, die die Nordseeküste verändert haben (88f. mit Karte) oder das beste Weinjahr des gesamten Jahrtausends - 1540 - (108f.) bieten spannende Einblicke in extreme Wetterereignisse mit teilweise langfristigen Folgen. Beachtlich sind die seit kurzer Zeit möglichen Rekonstruktionen von Druckverhältnissen in Europa (99f., 107, 116, 120f., 126f., 130, 164-166, 169, 171, 173f. für die Jahre 1514 bis 1695). Sehr differenziert sind solche Wetterkarten für die Zeit des sogenannten Maunderminimums rekonstruiert worden (1675-1700). Schön, aber auch informativ sind die meisten Illustrationen, darunter vor allem die aus dem Wetterjournal des Fabricius (66, 80, 91f., 104, 115, 132; Stadtarchiv Nürnberg) aus der Zeit um 1600. Solches Bildmaterial ist anderswo nicht zugänglich und daher um so interessanter.

Es mag als gewitzte Erzählstrategie des Autors, die sich den großen Erzählungen verweigert, erscheinen, wenn die Wetterereignisse erst in langen Abschnitten, dann jährlich chronikartig berichtet werden. Doch das ist nicht zu vermuten, denn die Berichterstattung ist zeitweise so spannend wie der Wetterbericht von gestern und kann außer dem - mit Recht - fehlenden Zusammenhang mit der übrigen Geschichte nichts vermitteln. Für Arbeiten dieser Art - und ähnliches gilt für andere Bereiche wie die historische Demographie, in denen der Forschungsaufwand in einem schlechten Verhältnis zum erzählbaren Ertrag steht - müssen wohl noch Erzählformen gefunden werden, die sowohl den methodischen als auch den forschungsstrategischen Ertrag ausreichend dokumentieren, ohne ausschließlich spezialistisch zu sein. Oder es müssen weitere, aufwändige, den Gegenstand in umfangreichere historische Zusammenhänge einbettende Forschungen geleistet werden, um das Wetter erzählbar zu machen.

Ein Beispiel dafür bietet neben Christian Pfister, der die Ergebnisse seiner klimahistorischen Forschung in die Reproduktionsstrategien der Agrargesellschaften einfügt, die Frage der globalen und regionalen Auswirkungen der Vulkantätigkeit auf das Klima und damit die Vegetation [4], eine Thematik, der sich auch Glaser widmet (203-205). Auch an anderen Stellen geht er über die Ergebnisse der Klimarekonstruktion hinaus, etwa wenn er die Auswirkungen strenger Winter nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für das Gewerbe (Stillstand der Wassermühlen durch Gefrieren der Gewässer, Zerstörung von gewerblichen, in vorindustrieller Zeit häufig am Wasser befindlichen Anlagen durch Eisgang, Transportmöglichkeiten) schildert (73), wenn er deutlich macht, dass nicht nur die Vegetation durch lange Winter geschädigt wird, sondern auch durch höhere Sterblichkeit und Futtermangel das Vieh. Dies hatte Folgewirkungen für Feldbestellung und Transport, letzterer war immerhin zu wenigstens der Hälfte an den Arbeiten in der Landwirtschaft wie auch des übrigen Gewerbes beteiligt (83).

Vorsichtig bleibt Glaser bei der Verknüpfung von Klimaereignissen mit sozialen Wirkungen wie der Hexenverfolgung (175f.). Auch hier wären ansonsten weitere Forschungen notwendig, um zumindest mit größerer Sicherheit ein Bedingungsverhältnis zwischen Klimaanomalien und sozialen Unruhen herstellen zu können. Gleichwohl wäre eben die Verknüpfung der Klimarekonstruktion mit historischen Ereignissen ein weites Feld, auf dem jenseits des - hoffentlich - überwundenen Determinismus das Klima mit seinen unmittelbaren physikalischen und biologischen Wirkungen in seine Rolle als eine unter gegebenenfalls vielen weiteren Bedingungen historischen Geschehens eingesetzt werden kann. Ein aufwändiges und ehrgeiziges Ziel, dem die Arbeiten von Glaser - und anderen - methodisch und faktisch in entscheidender Weise vorgearbeitet haben, das jedoch keineswegs erreicht ist. Wichtig erscheint dafür die noch stärkere Berücksichtigung und Ausfächerung der räumlichen Dimension historischer Prozesse, die eine zuverlässigere Zuordnung nicht selten regional begrenzter klimatischer Ereignisse zu gleichzeitigen wirtschaftlichen wie sozialen Prozessen erlaubt.

Anmerkungen:

[1] Hubert H. Lamb: Climate: present, past, and future. Vol. 1 Fundamentals and climate now, Vol. 2 Climatic history and the future, London 1972/1977; Emanuel Le Roy Ladurie: L'histoire du climat depuis l'an mil, 2 t., Paris 1983.

[2] Hermann Flohn: Witterung und Klima in Deutschland : Entwurf zu einer allgemeinen Klimatologie Mitteleuropas, Leipzig 1942 (2. Auflage Stuttgart 1954); Hans von Rudloff: Die Schwankungen und Pendelungen des Klimas in Europa seit dem Beginn der regelmäßigen Instrumenten-Beobachtungen (1670) mit einem Beitrag über die Klimaschwankungen in historischer Zeit, Braunschweig 1967.

[3] Christian Pfister: Klimageschichte der Schweiz 1525-1860, 2. Bde., 2. Auflage, Bern 1985; ders.: Wetternachhersage, Bern 1999.

[4] John D. Post: The last great subsistence crisis in the Western World, Baltimore 1977; ders.: Food shortage, climatic variability, and epidemic disease in preindustrial Europe : the mortality peak in the early 1740s, Ithaca 1985.


Rezension über:

Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, Darmstadt: Primus Verlag 2001, VIII + 227 S., 71 Abb., ISBN 978-3-89678-405-6, EUR 39,90

Rezension von:
Jörn Sieglerschmidt
Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim
Empfohlene Zitierweise:
Jörn Sieglerschmidt: Rezension von: Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas. 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, Darmstadt: Primus Verlag 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 6 [15.06.2002], URL: http://www.sehepunkte.de/2002/06/1489.html


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